Simon Joda Stößer besucht Jusos

„Freifunk Bremen“ strebt nicht nach Profit

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Juso Daniel Helms (rechts) hieß Freifunker Simon Stößer als Referenten im Hotel „Zur Wasserburg“ willkommen.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Sie schicken keine Installateure, die Router für „Hotspots“ einrichten. Sie betreiben ehrenamtlich ein freies WLAN-Netz, das stetig wächst. Die Rede ist von den „Freifunk“-Betreibern. Die gibt es auch in Bremen. Viele von ihnen sind Studenten. Simon Joda Stößer gehört zu dieser Community. Er beantwortete am Donnerstagabend auf Einladung der Jusos im Harpstedter Hotel „Zur Wasserburg“ etliche Fragen der rund 20 Anwesenden.

„Wir liegen hier in einer Mischzone. Der Amtshof hat Freifunk Bremen, während die Musikschule Freifunk Nordwest nutzt“, sagte Juso Daniel Helms einleitend.

Sodann kam der Referent zu Wort. „Der Effekt von Freifunk ist frei zugängliches WLAN. Dahinter aber verbirgt sich ein Zusammenschluss von Menschen, die ein Datennetz auf der Basis von WLAN-Routern aufbauen wollen, das nicht der Telekom oder Vodafone gehört, sondern nur den Bürgern. Es geht ganz viel um Zensurresistenz wider staatliche Blockierungsversuche“, erläuterte Stößer. Alle Freifunk-Communities seien bestrebt, „dass die Daten frei fließen können, dass nicht YouTube über Netflix präferiert wird, dass offen kommuniziert wird und die Leute mithelfen, das Netz aufzubauen“. Vor allem arbeiteten sie komplett ehrenamtlich und freiwillig.

Nein, Freifunk sei entgegen landläufiger Meinungen weder ein Internet- oder Hotspot-Anbieter noch ein Radiosender. „Wir wollen keinen Gewinn erzielen. Wenn wir Geld akquirieren, etwa aus Spenden, fließt es immer wieder zurück in die technische Infrastruktur. Die Leute, die sich einbringen, werden nicht bezahlt“, so Stößer.

Als er zur technischen Grundidee überleitete, spitzten die Zuhörer die Ohren. Für die Freifunk-Nutzung bedürfe es nur eines Routers, wobei nicht jeder geeignet sei, und einer speziellen Software, die per Download auf das Gerät geladen werde. Jede Community habe eigene Programme. Seien zwei Router in Funkreichweite, „verbinden die sich untereinander“. Und stünden viele Geräte auf diese Weise in Kommunikation miteinander, resultiere daraus ein eigenes Netz, das „alles kann, was Internet kann“.

Richtfunk wäre die elegantere Lösung

Allerdings: „Geräte, die hier in Harpstedt stehen und andere, die wir in Bremen haben, ,sehen’ sich nicht. Zwischen den beiden Standorten gibt es keinen Funkverkehr. Was machen wir also? Wir schließen den Router, den wir hier vor Ort haben, ans Internet an. Er sucht dann via Web unsere Server. Diese stehen hauptsächlich in Bremer Rechenzentren. Dort treffen sich sozusagen alle Geräte wie auf einem Marktplatz und können so über das Internet eben doch miteinander ,reden’, obwohl sie nicht in Funkreichweite sind“, erläuterte Stößer.

Damit der Freifunk-User in die sozialen Netzwerke gehen, seine E-Mails checken und alle anderen Web-Funktionen nutzen könne, bediene sich die Community eines Tricks: „Da wir ohnehin Server in Bremen stehen haben, die uns helfen, all die Router zu vernetzen, gehen über die Online-Zugänge eben dieser Rechner die Freifunknutzer ins Internet.“ Der User müssten genau deshalb keine Angst davor haben, dass ein anderer über sein WLAN „illegale Sachen“ macht, denn sein eigener Online-Zugang werde ja überhaupt nicht genutzt – beziehungsweise ausschließlich dazu, auf den „Marktplatz“ zu kommen.

Daraus ergebe sich aber wiederum die Notwendigkeit für den Freifunk Bremen, sich selbst vor etwaiger Störerhaftung zu schützen. Die Community wolle schließlich bei missbräuchlicher oder krimineller Netz-Nutzung, die sie nicht selbst zu verantworten habe, keine Abmahnungen, Klagen oder Geldstrafen bekommen. Zwar habe der Freifunk Bremen mit solchen Fällen noch nie zu tun gehabt; gleichwohl müsse er gewappnet sein.

Abhilfe bringt das „Provider-Privileg“

Die Lösung des Problems sei das „Provider-Pivileg“: „Loggen Sie sich bei der Telekom in einen öffentlichen Hotspot ein, ist der Konzern nicht für Sie verantwortlich, falls Sie illegal was runterladen. Einer unserer Freifunker hat eine Firma – und dadurch auch dieses ,Privileg'. Droht ihm jemand mit der Störerhaftung, beruft er sich darauf, dass er selbst ein Provider ist und deshalb nicht haftbar gemacht werden kann. So machen's nicht nur Freifunker, sondern alle – auch die Telekom und Vodafone.“

Die Bremer Community betreibe keine Vorratsdatenspeicherung. „Wir wollen so wenig wie möglich über unsere Nutzer wissen. Irgendwas zu protokollieren, widerspräche unserem Grundgedanken“, erläuterte Stößer. Leider sei die Störerhaftung trotz veränderter Rechtslage nicht komplett abgeschafft.

Von den rund 800 bestehenden Routern im Freifunk-Bremen-Netz seien etwa 700 rund um die Uhr eingeschaltet. Tagsüber gingen bis zu 1700 User in dieses WLAN.

Die Verbindung der Peripherie mit den Servern in Bremen via Internet sei eine technische „Krücke“, verschwieg Stößer nicht. Er brachte eine elegantere Option ins Spiel: „Man könnte sich etwa hier in Harpstedt und in Bremen jeweils ein hohes Gebäude suchen und von A nach B eine Richtfunkstrecke aufbauen, sofern keine Sichthindernisse, etwa in Form hoher Bäume, dazwischen liegen. Unsere bislang längste Strecke ist zwar nur 650 Meter lang, aber in Bremen bringt sie schon recht viel. So gibt es dort ein Parzellengebiet, dem wir über Freifunk erst den Zugang zum Internet ermöglicht haben.“

Eingehend diskutierten die Zuhörer mit Simon Stößer über technische Fragen, Machbarkeiten und Grenzen. Die Netzsicherheit war ebenfalls Thema. Selbst Online-Banking sei über Freifunk möglich, sagte Stößer. „Aber immer in der Adressleiste auf der Schaltfläche zur Webseitenidentität auf das grüne Schloss achten“, riet er. „Verschlüsselung ist wichtig.“ Weitere Infos zum Freifunk sind online nachzulesen.

bremen.freifunk.net

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