Abstimmung über Nachfeier-Tag von 1970

Pragmatik obsiegt über Tradition

Treuer Ausmarschierer und Initiator der Abstimmung über die Änderung des Nachfeier-Termins: Johann Schumacher (Mitte) wurde 2008 auf dem Marktplatz für 60 Jahre aktive Teilnahme am Harpstedter Schiebenscheeten geehrt.
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Treuer Ausmarschierer und Initiator der Abstimmung über die Änderung des Nachfeier-Termins: Johann Schumacher (Mitte) wurde 2008 auf dem Marktplatz für 60 Jahre aktive Teilnahme am Harpstedter Schiebenscheeten geehrt.

Harpstedt – Am Sonnabend nach Pfingsten feiert Harpstedt das Schiebenscheeten „nach“. Zumindest in normalen Zeiten. Wer aber glaubt, das sei schon nimmer so gewesen, irrt sich.

DJ Toddy wird in diesem Jahr mit seiner „Nachfeier@Home“ die traditionelle – coronabedingt ausfallende – Nachfeier zum Harpstedter Schiebenscheeten nicht ersetzen können. Das soll er aber auch gar nicht. Es geht um ein kleines Trostpflaster, ein bisschen Vergnügen und gute Laune in einer Zeit, da gefühlt fast alles brach liegt, was das Leben lebenswert macht. Wie eben auch die Nachfeier. Die wäre eigentlich an diesem Sonnabend nach Pfingsten gefeiert worden.

Wann auch sonst? Wer schon ein paar Jahre in Harpstedt lebt, muss diesen Termin auf keinem Plakat nachlesen; er ist längst geläufig und natürlich auch in der 500-Jahr-Chronik der Harpstedter Bürgerschützen vermerkt. Die Älteren aber werden sich erinnern: Der Sonnabend hat die Schiebenscheeten-Woche nicht traditionell beendet. Bis einschließlich 1970 feierten die Harpstedter am Sonntag nach Pfingsten „nach“.

Es war damals nicht einfach, einzelne Tage Urlaub zu nehmen.“

Hermann Bokelmann

Altbürgermeister Hermann Bokelmann entsinnt sich: „Da zum Schiebenscheeten bei Ackerbürgern und Handwerkern die Arbeit ruhte, war es nicht so tragisch, wenn am darauffolgenden Montag auch etwas Arbeit ausfiel. Ob die Ausfalltage der Gesellen aber bezahlt wurden, ist fraglich. Das wurde bald – nach 1948 – für viele Harpstedter Bürger, die auswärts arbeiteten, zum Problem. Wollten sie das Schiebenscheeten mitmachen, mussten sie einen oder zwei Tage Urlaub beantragen und für den Montag, also direkt nach der Nachfeier, einen zusätzlichen Tag.“ Das schmerzte schon, zumal Arbeitnehmer früher weniger „Erholzeiten“ zugestanden bekamen als heutzutage. Auch sei es nicht einfach gewesen, einzelne Tage Urlaub zu nehmen, weiß Bokelmann.

Für die Mehrzahl der Arbeitnehmer war der Samstag oder Samstagnachmittag arbeitsfrei. In vielen Betrieben war bereits die Fünf-Tage-Woche eingeführt worden.“

Johann Schumacher

Die Forderung nach einer Verlegung der Nachfeier auf den Sonnabend lässt sich als logische Konsequenz aus dieser Misere durchaus nachvollziehen. Johann Schumacher, der an der Logestraße aufwuchs und schon in den 1930er-Jahren als kleiner Junge die Schützenfest-Trommel hörte, wenn beim Nachbarn und Korporal Wilhelm Horstmann (Bokeloh) die Bürgerschützen antraten (er selbst war als Rekrut erstmals 1948 dabei), hat dieses Kapitel im 500-Jahr-Buch der Bürgerschützen unter „Neuerungen“ korrekt beschrieben: „In den Jahren vor 1970 wurde von vielen Harpstedter Bürgern und besonders den auswärts beschäftigten Arbeitnehmern wiederholt der Wunsch geäußert, die Nachfeier von sonntags auf samstags zu verlegen. Für die Mehrzahl der Arbeitnehmer war der Samstag oder Samstagnachmittag arbeitsfrei. In vielen Betrieben war bereits die Fünf-Tage-Woche eingeführt worden. Der auf die Nachfeier folgende Tag ist dann ein Sonntag und für den unermüdlichen Schützenfestler kein Urlaub am Montag erforderlich.“

Schlicht, aber zweckmäßig: der Stimmzettel.

Schumacher hielt den vielfach geäußerten Bürgerwunsch für berechtigt und ergriff die Initiative: „Mir kam derzeit der Gedanke“, so schreibt er weiter in der Chronik, „durch eine Abstimmung der Festteilnehmer eine Entscheidung in dieser Angelegenheit herbeizuführen (...). Oberst Alfred Knolle war mit dieser Aktion einverstanden und ordnete an, dass in allen vier Rotts (...) Stimmzettel zur Abstimmung über die Nachfeier – sonntags oder künftig samstags – ausgeteilt wurden, damit die Bürgerschützen mehrheitlich entscheiden könnten.“

Und das taten sie dann auch: Im I. Rott von Korporal Gustav Knolle (der von 1962 bis 1980 den Spieß trug) votierten 34 Stimmberechtigte für den Samstag und nur sieben für den Sonntag. Im II. Rott von Korporal Johann Lakewand (1954–1973) gab es eine 34:19-Mehrheit und im vierten Rott von Korporal Christel Wulferding (1969–1990) eine 39:11-Mehrheit für den Sonnabend. Nur im III. Rott von Korporal Fritz Lakewand (1956–1972) wollte der überwiegende Teil der Stimmberechtigten (52) den Sonntag beibehalten; auf den Sonnabend entfielen hier aber immer noch 35 Stimmen. Insgesamt gab es ein recht deutliches 142:89-Votum für den neuen und gegen den alten Termin.

Initiator kümmert sich selbst um Stimmzettel

Der Leitspruch „Dat Ole schall blieben“ griff in diesem Fall also ausnahmsweise mal nicht. Pragmatik obsiegte über Tradition – mit dem Ergebnis, dass seit 1971 stets sonnabends nach Pfingsten „nachgefeiert“ wird.

Bemerkenswert findet Hermann Bokelmann, dass Initiator und Ideengeber Johann Schumacher, der sogar selbst die Stimmzettel anfertigte, den Oberst von der Abstimmung durch die aktiven Bürgerschützen überzeugen konnte, obwohl Alfred Knolle als Bäckermeister sonnabends immer einige Dörfer mit Brot aus seiner Bäckerei versorgt habe. Klar ist: Ohne das Engagement dieses Bürgerschützen und Schreibers im I. Rott wäre die Terminverlegung damals noch nicht vollzogen worden. „Die Diskussion hätte sicher noch länger gedauert – und die Entscheidung über eine Änderung erfahrungsgemäß auch“, ahnt Bokelmann.

Wäre Corona nicht dazwischengefunkt, hätten Harpstedts Bürgerschützen schon 2020 zum 50. Mal sonnabends „nachgefeiert“. Bleibt zu hoffen, dass ihnen das zumindest im kommenden Jahr vergönnt ist.

Johann Schumacher hielt dem Schiebenscheeten übrigens die Treue. 2008 wurde er für 60 Jahre aktive Teilnahme während des Bataillonsappells auf dem Harpstedter Marktplatz geehrt.

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