Von Liegenschaften und Lebensläufen

Muna Dünsen vor 75 Jahren: Karger Wohnraum für viele Vertriebene

In der früheren Kommandantur sollen sechs Mietwohnungen entstehen. Planerisch ist das Vorhaben bereits angeschoben.
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In der früheren Kommandantur sollen sechs Mietwohnungen entstehen. Planerisch ist das Vorhaben bereits angeschoben.

Dünsen – Dass die ehemalige Kommandantur in der früheren Munitionsanstalt (Muna Dünsen) umgebaut werden soll, um dort sechs Mietwohnungen zu schaffen, nimmt Hermann Bokelmann (92) zum Anlass für einen Rückblick auf das Jahr 1946. Damals wurde in der Muna das DRK-Altersheim eingerichtet.

„Vor 75 Jahren gab es eine große Verschiebung in der Bevölkerung. Ostpreußen fiel zum Teil an die Sowjetunion; die südlichen Kreise gingen an Polen. Polen bekam auch Pommern, Westpreußen und Schlesien bis an die Oder-Neiße-Linie; dafür musste es große Teile von Ostpolen an die Sowjetunion (Ukraine) abgeben. Die dortigen polnischen Einwohner wurden aus ihrer Heimat in vormals deutsche Provinzen umgesiedelt. Damit dafür Platz war, wurden die Deutschen aus ihrer Heimat vertrieben. Das war die Folge des Nazi-Krieges“, beschreibt Bokelmann den historischen Kontext.

Im späteren Niedersachsen hätten rund 1,8 Millionen Vertriebene aus den ostdeutschen Provinzen untergebracht werden müssen, „obwohl die damaligen Wohnverhältnisse keinesfalls dem heutigen Standard entsprachen“. Allerorten, so der 92-Jährige, „mussten Wohnräume zur Verfügung gestellt werden und die Einheimischen zusammenrücken. Vielfach nutzte man ehemalige Wehrmachtbaracken. In Harpstedt zogen Vertriebene in das vormalige Reichsarbeitsdienstlager am Schützenplatz.“

Altersheim für 240 ältere Menschen, vorwiegend aus Schlesien

In den Gebäuden der Muna Dünsen fanden viele Vertriebene kargen Wohnraum; für 240 ältere, vorrangig aus Schlesien, errichtete das DRK ein Altersheim. „Dafür übernahm es die ehemalige Kommandantur sowie die gegenüberliegende große Kaserne und die Casino-Küche – beide Gebäude sind inzwischen abgerissen –, ferner die kleine Kaserne, also das jetzige Sportfunktionsgebäude des SC Dünsen, und die ersten beiden Offiziershäuser am heutigen ,Im Waldeck". Die Unterbringung lässt sich mit heutigen Ansprüchen nicht vergleichen. Es gab keine Zimmer mit Nasszelle. Während Soldaten in Etagenbetten schliefen, verliefen im Altersheim nur schmale Gänge zwischen den Betten, sodass kaum Platz für Tisch und Stuhl war. Die Heizung fiel im kalten Winter oft aus; da half es wenig, die Ritzen der Fenster mit Moos zuzustopfen“, weiß Bokelmann, der selbst in Dünsen aufwuchs.

 Sie wollten nicht in fremder, sondern in Heimaterde beerdigt werden.

Hermann Bokelmann

Die Alten hätten ihr Schicksal nicht verstanden. Oft fragten sie Bokelmann: „Wann können wir denn wieder zurück in die Heemte?“ Gemeint war die Heimat. Bokelmann spürte, worum es den alten Menschen ging: „Sie wollten nicht in fremder, sondern in Heimaterde beerdigt werden.“ Heute fragt er sich, ob sich alle Norddeutschen bewusst sind, dass sie das große Glück hatten, in ihrer Heimat bleiben zu dürfen. Bokelmann: „Über den Wert der Heimat sollte mehr nachgedacht werden!“

Kleine Randnotiz: Als 1958 die Bundeswehr das Munagelände übernahm, errichtete der DRK-Kreisverband in Bruchhausen-Vilsen ein modernes Heim, das noch immer besteht.

Kaufhausbesitzer Hasse aus Königsberg (...) hatte keine D-Mark, aber Aktien. Er wartete auf deren Aufwertung. Die kam später. Hasse hat sie nicht mehr erlebt.“

Hermann Bokelmann

Unterschiedliche Schicksale sind Bokelmann im Gedächtnis geblieben: „In der Kommandantur wohnten zwei ,bessere alte Herren". Der pensionierte Reichsbahn-Oberinspektor Schormann bekam 1948, gleich nach der Währungsreform, seine Pension in D-Mark. Kaufhausbesitzer Hasse aus Königsberg hatte kaum Bekleidung; als Jackett trug er eine ,Kletter-Weste", ein Uniformstück der Nazi-Mädchen. Er hatte keine D-Mark, aber Aktien. Er wartete auf deren Aufwertung. Die kam später. Hasse hat sie nicht mehr erlebt.“

Auf Facebook kursierte kürzlich ein Foto, das einen Teil der kleinen Badeanstalt der Muna zeigte, die zwischen Casino-Küche und Sanitätsgebäude (heute „Sommer und Backhaus“) lag. Hermann Bokelmann vermutet, dass es sich um einen Feuerlöschteich handelte, der gerne als „Schwimmbad“ genutzt wurde. „Leider fehlte die Umwälzanlage, sodass an ganz warmen Tagen das Wasser grün wurde und die Leute lieber den weiten Weg zur Hunte in Wildeshausen nahmen“, erinnert er sich.

Schwimmen gelernt hat hier so mancher in längst vergangenen Tagen. Quelle: Facebook

Vor der Muna hätten insgesamt neun große Baracken gestanden. Vertriebene seien eingezogen. „Anfang 1949 gab es davon in Dünsen 554; die alteingesessene Bevölkerung zählte nur 283 Köpfe“, hat Bokelmann recherchiert.

Oberingenieur Oskar Ackermann eröffnete die in Wuppertal ausgebombte Fabrik für Spezialsicherungen, die lange existierte. Der Schlesier Fritz Baumgarten fertigte wieder Holzwolle und Bauplatten. Versuche mit anderen Bauplatten startete erfolglos eine Firma mit Rolf Schmiedekampf, der später nach Harpstedt zog und ein erfolgreicher Handelsvertreter war.“

Hermann Bokelmann

Die großen Hallen in der Muna boten Vertriebenen gute Möglichkeiten, ihren alten Beruf auszuüben oder Existenzen zu gründen. Bokelmann: „Emil Genuhn und Sohn Ulrich fingen ein Fuhrgeschäft an. Die Lkw hatten Holzgasantrieb. Oskar Arnold, schlesischer Bauer, der ein Domizil in Klosterseelte fand, musste für die Fahrzeuge Holz hacken – notfalls auf dem Laster. Seilermeister Fritz Gehrke drehte wieder Seile und Taue. Eberhard Fischer gründete die Norddeutsche Matratzenfabrik, die aber ebenso wie die Prosalo-Arzneimittelfabrik die Währungsreform von 1948 nicht lange überlebte. Bäcker Hirdler aus Schlesien versorgte die Vertriebenen mit Schlesier-Brot. Tischlermeister Hans Kraus errichtete in der alten Tor-Wache seine Werkstatt. Oberschlesier Nowack eröffnete die Waldschänke – und seine Tochter im selben Gebäude ein Lebensmittelgeschäft. Oberingenieur Oskar Ackermann eröffnete die in Wuppertal ausgebombte Fabrik für Spezialsicherungen, die lange existierte. Der Schlesier Fritz Baumgarten fertigte wieder Holzwolle und Bauplatten. Versuche mit anderen Bauplatten startete erfolglos eine Firma mit Rolf Schmiedekampf, der später nach Harpstedt zog und ein erfolgreicher Handelsvertreter war.“

Ein 14-Jähriger, dessen Eltern ihren Hof in Pommern östlich der Oder verloren, beendete in den Kriegswirren 1945 nicht mehr die Schule. Er meisterte das Leben ohne Schulabschluss an verantwortungsvoller Stelle.“

Hermann Bokelmann

Von Vertriebenen, die in den Dörfern der heutigen Samtgemeinde unterkamen, blieb Bokelmann, damals Landbriefträger, manches Schicksal in Erinnerung: „Hermann Winkler, Bürgermeister und Bauer in Schlesien, ,wohnte" mit seiner Frau in Schulenberg in einem kleinen alten Speicher. Er hatte eine Wolldecke hinter die undichte Tür gehängt. Die bot aber nur wenig Schutz gegen Kälte. Ein 14-Jähriger, dessen Eltern ihren Hof in Pommern östlich der Oder verloren, beendete in den Kriegswirren 1945 nicht mehr die Schule. Er meisterte das Leben ohne Schulabschluss an verantwortungsvoller Stelle.“

Und auch das blieb in Bokelmanns Gedächtnis haften: „Zwei Ostpreußen kamen mit ihren Pferden nach Harpstedt: Richard Ehlert züchtete seine Trakehner-Pferde fern der Heimat. Albert Steppath fuhr mit seinem Gespann vielen Harpstedtern Müll und Schiet weg.“

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