INTERVIEW Peter Schmitz und Roar Abel zur herausfordernden Situation in Pflegeheimen

„Müssen auf eigene Kraft vertrauen“

Nah an Delmenhorst: das Altenpflegeheim Hildegardstift in der Gemeinde Groß Ippener.
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Nah an Delmenhorst: das Altenpflegeheim Hildegardstift in der Gemeinde Groß Ippener.

Harpstedt/Groß Ippener – Das Virus draußen halten und großen Hygieneaufwand im ohnehin schon ausgesprochen anstrengenden Pflegealltag treiben: Das und mehr stellt auch die vier Altenpflegeheime in der Samtgemeinde Harpstedt während der Coronapandemie vor immense Herausforderungen. Unsere Zeitung hat den Einrichtungen dazu jeweils Fragen gemailt. Zwei entschieden sich prompt, schriftlich darauf einzugehen. Optional wäre das auch mündlich möglich gewesen. Für das Hildegardstift der Caritas in Groß Ippener antwortete Geschäftsführer Peter Schmitz und für das DRK-Seniorenzentrum Harpstedt Roar Abel vom DRK-Kreisverband Oldenburg-Land – „in Abstimmung“ mit dem Pflegeheim, wie er betont.

Vermutlich kommen Sie momentan, da das Infektionsgeschehen in der Samtgemeinde Harpstedt gewaltig zugelegt hat, jeden Morgen mit einem flauen Gefühl im Magen an Ihren Arbeitsplatz. Schwingt die Angst vor schlechten Nachrichten immer mit? Wie kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der enormen Verantwortung klar? Das muss doch auch für sie psychisch hochgradig belastend sein.

Schmitz: Dieses flaue und stark angespannte Gefühl haben wir schon seit März, denn seit den ersten Infektionen war uns klar, dass wir in der Betreuung von ausschließlich zur Risikogruppe zu rechnenden Menschen eine besondere Verantwortung haben und gleichzeitig besonders im Blick der Öffentlichkeit stehen. Auch die Medien waren in der ersten Zeit für unsere Arbeit zum Teil nicht hilfreich, denn im Falle eines Ausbruchs ist es damals sehr schnell zu Vorverurteilungen gekommen. Dies alles führt zu einer starken psychischen Belastung auch der Mitarbeitenden direkt in der Pflege. Da muss ich hier ganz deutlich sagen: Sie haben das bisher extrem gut und engagiert gemacht, und wenn man ihnen den Druck mal anmerkt, dann muss man einfach nur Verständnis haben. Denn die Mitarbeitenden leben außerdem mit dem Druck, kein Virus aus ihrem Privatleben mitzubringen. Das ist noch mal eine Steigerung der Verantwortung.

Abel: Natürlich geht das aktuelle Pandemiegeschehen auch an uns nicht spurlos vorbei. Die Sorge, dass es auch in unserer Einrichtung zu einem Infektionsfall kommen kann, beschäftigt uns und unsere Mitarbeiter*innen gleichermaßen. Dennoch versuchen wir alle, für die Bewohnerinnen und Bewohner ein hohes Maß an Normalität im Alltag vermitteln zu können.

Die Sorge vieler Menschen gilt in diesen Tagen ihren Angehörigen in Altenpflegeheimen. Einige Pflegeeinrichtungen im Landkreis Oldenburg konnten das Coronavirus nicht mehr fernhalten. Bekommen Sie viele Anrufe von Angehörigen, die befürchten, das Infektionsgeschehen könnte auch Ihre Einrichtung treffen?

Schmitz: Viele solcher Nachfragen gibt es eigentlich nicht. Natürlich sind die Angehörigen in Sorge, aber bei Besuchen sehen sie und sprechen zudem oft mit uns darüber, was alles getan wird; die allermeisten sind sehr dankbar für die Betreuung ihrer Angehörigen, denn sie wissen auch, dass es nahezu keine Alternative oder weniger belastende Umstände geben kann zur Zeit. Und nach acht Monaten ohne Ausbruchsgeschehen im Hause können viele ganz gut das allgemeine Lebensrisiko einschätzen. Garantien kann allerdings niemand geben.

Abel: Auch für die Angehörigen ist die aktuelle Situation verständlicherweise sehr belastend. Daher erreichen uns, auch bedingt durch die jüngste Berichterstattung, vermehrt Anrufe und Nachrichten besorgter Angehöriger.

Was tun Sie, um das Virus möglichst erfolgreich „draußen zu halten“? Wie oft werden die Mitarbeitenden getestet? Welche Beschränkungen gelten aktuell für Besucher?

Schmitz: Es gibt natürlich ein Besuchskonzept, und dieses schränkt die Anzahl der Besucher und deren Bewegungsfreiheit im Hause ein. Es lässt aber persönliche Besuche zu, und das ist das Wichtigste. Das haben wir seit Himmelfahrt so, und es hat sich bewährt, auch weil unsere Mitarbeitenden und insbesondere die Leitung vor Ort dieses konsequent einhalten. Ein Besucher beim Bewohner/bei der Bewohnerin und gleichzeitig generelle Begrenzung der Anzahl – das stellt eine gute Nachverfolgbarkeit sicher und verhindert, dass sich die Besucher untereinander zu nahe kommen. Die Allermeisten akzeptieren das. Ich habe aber auch schon bei Missachtung der Regeln ein Hausverbot androhen müssen. Manche sind uneinsichtig, und das kann maximalen Schaden anrichten. Alles, was wir tun, senkt hoffentlich das Risiko. „Coronasicher“ gibt es nicht – es sei denn, man unterbindet jeden Besuch.

Abel: Um die Gesundheit unserer Bewohner*innen, aber auch unserer Mitarbeiter*innen bestmöglich zu schützen, wenden wir ein mit dem Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg abgestimmtes Hygienekonzept an. Für alle außenstehenden Personen gilt ein Besuchskonzept. So müssen sich die Besucherinnen und Besucher beispielsweise im Vorwege anmelden, ebenfalls die Hygieneregeln einhalten und die Auflagen zur Kontaktnachverfolgung erfüllen. Angesichts des sich aktuell sehr dynamisch entwickelnden Infektionsgeschehens im Landkreis und in den angrenzenden Kommunen ist ein Restrisiko für die Einschleppung einer Infektion in eine Einrichtung unserer Größenordnung leider dennoch nicht zu vermeiden.

Reicht das alles aus? Oder müsste nach Ihrer Ansicht noch mehr geschehen?

Schmitz: Wir haben zwar eine gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt, aber letztlich merkt man doch, dass man in der Verantwortung recht allein steht. Politische Erklärungen auf oberster Ebene werden oft vom Stapel gelassen und wecken Erwartungen, die wir ad hoc kaum umsetzen können. Bereits im Frühjahr hieß es, dass in den Pflegeeinrichtungen „jetzt getestet“ werde; da war bei uns jedenfalls nichts, weil auch gar nichts zur Verfügung stand. Jetzt sollen wir die Schnelltests bekommen. Unser Konzept ist geschrieben. Die Tests sind bestellt. Aber natürlich müssen wir alles selbst machen, weil es ja gar nicht mehr Kräfte gibt, die es tun könnten. Übrigens war auch die Corona-Prämie, die wir von Herzen allen Mitarbeitenden als Anerkennung ihrer Belastungen gönnen, mit einer deutlichen Bürokratie verbunden. Dazu stand im Anschreiben an die Träger der Einrichtungen: „Der Verwaltungsaufwand wird erwartet.“ Am Ende steht man eben allein da. Deshalb müssen wir uns selber freuen, wenn wir die Lage meistern, und auf eigene Kraft vertrauen. Was nützen da Wünsche, wenn man als Praktiker seit über 20 Jahren weiß, dass Pflegekräfte knapp sind? Es bleibt die Hoffnung, dass das Berufsbild der Pflege echtes Interesse bei Politik und Sozialversicherung findet – nicht nur Applaus in Krisenzeiten. Wie gesagt: Hoffnung!

Abel: Wir stehen sehr eng mit dem Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg in Kontakt und erhalten viel Unterstützung. Wir sehen hier im Rahmen dessen, was aktuell leistbar ist, keinen großen Spielraum für weitere Maßnahmen. Es gilt die Zeit bestmöglich zu überbrücken, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht.

In welchem Maße erhöhen die Corona-Vorgaben die Arbeitsbelastung? Bewegen sich die Mitarbeitenden schon an der Grenze des Leistbaren?

Schmitz: Diese Grenzen sind erreicht. Noch halten die meisten Mitarbeitenden es aus. Die Belastung ist erstens durch psychischen Druck gestiegen, wie bereits erwähnt. Der Arbeitsalltag hat sich aber auch stark differenziert durch erhöhte Schutzmaßnahmen, ganztägiges Masketragen, verstärktes Desinfizieren, mehr Dokumentation im Interesse von Kontaktnachverfolgung und ständig neue Anforderungen, die ja auch kommuniziert und verstanden sein wollen. Dass es schon so lange so gut geleistet wurde, nötigt höchsten Respekt ab. Ich hoffe nicht nur, dass flächendeckend endlich faire Vergütungen selbstverständlich werden –wir haben immer bestmöglich gezahlt –, sondern dass die Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe tatsächlich positiv dargestellt und nicht immer nur defizitorientiert betrachtet wird. Es wird sehr viel geleistet. Das verdient Anerkennung auf Dauer.

Abel: Unsere Mitarbeitenden gehen sehr professionell mit der Zusatzbelastung um, um auch in dieser schwierigen Zeit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern ein Höchstmaß an Normalität und Sicherheit im Alltag vermitteln zu können.

Von Jürgen Bohlken

Für das Hildegardstift antwortete Geschäftsführer Peter Schmitz auf den Fragenkatalog.
Im DRK-Seniorenzentrum Harpstedt ist auch die Gemeindeschwesternstation angesiedelt.
Für das DRK-Seniorenzentrum Harpstedt äußerte sich Roar Abel vom DRK-Kreisverband.

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