Vorgeschichte der ehemaligen Knochenmühle

Ein Müller mit Pioniergeist: Willi Bartels

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Um 1949 entstand diese Aufnahme der Mühle. Das Bild zeigt die Mitarbeiter und die Unternehmerfamilie, darunter Firmengründer Dietrich Bartels (3.v.r.) sowie dessen Sohn Willi (5.v.r.), der die Firma in zweiter Generation leitete.

Holtorf - Von Jürgen Bohlken. Die Vorgeschichte der ehemaligen Knochenmühle in Holtorf als Produzent von Holzmehl sei in dem am 11. Januar in unserer Zeitung veröffentlichten Bericht etwas zu kurz gekommen, finden Ulrich und Dieter Bartels.

Über 45 Jahre hinweg habe sich eine sehr erfolgreiche Unternehmensentwicklung erstreckt; das werde heute „leider häufig totgeschwiegen“, bedauern die beiden Söhne des früheren Betreibers Willi Bartels (1920–1992), die heute in Twistringen leben. In ihrem Vater sehen sie einen Pionier und begnadeten Entwickler mit großem technischen Sachverstand, der sich Kenntnisse und Fertigkeiten autodidaktisch beibrachte und auch „ein landesweit anerkannter Technischer Sachverständiger war“. Von großen Bremer Firmen habe er Hobel- sowie Sägespäne aufgekauft und daraus Holzmehl für die Deutschen Linoleum-Werke (DLW) hergestellt. Täglich sei ein voll beladener Lkw zu dem Abnehmer nach Delmenhorst gerollt. Die DLW hätten den natürlichen Rohstoff als Grundstoff für die Linoleumproduktion benötigt. Der organische Füllanteil habe sich zwischen zehn und 20 Prozent bewegt.

Leicht als Idylle romantisiert: Dieses Gemälde von Malermeister Bahrs zeigt Mühle, Sägerei und Wohnhaus.

Das Holzmehl musste in Partikelgröße, Farbe, Holzsorte und Dichte sehr spezielle Vorgaben erfüllen. Die Herstellung setzte Know-how, fachliche Kenntnisse und langjährige Erfahrung voraus. Weil sich die bekannten Müllereimaschinen dafür nicht eigneten, entwickelte Willi Bartels eine spezielle Verfahrenstechnik, um den Qualitätsansprüchen zu genügen. „Er brauchte vier Hammermühlen und vier riesige Mühlsteine. Die sogenannten Plansichter dienten zum Aussieben der Sägemehlfraktionen nach Korngrößen. Vereinfacht ausgedrückt, fielen die ganz feinen Anteile hindurch; die gröberen wurden zu den Hammermühlen zurückgeführt und so lange gemahlen, bis auch sie durch den Sichter gingen. Ein Kreislauf sozusagen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass unser Vater mit einer Maschinerie im industriellen Maßstab produzierte“, weiß Dieter Bartels.

Die Holzmehlherstellung barg zugleich ein großes Risiko in sich: Bei einem bestimmten Mischungsverhältnis von Staub und Luft kann ein einziger Funke eine Staubexplosion auslösen. In dem Holtorfer Unternehmen passierte das mehrfach. „Zum Glück“, so Dieter und Ulrich Bartels, seien nie Verletzte oder gar Todesopfer zu beklagen gewesen. Ihr Vater stand zunächst vor einem Rätsel, ehe ihm ein Licht aufging, was genau die Verpuffungen verursachte. Er baute dann sogar eine „Explosionskammer“ in Form eines Anbaus mit leichten, dünnen Wänden, um die potenzielle Katastrophe gewissermaßen zu lenken. Will heißen: Wenn sich eine Staubexplosion schon nicht verhindern ließe, sollte es genau in dieser Kammer „knallen“.

Strom aus der Torfvergasung

Doch das Risiko blieb unberechenbar: 1956 zerstörte eine Staubexplosion mit einem daraus resultierenden Großbrand die Mühle komplett. Zu allem Überfluss musste sich der Unternehmer nach dieser schlimmen Tragödie mit kriminalpolizeilichen Ermittlungen und dem Vorwurf vorsätzlicher Brandstiftung herumschlagen, der sich aber letztlich nicht bestätigte. Die Feuerwehr Colnrade, die sich in der Brandnacht auf einem Maskenball amüsierte, ehe die Alarmierung die Feier unvermittelt „störte“, vermerkte in ihrem Einsatzbericht, der Eigentümer habe selbst versucht, zu retten, was zu retten gewesen sei.

Enkel des Firmenbegründers: Ulrich (links) und Dieter Bartels. Foto: Bohlken

Willi Bartels baute die Mühle neu auf. Seinen Pioniergeist bewies er auch auf dem Gebiet der Energieversorgung. „Der Betrieb brauchte Starkstrom. Nicht zuletzt wegen der horrenden Kosten hat mein Vater selbst Strom erzeugt - mittels Verbrennung und Vergasung von Torf, den er aus Goldenstedt bezog. Mit dem Gas speiste er einen umgebauten Schiffsdieselmotor, der wiederum einen Generator antrieb“, erzählt Dieter Bartels. Seinem Bruder Ulrich fällt dazu ganz spontan das deckungsgleiche Funktionsprinzip heutiger Biogasanlagen ein. Erfahrungswerte mit dieser Form der Stromherstellung gab es allerdings zu Willi Bartels’ Zeiten nicht. Für ihn sei das völliges Neuland gewesen, berichten die Söhne. Eine große deutsche Universität habe ihn wissenschaftlich begleitet. Die Holzmehlproduktion in Holtorf, zugleich die Blütezeit des Bartelsschen Unternehmens, währte rund 20 Jahre - etwa von 1945 bis 1965.

Der Siegeszug der Bodenbeläge aus PVC ließ aber dann, in den 1960ern, die Nachfrage nach Linoleum einbrechen. Damit war auch das Holzmehlgeschäft „tot“.

Reaktion auf veränderten Markt

Willi Bartels musste nicht nur seine Belegschaft deutlich reduzieren, sondern vor allem ein neues Geschäftsfeld finden und erschließen. Für Getreide taugte seine hoch spezialisierte Mühlentechnik nicht. Wie genau er dazu kam, Knochen von Kühen, Bullen und Schweinen - lange vor dem ersten Ausbruch der Rinderseuche BSE - für die Kraftfutterproduktion zu mahlen, wissen die Söhne heute nicht mehr. Ihr Vater machte jedenfalls aus der Not eine Tugend, um den Unternehmensfortbestand zu sichern. Doch 1970 endete auch dieses Kapitel.

Torfgas speiste die riesige Verbrennungsmaschine (umgebauter Schiffsdiesel) mit Stromgenerator.

In Spitzenzeiten hatte Willi Bartels 17 Mitarbeiter beschäftigt - Familienangehörige sowie Flüchtlinge, die später wegzogen. Mit Ausnahme der Söhne gibt es heute keine lebenden Zeitzeugen mehr, die aus eigenem Erleben aus der Unternehmenshistorie berichten könnten. Nachbarn wie der am 11. Januar in unserer Zeitung zitierte Günter Wagner erinnern sich zwar noch an Begebenheiten; hier vermenge sich aber oft Wissen mit Hörensagen, geben Dieter und Ulrich Bartels zu bedenken.

Schon seit Jahrzehnten ist die Knochenmühle nicht mehr im Besitz ihrer Familie. Sie verfällt zusehends. Ulrich und Dieter Bartels kennen den aktuellen Eigentümer nach eigenem Bekunden nicht.

Ihr Vater stellte übrigens in der letzten Phase seines unternehmerischen Schaffens dekorative Windmühlen-Modelle für private Gärten her. „Ich habe das übernommen. Ich mache das als deutschlandweit einziger Hersteller von Gartenwindmühlen aus Beton und Metall heute noch. Meine Familie blickt, wenn man so will, mittlerweile auf eine hundertjährige Mühlentradition“, erzählt Ulrich Bartels.

Völlige Zerstörung unter einer Schneedecke: Nach der Staubexplosion von 1956 und dem daraus resultierenden Großbrand musste die Mühle neu aufgebaut werden.

Sein Großvater Dietrich (1891–1969), gelernter Müller, ist indes der eigentliche Begründer der Firma Bartels gewesen. Er erwarb die bereits 1885 von Gerhard Heile in Holtorf gebaute Mühle mitsamt Sägerei, Wohnhaus und kleiner Landwirtschaft direkt nach dem Ersten Weltkrieg.

Der Übergang der Betriebsführung in die Hände seines Sohnes Willi vollzog sich fließend - also über einen längeren Zeitraum.

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