Serie: Von Breslau bis Colnrade

Mit einer Armeedecke erobert er ihr Herz

Fluchtgeschichte quer durch Europa: das Schicksal von Ruth Heinrich. 
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Fluchtgeschichte quer durch Europa: das Schicksal von Ruth Heinrich. Foto: Boh
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    vonJürgen Bohlken
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Colnrade/Breslau – Ihr Vater und ihr Bruder Arnim leben noch. Die drei Schwestern und die Mutter fühlen sich derweil in der Gaststätte von Karl („Kalli“) Harms in Colnrade, ihrer neuen Bleibe, ausgesprochen wohl, nachdem sie Breslau zum zweiten Mal seit Beginn des letzten Kriegsjahres 1945 verlassen haben. Von all dem ahnt Ruth Heinrich nichts, als sie von Ostwestfalen in Richtung ihrer schlesischen Heimatstadt aufbricht, wo sie zumindest den weiblichen Teil ihrer engsten Angehörigen vermutet.

„Breslau? Von Russen besetzt? Sie müssen nicht ganz richtig im Kopf sein!“, bekommt sie unterwegs zu hören. In Gütersloh erklären sich die Eheleute Flöttmann bereit, die Geflüchtete eine Weile bei sich aufzunehmen. Sie erfahren von ihr, dass ihre eigenen in Paderborn wohnenden Angehörigen noch leben: Von diesen Verwandten, einem älteren Paar, hat Ruth die Adresse der Flöttmanns bekommen.

Ein Offizier hilft bei der Jobsuche

Mit einem Dach über dem Kopf will sie sich um einen Job bemühen. Sie hört von einem Lager „für deutsche Gefangene“ ganz in der Nähe; dort, so heißt es, arbeiteten Soldaten als „Dienstgruppe“ für Besatzungstruppen, darunter auch solche mit schlesischer Herkunft. Ruth geht der Sache nach, erkundigt sich am Lagertor: „Können Sie mir sagen, ob sich hier einige Ex-Gefangene aus Breslau aufhalten?“ Der Posten zuckt mit den Achseln. Ruth landet beim Lagerkommandanten. In ihm erkennt sie jenen Offizier wieder, der sie „in seinem Jeep mit nach Paderborn genommen hatte“. Er hilft ihr mit Hinweisen zur Erlangung einer Arbeitserlaubnis, sagt zu, er werde „bezüglich eines Jobs ein gutes Wort für sie einlegen“ und sich obendrein erkundigen, ob es im Lager jemanden mit Breslauer Herkunft gebe.

Kurz darauf hat Ruth Arbeit: Sie soll ein beschlagnahmtes Haus putzen, in dem britische Offiziere untergekommen sind. „Keine schwere Arbeit, eher ein Vergnügen“, stellt sie fest. Die Bewohner erlebt sie als Gentlemen. Mit einer Ausnahme: Der jüngste der vier Offiziere im Haus fängt an, ihr nachzustellen. Mit einem Versetzungsgesuch kommt Ruth durch. Fortan muss sie sich um das Haus dreier Luftwaffenhelferinnen, Angehörige der „Women Auxiliary Air Force“, kümmern – zusammen mit einer Kollegin namens Charlotte. Das schließt auch Gelegenheitsjobs bei einer gegenüberliegenden militärischen Polizeistation ein.

Als Ruth mit ihrer Kollegin eines Abends in jenes Gasthaus geht, in dem beide sonst für ihre Bezugsscheine zu essen bekommen, setzen sich zwei Angehörige der britischen Luftwaffe zu ihnen an den Tisch – der eine groß, der andere klein. Beide stellen sich als „Laurie“ vor und statten Ruth im Hause Flöttmann kurz darauf einen Besuch ab – mit Kollegin Charlotte im Schlepptau.

Eine Romanze bahnt sich an: Ruth fühlt sich zu dem „großen Laurie“ hingezogen. „Er kam wieder und eroberte mein Herz – nicht mit Rosen oder einer Schachtel Pralinen, sondern mit einer grauen Armeedecke, woraus ich mir einen Mantel machen konnte“, schreibt sie Jahrzehnte später, als sie die Geschichte ihrer Flucht zu Papier bringt. Da heißt sie längst nicht mehr Heinrich, sondern Brown. Sie trägt den Namen des „großen Laurie“, den sie schon 1947 geheiratet hat.

In eben diesem Jahr endet auch Ruths Fluchtodyssee, und zwar mit einer großen Familienzusammenführung in Colnrade. Davon mehr im achten Teil unserer Serie.

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