210 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser / Klärschlämme als Ursache?

Brunnen 148 in Klein Köhren ist trauriger „Spitzenreiter“

Harpstedt/Landkreis - Von Jürgen Bohlken. Die Kehrtwende muss kommen, und zwar bald, denn die im Landkreis Oldenburg zum Teil hohen Nitratgehalte im Grundwasser gefährden langfristig die momentan noch gute Trinkwasserqualität. Das ist die ernüchternde Quintessenz eines Vortrags, den der Kreis-Bodenschutzamtsleiter Dieter Hahn am Donnerstagabend während der Sitzung des Samtgemeinde-Fachausschusses für Bau, Umwelt und Planung im Hotel „Zur Wasserburg“ gehalten hat. Auch einige Bürger hörten zu.

Hahn erwähnte Daten aus dem Jahr 2014, die auf die Beprobung von oberflächennahem Grundwasser aus 40 geeigneten Brunnen auf Kreisgebiet im Rahmen eines Pilotprojektes zurückgehen. An 15 Messstellen betrug der Nitratgehalt weniger als ein Milligramm pro Liter (mg/l) – und an drei weiteren weniger als 50 mg/l. In 22 Fällen aber wurde die 50 mg/l-Marke überschritten. Den höchsten Nitratgehalt, bedenkliche 210 mg/l, wies der Brunnen 148 in Klein Köhren auf. Rolf Ranke (HBL) lieferte dafür eine einleuchtende Erklärung: Auf der betreffenden Fläche seien früher die Klärschlämme aus der damaligen Harpstedter Kläranlage ausgebracht worden. Zuhörer Udo Rösner zeigte sich „leicht erschüttert“ und hinterfragte: „Warum hat man dieses Gebiet nicht saniert?“ Es könne doch nicht sein, dass in Kenntnis der Ursache für die hohen Werte nichts unternommen worden sei. Dieter Hahn gestand – wie auch Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse – ein, er habe bislang von der Klärschlamm-Ausbringung in Köhren nichts gewusst. „Dann machen Sie aber Ihre Schularbeiten nicht“, erwiderte Rösner. Der Landkreis werde sich die Stellen, an denen auffällige Werte gemessen worden seien, genauer anschauen und Ursachenforschung betreiben, so auch den Bereich in Köhren, kündigte der Amtsleiter an. Inzwischen lägen bereits neuere Messdaten vor. Danach sei der Brunnen 148 nicht mehr Spitzenreiter im negativen Sinne.

Mit Blick auf die Werte von 2014 unterstrich Hahn, die gemessenen auffälligen Nitratgehalte hätten sich auch anderenorts keineswegs nur leicht über der 50 mg/l-Marke bewegt. „Wir haben hier etwa Werte von 80, 100, 120, 150 oder 180 mg/l festgestellt.“ Der Norden des Kreisgebietes weise insgesamt nicht so hohe Belastungen auf wie der Bereich südlich der A28.

Für den Landkreis seien bei der Bewertung der Messdaten auch das Einzugsgebiet der Brunnen und die dortigen Flächennutzungen von Belang. Nicht ohne Grund, wie Hahn an einem

Kontrollen sollen

intensiviert werden

Beispiel verdeutlichte: Der von Wald umgebene Brunnen „GM 7“ habe einen Nitratgehalt von 11 mg/l aufgewiesen, der benachbarte Brunnen im Einzugsbereich landwirtschaftlich genutzter Flächen hingegen einen Wert von 150 mg/l.

Was tun, um gegenzusteuern? Antworten blieb der Amtsleiter nicht schuldig: „Wir wollen das Messstellennetz ausbauen – um jährlich etwa drei Brunnen. Die Messstellen werden einmal jährlich auf Nitrat untersucht – und alle drei Jahre auf Pflanzenschutzmittel. Wir werden die Ergebnisse jährlich vorstellen und Öffentlichkeitsarbeit als Landkreis machen. Wir werden auch das Landvolk und die Landwirtschaftskammer einbinden.“

Hahn kündigte außerdem eine Intensivierung der Kontrollen mit Blick auf ordnungsgemäße Düngung an. „Ich kann nur daran appellieren, dass wir alle an einem Strang ziehen – sowohl die Landwirtschaft als auch Otto Normalverbraucher“, äußerte sich Klaus Budzin (SPD). Die Landwirte brächten sicher nicht haufenweise Dünger auf ihre Äcker aus, denn das sei ja ein Kostenfaktor. Auch Hobbygärtner könnten Verursacher sein. Statt die Landwirte an den Pranger zu stellen, gelte es, mit ihnen in einen Dialog zu treten, bekräftigte Budzin.

Wolfgang Krössing (HBL) fragte an, weshalb die Ursachen der Schadstoffbelastung nicht sofort bekämpft würden. „Warum diese Verzögerung?“ Das Ordnungsrecht sei sozusagen das letzte Instrument, erwiderte Hahn. „Alle haben nun die Chance, gezielt darauf hinzuarbeiten, dass sich etwas verbessert. Alle sind gefordert, einen Beitrag zu leisten, ob nun Landwirte oder Kleingärtner. Ist die Trendwende aber nicht bald erkennbar, muss gehandelt werden.“ Hahn war sich „sehr sicher“, dass, wenn bis 2016 keine ersichtliche Verbesserung eingetreten sei, das Ordnungsrecht rigoros angewandt wird.

Die vom Landkreis Oldenburg vorgenommenen Grundwasser-Beprobungen schlossen als Parameter auch Pflanzenschutzmittel ein, die in 36 von 40 Brunnen nicht nachwiesen werden konnten. Die vier Messstellen, „wo wir etwas gefunden haben“, befänden sich, so Dieter Hahn, in den Bereichen Westrittrum und Glane sowie auf Dötlinger Gemeindegebiet. Allerdings seien die Belastungen nicht als sehr hoch einzustufen.

Die Exxon Mobil habe ein Interesse daran gehabt, zusätzlich die Methan-Gehalte zu ermitteln, so Hahn. Grund: Wann immer in der Nähe von Erdgas-Bohrstellen erhöhte Werte festgestellt würden, gerate der Konzern in Verdacht, der mögliche Verursacher zu sein. In 26 von 38 beprobten Brunnen habe der Methan-Gehalt aber unterhalb der Nachweisgrenze gelegen – und bei neun weiteren unter einem Milligramm pro Liter (mg/l).

Die drei etwas auffälligeren Werte von sechs, zehn und elf mg/l seien im Norden des Kreisgebietes gemessen worden – im Raum Hude/Wüsting, also in Bereichen, „wo wir Moor haben“.

HINTERGRUND:

Die Messergebnisse zur Grundwassergüte, die Dieter Hahn aus der Kreisverwaltung, Leiter des Amtes für Bodenschutz und Abfallwirtschaft, am Donnerstagabend im Samtgemeinde-Fachausschuss für Bau, Umwelt und Planung vorstellte, datieren von November 2014. „Wir verfügen inzwischen schon über neuere Werte, werden diese aber natürlich zuerst in den Gremien des Landkreises vorstellen“, erläuterte er – mit der Bitte um Verständnis.

Im weiteren Verlauf ging der Amtsleiter darauf ein, warum sich der Landkreis Oldenburg überhaupt mit der Grundwassergüte beschäftigt. Hintergrund sei die EU-Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000, die 2009 in nationales Recht umgesetzt worden sei. Darin seien Ziele bezüglich der Güte von Oberflächengewässern und Grundwasser formuliert. Die EU-Mitgliedsstaaten hätten Bewirtschaftungs- und Maßnahmenpläne aufzustellen. In das Wasserhaushaltsgesetz vom 31. Juli 2009 seien Eckpunkte der Richtlinie aufgenommen worden.

Grundwasser sei, so Dieter Hahn, so zu bewirtschaften, dass ein guter mengenmäßiger und chemischer Zustand erreicht werde. Alle signifikanten Trends ansteigender Schadstoffbelastung seien umzukehren. Ehe dieses Ziel erreicht werden könne, habe es einer Erfassung des Ist-Zustandes bedurft. Zuständig dafür seien die Länder. Messdaten habe zunächst der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ermittelt, und zwar nach einem bundesweit vorgegebenen Bewertungsverfahren. Das Messnetz sei allerdings sehr grobmaschig gewesen. Will heißen: „Daten einiger weniger Brunnen waren maßgeblich für die Einstufung eines großen Raumes“, erläuterte der Amtsleiter.

Die Ergebnisse hätten zu einer schlechten Bewertung der Grundwassergüte „in nahezu der gesamten Region Weser-Ems“ geführt. Eigentlich hätte schon bis 2015 ein guter Zustand erreicht werden sollen. „Es war aber klar“, so Hahn, „dass dies so schnell nicht realisierbar sein würde“. Einer vom Land bei der EU-Kommission beantragten Fristverlängerung sei stattgegeben worden. Das Ziel müsse nun bis 2021 erreicht sein.

Hahn erwähnte auch die 2010 novellierte Grundwasserverordnung des Bundes mit nunmehr rigideren Vorgaben. „Nahezu parallel zu deren Verabschiedung kamen erste Meldungen von Wasserversorgern, wonach die an Vorfeldmessstellen festgestellten Nitratwerte entgegen dem zuvor abnehmenden Trend ansteigend seien.“ Zudem habe es immer wieder kritische Anmerkungen seitens der Politik und der Landwirtschaft zur Einstufung der Grundwasserkörper auf der Basis des erwähnten grobmaschigen Messnetzes gegeben. „Ziel der Kreisverwaltung war es daher, eine Verbesserung der Datenlage zu erwirken“, fuhr Hahn fort. 2013 startete ein entsprechendes Pilotprojekt. Als Partner (und Förderer) habe der Landkreis den Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) und die Exxon Mobil gewinnen können.

Insgesamt 40 Brunnen auf Kreisgebiet seien im weiteren Verlauf beprobt und die Messungen in oberflächennahem Grundwasser – in Tiefen von etwa acht bis elf Metern – vorgenommen worden. Dabei habe sich im Wesentlichen der zuvor für das Weser-Ems-Gebiet konstatierte schlechte chemische Zustand für den Landkreis Oldenburg bestätigt. Mehrere Parameter hätten erfüllt sein müssen, damit die Messstellen aussagekräftige Daten liefern konnten. In diesem Zusammenhang hätten etwa die Bodenbeschaffenheit oder auch der Durchmesser der Brunnen eine Rolle gespielt.

„Wir haben kein Mengenproblem“, stellte Hahn im Fachausschuss mit Blick auf das Grundwasser klar. Eine Trendumkehr zum Guten müsse indes beim chemischen Zustand bis 2021 gelingen, insbesondere hinsichtlich der Nitratbelastung. Das Erreichen der Zielvorgaben der Wasserrahmenrichtlinie erfordere „erhebliche Anstrengungen aller Beteiligten“ und sei „eine große Herausforderung“ an „Wasserwirtschaft und Landwirtschaft“, betonte Hahn.

Rubriklistenbild: © dpa

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