Hunderte Besucher feiern Oldtimer-Gottesdienst

Melancholie und Aufbruchstimmung

Die Jugendgruppe musste mehr und mehr Kirchenbänke nach draußen schleppen. - Foto: an

Harpstedt - Von Anja Nosthoff. „Nicht viele Leute fahren noch alte Autos – aber sie vermissen sie“, legte Pastor Timo Rucks am Sonntag während seiner Predigt den Besuchern des Oldtimer-Gottesdienstes auf dem Harpstedter Marktplatz seine Theorie dar.

Wie sonst lasse sich erklären, dass völlig fremde Menschen auf den französischen Autobahnen „ihre Fenster herunterkurbelten, fast aus den Autos krabbelten“ und der Familie Rucks, die drei Wochen lang mit ihrem VW-Oldtimer-Bulli durch Frankreich und die Schweiz tourte, das „Daumen hoch“-Zeichen gaben?

Oldtimer lösen eine Melancholie ganz nach dem Motto „Das waren noch Zeiten…“ aus, meinte Rucks. Ganz ähnlich sei es mit Gott. „Viele Leute können nicht mehr an ihn glauben, aber sie vermissen ihn“, ist sich der Geistliche sicher. Wenn die Menschen in die Kirche kämen, um Weihnachten, Konfirmation, Hochzeiten oder Einschulung zu feiern, dann werde ihm das oft bewusst. Ähnlich wie im Urlaub mit dem alten Bulli bekomme er das „Daumen hoch“-Zeichen für besonders schön gestaltete Festgottesdienste.

Zum Oldtimer-Gottesdienst auf dem Harpstedter Marktplatz kamen mehrere 100 Besucher und mindestens 50 „alte Schätzchen“. - Foto: Nosthoff

„Dahinter steckt Anerkennung“, so Rucks. „Dafür, dass ich so ein altes Auto bewahre“, sagte er und schlug den Bogen zum Glauben, hinter dem ebenfalls eine lange Tradition steht. „Genau wie wir im Alltag plötzlich einem Oldtimer begegnen können, über dessen Anblick wir uns freuen und der eine Melancholie in uns auslöst, kann uns auch Gott im Alltag begegnen – und dieselben Effekte auslösen.“ 

Ganz maßgeblich sei, dass in einen Oldtimer jede Menge Arbeit hineingesteckt werden müsse. Rucks ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Mühe lohnt. Für die Anerkennung, die einem für das Endergebnis zuteil wird – und für die eigene Freude daran. „Mit Fett an den Fingern“ sei die Bratwurst eben noch viel leckerer, und auch das Bier schmecke doppelt so gut, wenn man mit dem besten Freund nach dem Schrauben auf das fertige Auto anstoßen könne.

Die in Scharen erschienenen Oldtimer-Freunde konnten spürbar nachvollziehen, wovon Rucks sprach. Mindestens 50 Oldtimer, darunter Autos, Trecker und Motorräder, sowie hunderte Gottesdienstbesucher hatten den Weg auf den Marktplatz gefunden. Die Jugendgruppe schleppte mehr und mehr Kirchenbänke nach draußen, damit alle einen Sitzplatz bekamen. Einige Kinder bevorzugten dagegen einen „unverwüstlichen“ Lanz Bulldog aus dem Jahr 1953, von dem sie eine viel bessere Aussicht hatten.

Zur melancholischen Stimmung trug die Baustellen-Band bei – etwa mit „Country Roads“, einem „Sehnsuchtslied“, wie Pastor Rucks findet. Zu seiner Predigt passte die Geschichte des Harpstedter Oldtimer-Fans Heinz Wolf-rath: Mit 27 Jahren kaufte er, wie er kundtat, ein rotes BMW Cabrio 320i E30, „ein Zweitürer- und Chrommodell“. Zwölf Jahre lang fuhr er sein „Schätzchen“. Dann wurden die Kinder zu groß für das Auto, und es musste verkauft werden. 

„Schon damals wusste ich, dass ich so eins wiederhaben will, wenn die Kinder selbständig sind“, so Wolfrath. Vor einiger Zeit erfüllte er sich nun diesen Traum und restaurierte das Auto zusammen mit einem guten Freund selbst. Auf das gute Stück gibt er selbstverständlich besonders gut Acht. „Es steht gut eingepackt in einer Halle. Wenn der Wetterbericht Regen vorhersagt, hole ich es nicht heraus.“

Dass die Oldtimer neben dem Bewahren, Hegen und Pflegen von etwas Altem, Bedeutsamem und Wertvollem noch eine weitere Botschaft in die Welt tragen könnten, darauf ging Rucks in Bezug zur Lesung ein, die von der Bekehrung des Saulus zum Paulus handelte. „Saulus war vom Typ Bulli-Urlauber, ein umtriebiger Typ, der nie eine Pause macht. 

Seine Heimat war die Straße, und dabei hatte er ein klares Ziel vor Augen – die Christen in Ketten nach Jerusalem bringen“, sagte der Geistliche. Seine Begegnung mit Jesus, durch die er für drei Tage erblindete, habe zu einer Art „Zwangsurlaub“ geführt, meinte Rucks. „Doch danach machte er weiter – ganz anders, aber auch gleich: Er bereiste alle Länder der damaligen Welt, um von Jesus zu erzählen.“

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