Mehr-Generationen-Haus

„Wir wollen in Gemeinschaft alt werden“

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Hendrik und Irma Pilkes in der Gemeinschaftsküche: Der alte, aber voll funktionsfähige – mit Holz beheizbare – Herd kontrastiert reizvoll mit modernsten Elektrogeräten. 

Kirchseelte - Von Jürgen Bohlken. Zum Teil wilde Spekulationen rankten sich nach dem Tod des Automobillogistikers Egon Harms vor elf Jahren um dessen Anwesen an der Bürsteler Straße in Kirchseelte. Sogar die Befürchtung, dort werde womöglich ein Rotlicht-Etablissement Einzug halten, kursierte in der Einwohnerschaft. Inzwischen atmen die Bürger auf. Während eines Tags der offenen Tür, der kürzlich mehrere 100 Besucher mobilisierte, stellten die neuen Eigentümer der Immobilie, Irma und Hendrik Pilkes, ihre „Villa am Klosterbach“ mit sechs ausgebauten Appartments sowie Gemeinschaftsräumen vor – eine im Werden begriffene Mehr-Generationen-Hausgemeinschaft.

Das Areal liegt relativ blickdicht abgeschottet an der Kreisstraße. Das Ehepaar Pilkes fand, es sei an der Zeit, die Türen aufzumachen und zu zeigen, was nun kurz vor der Vollendung steht.

Schon ein erster Blick in die stilvoll gestalteten, mit einer Ausnahme durchweg barrierefreien Wohnungen verrät: Hier ziehen sicher keine Interessenten mit kleinem Geldbeutel ein. Das Ehepaar Pilkes will die Appartments mit Wohnflächen zwischen 56 und 135 Quadratmetern vermieten, nicht verkaufen; das kleinste schlägt mit etwa 900 Euro monatlich zu Buche. Nicht in der Miete inklusive sind Heizung, Wasser und Strom, inbegriffen hingegen die sonstigen Nebenkosten. Die Vermittlung läuft über ein Maklerbüro.

„Zwischenmenschlich muss es passen“

Wer letztlich einziehen und von Balkon oder Terrasse den herrlichen Ausblick genießen wird, entscheidet sich aber im persönlichen Gespräch mit den Eigentümern der Immobilie. „Das muss einfach zwischenmenschlich passen“, sagen Irma und Hendrik Pilkes. Die gebürtigen Niederländer wollen nach einem arbeitsreichen Leben in der Landwirtschaft die Früchte ihres Schaffens ernten, ihren Ruhestand genießen und dabei ganz bewusst Gemeinschaft mit Menschen aus allen Generationen zulassen und leben. Wer einfach nur eine tolle Wohnung sucht, aber gänzlich „für sich“ bleiben will, kommt für sie als Mieter nicht in Betracht. 

In das ehemalige Wohnhaus des 2006 verstorbenen Automobilspediteurs Egon Harms hat sich das aus den Niederlanden stammende Ehepaar auf Anhieb verliebt. 

Ein Stück weit gemeinsame Hobbys pflegen, vielleicht zusammen einen Bauerngarten bewirtschaften, sich gegenseitig helfen und unterstützen – all das beinhaltet das „Villa am Klosterbach“-Konzept. Geplant hat Hendrik Pilkes den Umbau des einstigen Harmsschen Wohnhauses zusammen mit einem Architekten. „Ich bin Landwirt. Da muss man irgendwie alles können“, sagt er schmunzelnd. Der Gemeinschaftsbereich umfasst ein riesiges Wohnzimmer und eine luxuriös ausgestattete Küche, in der sich sozusagen als Kontrapunkt zu den hochwertigen Elektrogeräten ein antiker, aber voll funktionsfähiger Holzherd gesellt.

„Wir wollen kein Altenheim sein“

Waschmaschinen direkt in den Appartments? Mit dieser Vorstellung konnten sich die Eigentümer nicht so richtig anfreunden. Daher haben sie eine Waschküche, ebenfalls Teil des Gemeinschaftsbereiches, realisiert. Dort müssen sich allerdings die sechs Mietparteien drei Anschlüsse für Waschmaschinen teilen. Das dürfte in einer generationsübergreifenden Hausgemeinschaft aber keine Probleme bereiten.

Über etwa anderthalb Jahre hat sich der Umbau der Immobilie hingezogen. Der erste Schritt sei die Installation einer Pelletheizung gewesen, erzählt Hendrik Pilkes. Für die Warmwasserversorgung existiert zusätzlich eine Solarthermie-Anlage. Exklusivität verbindet sich in dem „Villa am Klosterbach“-Projekt offenkundig mit alternativer, ökologie- und klimabewusster Lebensweise.

„Ich lese immer noch das Bauernblatt der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Dort stieß ich auf eine Annonce, in der ein Anwesen nahe Bremen mit 2000 Quadratmetern Wohnfläche und sechseinhalb Hektar Land als ehemaliger Gutshof angepriesen wurde. Wir haben uns die Immobilie angeschaut, uns auf Anhieb darin verliebt und uns zum Kauf entschlossen“, schildert der 61-jährige Hendrik Pilkes, wie alles begann. Seine Frau Irma (58) habe sich schon seit langer Zeit gut vorstellen können, mit anderen Leuten aus verschiedenen Generationen um sich herum alt zu werden. „Ein gesunder Mix“ aus Menschen unterschiedlichen Alters schwebt dem Paar in der „Villa“ vor, gern auch Familien mit Kindern. „Wenn die Eltern berufstätig sind, bietet sich ja gerade da eine optimale Möglichkeit gegenseitiger Unterstützung, etwa bei der Erledigung von Hausaufgaben“, sagt Hendrik Pilkes.

Ob Haustiere in den Appartments zulässig seien? „Nicht unerwünscht“, erwidert Irma Pilkes auf diese Frage. So lange daraus keine Belästigung anderer Bewohner resultiere, spreche nichts dagegen. „Wenn ein Mieter ein Pferd mitbringen möchte, ist das kein Problem. Wir haben selbst welche“, fügt sie hinzu. Auch Hühnerhaltung wäre ohne Weiteres möglich. Das Gärtnern ist eine Leidenschaft, die das Ehepaar Pilkes gern mit den künftigen Mietern teilen würde, sofern sich dazu Gelegenheit bietet. Neben aller Gemeinsamkeit liegt den Eigentümern aber daran, dass jeder Mieter seinen persönlichen Rückzugsraum hat. „Man will ja nicht immer zusammen sein. Aber auch nicht immer allein“, sagen sie. „Gemeinsam selbstständig leben“ – dieses „Motto“ lässt bereits erahnen, wofür die „Villa am Klosterbach“ steht. Betreute Pflege sieht das Wohnkonzept nicht vor. „Wir wollen kein Altenheim sein“, betont Irma Pilkes. Mehrere Mietinteressenten gibt es bereits; weitere dürfen gern hinzukommen.

Große Verwandtschaft, viele Gäste im Haus – das kennt das niederländische Ehepaar seit jeher aus eigenem Erleben. Erfahrungen mit WG-ähnlichen Strukturen hingegen nicht. Von daher betreten die beiden Kirchseelter Neubürger nun selbst ein Stück Neuland. Wann die ersten Mieter einziehen könnten? „Zum 1. Mai“, entgegnet Hendrik Pilkes. „Das sollte machbar sein. Dann ist innen alles fertig.“

Weitere Infos und Foto-Eindrücke im Internet.

www.villa-am-klosterbach.de

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