Hannelore Niemann erhofft sich mehr Verständnis für die Situation von Schlaganfallpatienten

Mediale Aufmerksamkeit könnte helfen

Die Pandemie verstärkt bei ihr das Gefühl, isoliert zu sein: Hannelore Niemann.
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Die Pandemie verstärkt bei ihr das Gefühl, isoliert zu sein: Hannelore Niemann.

Harpstedt – Gut dreieinhalb Jahre nach einem erlittenen Schlaganfall kämpft Hannelore Niemann weiterhin mit den Folgen der Erkrankung. Die Harpstedterin gibt sich keinen Illusionen mehr hin: Ihr altes Leben bekommt sie nach eigener Überzeugung nicht zurück. Oft fühlt sie sich unverstanden. „Ich will kein Mitleid“, betont die 60-Jährige. Wohl aber Empathie. Der Begriff fällt ihr nicht auf Anhieb ein, und darüber könnte sie schon fast wieder wütend werden. Hannelore Niemann hadert mit den Auswirkungen des Hirninfarkts von Ende März 2017 – mit der nur schwer in den Griff zu kriegenden Unordnung im Kopf, mit Vergesslichkeit und Wortfindungsstörungen.

Im Unterschied zu anderen Schlaganfallpatienten, die mit einseitigen körperlichen Lähmungserscheinungen leben müssen, offenbaren sich bei ihr die Folgen der Krankheit eben nicht auf den ersten Blick. Das verleitet Mitmenschen schon mal zu Reaktionen wie: „Du hast Glück gehabt. Dir geht’s doch gut.“ Oder gar: „Stell dich nicht so an!“ Solche Worte lassen in Hannelore Niemann Wut aufsteigen. Am liebsten würde sie oftmals erwidern: „Wollt ihr nicht sehen, dass ich leide wie ein Schwein? Ich war mal eine selbstständige Frau – lebenslustig und voller Tatendrang. Das ist vorbei, und damit muss ich nun fertig werden.“

In anderen Situationen hat die 60-Jährige den Eindruck, angeschaut oder behandelt zu werden, „als ob ich behindert wäre“. Wie aber sollen ihre Mitmenschen ihr gegenübertreten? „Respektvoll“, antwortet die 60-Jährige. Im Alltag erlebt sie allerdings oft genug Respektlosigkeit. Sie spürt beispielsweise Ungeduld, wenn andere sie nicht ausreden lassen, weil es eben mitunter einen Moment dauert, bis sie im Kopf sortiert hat, was sie sagen will.

Auf ein Leben ohne Einschränkungen darf die Harpstedterin nach Einschätzung des behandelnden Neurologen nicht hoffen – trotz Logopädie, Ergotherapie, Krankengymnastik und aller eigenen Anstrengungen zur Gesundung. Sie weiß heute, dass sie den Stand zwar halten, aber nicht verbessern kann. Eine Perspektive, ins Berufsleben zurückzukehren, kann sie nicht erkennen, zumal ihr schon bei der Bewältigung des Alltags nach wie vor viele Hürden zu schaffen machen. „Immerhin habe ich jetzt endlich eine Hilfe zur sozialen Teilhabe bewilligt bekommen, um die ich mich seit Anfang des Jahres bemüht hatte“, erzählt Hannelore Niemann. Davon verspricht sie sich mehr Struktur in ihrem Leben.

Die Folgen des Schlaganfalls wiegen schwer. Die Auswirkungen von Corona verstärken den Verlust von Normalität und die Sehnsucht nach der Leichtigkeit aus der Zeit vor dem Schlaganfall noch. Das Gebot, die sozialen Kontakte erneut runterzufahren, der erforderliche Verzicht auf Unternehmungen und den Besuch von Veranstaltungen – all das setzt Menschen im neuerlichen Lockdown zu, besonders wenn es ihnen ohnehin an Teilhabe mangelt.

In dieser Zwickmühle steckt auch Hannelore Niemann. Zu den Dingen, die sie schmerzlich vermisst, gehört der Austausch mit anderen Schlaganfallpatienten und deren Angehörigen. Die von ihr mit Unterstützung der Kreisbehindertenbeauftragten Rita Rockel im Mai 2019 ins Leben gerufene Selbsthilfegruppe kann sich schon seit dem Frühjahr nicht mehr treffen – und das nicht nur, weil die Begegnungsstätte in Harpstedt dicht ist. Die Mitglieder gehören mit ihrer Vorerkrankung und altersbedingt allesamt zur Risikogruppe. „Sie haben Angst“, sagt Hannelore Niemann. Es sei verständlich, dass sie sich keiner Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus aussetzten. Aktuell, im „Lockdown light“, wären Gruppentreffen ohnehin unmöglich, weil dabei zu viele Menschen aus zu vielen Haushalten zusammenkämen. „Es ist schon so, dass wir uns ein bisschen aus den Augen verlieren“, sagt die Harpstedterin. Kontaktpflege über den Messenger WhatsApp soll das verhindern. Doch ein adäquater Ersatz für echte Begegnung ist das nicht. Die Durststrecke dauert womöglich noch lange an. Ob sich die Selbsthilfegruppe Anfang 2021 wieder treffen kann oder weitere Monate „aussetzen“ muss, steht aktuell in den Sternen.

Mehr Verständnis für ihr Krankheitsbild und ebenso für Depressionen, die sich in der Coronazeit verschlimmern, ließe sich über mediale Aufmerksamkeit erreichen – über Formate wie „Stern TV“, glaubt Hannelore Niemann. Auf das Internet-Portal schlaganfallbegleitung.de hat es die Harpstedterin schon geschafft. Corinna von Büdingen, die Tochter eines renommierten Berliner Neurologen, interviewte sie. Das Ergebnis des Gesprächs ist online nachzulesen. „Sie lässt sich nicht unterkriegen und kämpft dafür, gehört zu werden“, heißt es in dem Bericht.

Aufschlussreich fällt Hannelore Niemanns Antwort auf die Frage aus, woher sie die Kraft nehme: „Wissen Sie, das ist Wutkraft.“

Von Jürgen Bohlken

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