Harpstedter „Hörstube“ setzt auf transparente Gesichtsvisiere als praktikable Alternative

Maske wird zum Handicap für Schwerhörige

Mit persönlicher Corona-Schutzausrüstung: Hörakustikmeister Frank Erftenbeck. Foto: Martina Hundt

Harpstedt – Die Mund-Nase-Bedeckungen aus Stoff, die Kunden nun wegen der Coronapandemie beim Einkaufen sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln zwingend tragen müssen, stellen Schwerhörige vor ein Problem kommunikativer Natur: Werden sie angesprochen, können sie nicht von den Lippen ablesen, was ihr Gegenüber sagt. Die Mitarbeiterschaft der Harpstedter „Hörstube“, die ständig mit unter Hörproblemen leidenden Kunden zu tun hat, setzt daher transparente Gesichtsvisiere ein. Gerade für Schwerhörige und Gehörlose sei das Mundbild ein wichtiger Bestandteil des gegenseitigen Verstehens, weiß Inhaberin Martina Hundt. „Wir nehmen ganz unbewusst mit wahr, ob der Mund beispielsweise ein H bei ,Haus' oder ein M bei ,Maus' bildet“, erläutert die Hörakustikmeisterin. Dass Gesichtsbedeckungen Schwerhörigen Schwierigkeiten im Alltag bereiten, bestätigten ihr die Kunden.

Eine Betroffene habe ihr von einem Arztbesuch berichtet, bei dem der Mediziner permanent eine Mund-Nasen-Maske trug. Die Patientin habe in dem Gespräch kaum etwas verstanden und sei hinterher „entsprechend verzweifelt“ gewesen.

Aus Scheu fragten Betroffene teilweise nicht nach, weiß Martina Hundt. Es sei ihnen unangenehm. Schwerhörige müssten in ihrem Leben oft nachfragen; nicht wenige hätten es sich deswegen mit der Zeit abgewöhnt. Den Mitmenschen sei das „nicht unbedingt klar“, gibt Martina Hundt zu bedenken. Deshalb appelliert sie an Ärzte, Behördenmitarbeiter und generell alle, „die im Alltag möglicherweise mit Schwerhörigen zu tun haben“, sich auf deren Bedürfnisse einzustellen – indem sie etwa „in ihrem Büro oder ihrer Praxis einen Beratungsplatz mit Spuckschutz in Form einer Plexiglasscheibe schaffen“. So könne im Gespräch auch mal der Mund-Nasen-Schutz aus Stoff abgelegt werden. „Wenn beispielsweise ein Arzt eine Untersuchung am Patienten vornehmen muss, kann er die Stoffmaske wieder aufsetzen und das Gespräch danach fortsetzen oder aus größerer Entfernung zwischendurch mit der hörbeeinträchtigten Person sprechen. Auch ein Gesichtsschutz aus Plexiglas ist bei näherem Kontakt eine Alternative“, führt die Hörakustikmeisterin weiter aus.

Nach ihren Angaben sind in Deutschland rund 16 Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffen. Dabei handele es sich keineswegs nur um alte Leute, zumal die Hörfähigkeit auch durch Abnutzungsfaktoren wie großem Lärm oder Infektionen verschleiße. Außerdem, so Hundt, gebe es einen Unterschied zwischen Hören und Verstehen, „der vielen nicht bewusst ist“: Manche Menschen könnten „in allen Bereichen nicht mehr gut hören“, andere hingegen nur einzelne Frequenzen, beispielsweise Zischlaute, nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt wahrnehmen. Gerade deshalb sei das Mundbild als Ergänzung für das Verständnis so wichtig und hilfreich.

Martina Hundt wünscht sich, dass die Menschen mehr darauf achten und sich auch die nötige Zeit nehmen, um wahrzunehmen, ob ihr Gegenüber sie versteht. „Bei Stirnrunzeln oder Schweigen sollte nachgefragt werden“, rät sie. „Falls nicht alles verstanden worden ist“, empfehle es sich, nicht lauter, sondern stattdessen langsamer und deutlicher zu sprechen. Manchmal helfe es, ein Synonym zu verwenden, damit „die Schwerhörigen schon einmal grundsätzlich gewahr werden, worum es im Gespräch geht und den Rest leichter verstehen können“, so die Expertin. In Geschäften, wo es nicht immer möglich sei, auf eine Mundbedeckung zu verzichten, könnten Informationen auch „stärker schriftlich gegeben werden“.

Schwerhörige ermuntert Martina Hundt indes, eben doch ruhig nachzufragen, wenn sie Wörter oder ganze Sätze nicht verstanden haben. Das sei „nichts, wofür man sich schämen muss“.

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