Margot Gründler zählte vor 70 Jahren zu den geretteten Passagieren der Gustloff

Die schlimmste Tragödie der Seefahrtsgeschichte überlebt

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Bei Blohm und Voss erbaut: die Wilhelm Gustloff.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Sie hat die schlimmste Schiffstragödie in der Geschichte der Seefahrt überlebt, und die Erinnerung daran ist auch heute, auf den Tag genau 70 Jahre danach, noch frisch: Margot Gründler aus Harpstedt, mittlerweile 91, zählte zu den 1239 geretteten Passagieren der MS Wilhelm Gustloff. Mehr alls 9300Kinder, Frauen und Männer, überwiegend Flüchtlinge, verloren wenige Monate vor Kriegsende nach einem Torpedoangriff des russischen U-Boots S13 von Kapitän Alexander Iwanowitsch Marinesko auf das Schiff ihr Leben.

Die Gustloff war eigentlich nur für 1465 Passagiere ausgelegt gewesen. Tatsächlich lief der ehemals ganze Stolz der Kreuzfahrtflotte der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) mit mehr als 10500 Menschen in Gotenhafen-Oxhöft aus, darunter rund 9000, die vor der Roten Armee flohen, auf eine sichere Überfahrt über die Ostsee zu den Zielhäfen Kiel und Flensburg hofften und sich – wie Ölsardinen in der Dose zusammengepfercht – den wenigen Platz auf den hoffnungslos überfüllten Decks teilten.

Margot Gründler ging mit ihrer damals elf Monate jungen Tochter Karen, ihrem Sohn Wolfgang, zweieinviertel Jahre alt, ihren Schwiegereltern Franz und Valeska Oschenek sowie Verwandten ihres Mannes an Bord. In ihrem Bauch wuchs neues Leben heran: Dem Sohn gab die Mutter nach der Katastrophe und der Entbindung den Namen Egmont – in Anlehnung an Goethes gleichnamige Tragödie.

30. Januar 1945, 21.16 Uhr: Im Zwei-Sekunden-Takt treffen drei von der S13 abgefeuerte Torpedos die Gustloff in der Nähe von Stolpmünde. Auf dem Schiff befinden sich neben den Flüchtlingen und den Besatzungsmitgliedern auch Marinehelferinnen, Verwundete sowie Soldaten der U-Boots-Lehrdivision – also nicht ausschließlich Zivilisten, was später eine nicht enden wollende Diskussion über die Legitimation des Angriffs auslöst. Zwei Torpedos schlagen ins Vorschiff ein, einer in den Maschinenraum. Die Gustloff bekommt sofort Schlagseite. Nur 62 Minuten später versinkt sie in den eisigen Fluten der Ostsee.

„Wir sind aus den Kojen gefallen“, erinnert sich Margot Gründler an die Torpedo-Einschläge. Die Bilder haben sich im Kopf festgesetzt: Mit ihrer Tochter auf dem Arm und Sohn Wolfgang an der Hand hastet die damals 21-Jährige in der Hoffnung auf Rettung im Schiff über die Stufen – und verliert das Bewusstsein. Als sie aufwacht, überkommt Panik sie: Ihre Kinder sind nicht mehr bei ihr.

Die Schwangere ergattert ein Rettungsboot, wird buchstäblich hineingeworfen. Etwa eine Stunde lang harrt sie dort bei minus 18 Grad in nur leichter Bekleidung aus, ehe sie jemand über die Rehling des Torpedobootes „Löwe“ hievt, das mehrere 100 Schiffbrüchige aufnimmt. Dort sieht sie ihre Tochter Karen wieder – auf dem Arm einer Frau, die das Kind von einem Matrosen anvertraut bekommen hat. Glück und Leid liegen in dieser schweren Stunde unglaublich nahe beieinander. Margots Schwiegereltern überleben die Tragödie nicht. Dass auch Wolfgang, der Sohn, umgekommen ist, will seine Mutter nicht wahrhaben. Margot Gründler versucht nach dem Krieg verzweifelt, ihn zu finden – vergeblich. In dieser Zeit verschlägt es sie mit ihrer Tochter nach Halle. Im Zug lernt sie einen Leutnant kennen, der sie darum bittet, seiner Mutter einen Zettel als Lebenszeichen zu übergeben. Margot Gründler kommt dieser Bitte gern nach. Die Mutter des Offiziers nimmt sie und ihre Tochter herzlich auf. Beide übernachten dort. Tags darauf, am ersten Geburtstag von Karen, erlebt Halle den schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges. Im Keller des Hauses der Gastgeberin überstehen Margot Gründler und ihre Tochter auch diese Katastrophe. „Als wir herauskamen und ins Freie gingen, war alles voller Qualm. Kein einziges Haus stand mehr – bis auf das, in dem wir untergekommen waren“, erzählt die 91-Jährige. Dass sie binnen eines knappen Monats gleich zweimal dem Tod von der Schippe gesprungen ist, grenzt an ein Wunder. Der Verlust ihres Sohnes Wolfgang aber lässt sie nicht los. Möglicherweise liege er in einem Massengrab bei Kolberg, wo nach ihrer Kenntnis angeschwemmte Tote der Gustloff-Tragödie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Ihre Tochter Karen Buhlrich hat – wie Margot Gründler – in Harpstedt eine Heimat gefunden und als Malerin Bekanntheit erlangt. Egmont, der während der Schiffskatastrophe noch ungeborene Sohn im Mutterleib, ist heute verheiratet, zweifacher Vater und schon Opa. Der Ruheständler wohnt in Delmenhorst und befördert per Bus Menschen mit Behinderungen.

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