„Stadtradelstar“ Lutz Beckröge hat drei Wochen auf das Auto verzichtet

Freiwillige Entbehrung ohne Reue

Die „Stadtradelstars“ Dietrich Jaedicke und Lutz Beckröge (vorn, v.l.) mit Manuela Schöne und Kevin Haupt.
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Die „Stadtradelstars“ Dietrich Jaedicke und Lutz Beckröge (vorn, v.l.) mit Manuela Schöne und Kevin Haupt.

Klosterseelte – Als sogenannter „Stadtradelstar“ verpflichtete sich Lutz Beckröge freiwillig, immerhin drei Wochen lang komplett auf das Auto zu verzichten. Nicht mal als Beifahrer durfte er sich im Wagen von A nach B befördern lassen. Das Stadtradeln im Team der Harpstedter Klima-AG hat dem Klosterseelter trotzdem nach eigenem Bekunden Spaß gemacht.

„Leider war es auch in diesem Jahr aufgrund der Pandemie nicht möglich, ein wirkliches Gruppenerlebnis beim Radeln zu haben“, bedauert der Ruheständler. In einem Online-Blog ließ er die Kampagne aus persönlicher Sicht Revue passieren.

Er habe ein paar neue – „landschaftlich sehr schöne“ – Strecken entdeckt. Gefreut habe ihn die große Beteiligung am Stadtradeln. Im Landkreis Oldenburg machten diesmal 1 883 (2020: 757) Interessierte mit.

Die zu beobachtende Zunahme von Freizeit- und Berufsradlern erklärt sich Beckröge nicht zuletzt auch mit dem Zwang zur Kontaktreduzierung während der Pandemie und dem eBike-Boom. Gerade auf dem Land bleiben aber viele Menschen auf das Auto angewiesen. Das ist dem Klosterseelter völlig klar. Ihm selbst bereitete der dreiwöchige Verzicht allerdings keine Probleme, zumal er sich einer guten Gesundheit erfreut und seit vielen Jahren sehr intensiv das Rad als Sportgerät, Fortbewegungs- und Transportmittel nutzt.

Als er beim Stadtradeln vor der Herausforderung stand, Gemüsekisten von der Solidarischen Landwirtschaft „Wildes Gemüse“ in Beckstedt nach Harpstedt zu befördern, musste er improvisieren. Er lieh sich das Lastenrad vom Grünen-Ortsverband Wildeshausen aus. Das Vehikel bot Platz für den Transport von acht Gemüsekisten. „Das war wirklich ein völlig neues Fahrgefühl“, beschreibt der Klosterseelter seine Erfahrungen. „Kurven fahren fiel am Anfang recht schwer. Man gewöhnt sich aber daran.“

Es geht mehr mit dem Rad, als man sich vorstellen kann.“

Lutz Beckröge

Schon das Radeln mit reiner Muskelkraft auf dem unbeladenen Lastenfahrrad sei wegen dessen nicht geringen Eigengewichts und des erhöhten Luftwiderstands einigermaßen anstrengend. Zugleich ziehe das Vehikel bemerkenswert viel Aufmerksamkeit auf sich. Beckröges Fazit nach gut 50 Kilometern: Das Lastenrad sei schon gut geeignet für den Transport von größeren, schweren und sperrigen Gegenständen. Ein angenehmeres Vorankommen wäre aber sicher mit E-Motor-Unterstützung gewährleistet gewesen. Gleichwohl zeige das Beispiel: „Es geht mehr mit dem Rad, als man sich vorstellen kann.“

Missverhältnis bei Infrastruktur-Investitionen

In seinem Online-Blog lobt der Klosterseelter ausdrücklich den Mängel-Melder „Mein RADar“. Es sei eine gute Idee, einen solchen Informationskanal zum Zustand der Radwege im Landkreis zu haben. Das Tool sei als integrativer Bestandteil der Stadtradeln-Homepage und der App jedenfalls bestens geeignet. Die Kampagne selbst wertet Beckröge als gute Initiative, um Menschen zu mehr Verzicht auf das Auto zu bewegen. Für eine erfolgreiche Verkehrswende bedürfe es aber weit mehr als das Stadtradeln. Pro Pkw investierten Bund, Länder und Kommunen jährlich etwa 500 Euro in die Straßeninfrastruktur; das mache bei 60 Millionen Autos rund 30 Milliarden Euro. Dabei sei dieser Wert noch niedrig angesetzt, zumal viele Kosten – unter anderem auch solche als Resultat gesundheitlicher Schäden – gar nicht eingerechnet seien. Für die Radinfrastruktur investiere die öffentliche Hand nur durchschnittlich zwei bis fünf Euro je Einwohner im Jahr (macht in Summe maximal rund 400 Millionen Euro). In Kopenhagen lägen diese Pro-Kopf-Aufwendungen indes bei 35, in Oslo bei 70 und in Utrecht gar bei 132 Euro.

Es muss ein Umdenken stattfinden!“

Lutz Beckröge

„Sinnvoll ist es, doch gerade auf dem Land erst einmal die Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte ÖPNV- und Radwegeinfrastruktur zu schaffen, bevor von den Bürgerinnen und Bürgern erwartet wird, auf Autofahrten zu verzichten“, findet Lutz Beckröge. Nach seiner Ansicht müsste ein ganzes Paket „zukunftsorientierter Radförder- und ÖPNV-Maßnahmen“ kurzfristig angegangen werden, als da wären:

. schnelle Umsetzung des Regionalen Mobilitätskonzeptes „Radverkehr“ des Kommunalverbunds Bremen-Niedersachsen (unter anderem mit Radschnellwegen);

. innerorts grundsätzlich Tempo 30;

. Trennung von Rad- und Fußwegen (wo das nicht möglich ist: Verlagerung des Radverkehrs auf die Straße);

.  dauerhafte Radweg-Instandhaltung/-Pflege einschließlich eines funktionierenden Winterdienstes;

.  Erhöhung der Taktfrequenzen bei Bus- und Zugverbindungen, zudem einfache Mitnahmemöglichkeiten für Räder im ÖPNV sowie verbesserte Fahrradabstellmöglichkeiten an den Haltestellen;

.  verstärkter Einsatz von Bürgerbussen/Bürgerautos;

.  Car-Sharing-Angebote auch in ländlichen Gemeinden.

„Natürlich“, so räumt Beckröge ein, „sind begleitende Maßnahmen wie etwa das Stadtradeln unbedingt erforderlich“. Das Interesse an Alternativen zum Autofahren und die Auseinandersetzung mit den Optionen müssten unbedingt gefördert werden.

In diesem Zusammenhang gebühre Kevin Haupt, Projektmanager Klimaschutz, und Kreis-Klimaschutzmanagerin Manuela Schöne mitsamt Team ein herzliches Dankeschön „für die Organisation des Stadtradelns in unserem Landkreis“.

Beckröges Gedanken zum Thema Verkehrswende mündet in einen Appell an Einwohner, Politik und Verwaltung: „Es muss ein Umdenken stattfinden!“

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