Leukämiepatient Marius Kossmann feiert nach erfolgreicher Stammzelltransplantation Weihnachten im Familienkreis

Ein Herzenswunsch geht in Erfüllung

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Marius freut sich auf Weihnachten. Er darf nun auch schon wieder aufs Fahrrad. Das ärztliche Okay kam gestern.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Den Tannenbaum haben seine in Huchting wohnenden Großeltern vorsorglich in den Wintergarten verbannt. Marius Kossmann darf ihm nicht zu nahe kommen, wenn er dort die Weihnachtstage verbringt. Keime aller Art, auch Pilze, bleiben für ihn vorerst wegen seines noch nicht hinreichend gestärkten Immunsystems ein gesundheitliches Risiko. Den Heiligen Abend im Kreise der Familie verleben – das war schon zu Beginn der Krankheitsgeschichte des 20-Jährigen ein Herzenswunsch gewesen. Der geht nun in Erfüllung.

„(ALL) Philadelphia Chromosom positiv“ – diese Diagnose hätte noch vor zehn Jahren für den Harpstedter mit hoher Wahrscheinlichkeit das Todesurteil bedeutet. Heute lässt sich diese seltene Form der Leukämie mit Chemo- und Strahlentherapie behandeln, aber eine wirklich gute Heilungschance bietet wegen der hohen Wiedererkrankungsquote nur die Kombination mit einer Stammzelltransplantation.

1983 geboren, Deutscher, 92 Kilogramm schwer – viel mehr als das weiß Marius Kossmann nicht über den Mann, dem er vermutlich sein Leben verdankt. Mitte September kam die Nachricht, dass dessen Stammzellen „passen“. Am 3. Oktober folgte die Transplantation. Sie verlief komplikationsfrei. Früher als erwartet, am 4. Dezember, ist Marius aus der Quarantäne entlassen worden. In Maßen lebt der passionierte Sportler schon wieder seinen Bewegungsdrang aus. Bei Spaziergängen legt er oft drei oder vier Kilometer zurück. „Ich darf nun sogar Fahrrad fahren“, erzählt er. Gestern kam dafür das ärztliche Okay.

Die ihm verordnete Umstellung auf extrem keimarme Ernährung nervt den Harpstedter allerdings. Nicht nur auf Honig oder honighaltige Müsli-Riegel muss er verzichten. Rohkost ist ebenfalls tabu, Obst hingegen zulässig, aber nur in geschälter Form. Steak kommt, wenn überhaupt, mehr als „durch“ auf den Teller. „Alles muss totgekocht werden“, seufzt Marius. Damit sein Immunsystem möglichst wenig mit Krankheitserregern in Kontakt kommt, hat seine Mutter Bettina Siebert-Kossmann alle Pflanzen und anderen potenziellen Keimträger aus dem Haus verbannt. Der Kater kriegt aktuell keine Streicheleinheiten von Marius – der Keime wegen.

Als geheilt gilt der junge Leukämiepatient in frühestens fünf Jahren. Seine Genesung aber macht sichtliche Fortschritte. Bei der Gesundung spiele die Psyche, das positive Denken, eine wichtige Rolle, glaubt Marius.

Höchst selten kränkelte er in seinem bisherigen Leben. Selbst an eine Grippe oder eine einfache Erkältung kann er sich kaum mehr erinnern. Schlagartig veränderte die Leukämie im Frühling alles. Mit Gelenkschmerzen und hohem Fieber kam der damals 19-Jährige am Pfingstsonntag ins Bassumer Krankenhaus. Infektion oder Blutkrankheit? Beides schien anfangs als Ursache möglich. Es dauerte fünf Tage bis zur Diagnose Leukämie. In Marius‘ Blut fanden sich nur noch 3000 Blutplättchen (Thrombozyten) pro Mikroliter (µl) „Lebenssaft“. Bei gesunden Menschen liege der Wert zwischen 150000 und 350000 je µl, weiß seine Mutter. Milz und Leber seien zum Glück nicht vergrößert, sondern einzig das Knochenmark „befallen“ gewesen, erinnert sich Marius.

Warum ausgerechnet er, der stets gesund gelebt, Sport getrieben, nicht geraucht und kaum Alkohol getrunken hatte, Leukämie bekam, habe er sich zwar mal kurz gefragt, aber das hinderte ihn nicht daran, sich der Krankheit zu stellen. Todesangst habe er nie verspürt. Während der Behandlung in Form von Kopfbestrahlungen und Chemotherapie sei die Chemo, die der Stammzelltransplantation vorausging, das schlimmste Stadium gewesen. „Das hat mir meine Mundschleimhaut kaputt gemacht“, erinnert sich Marius. Die Ganzkörperbestrahlungen direkt vor der Transplantation sei indes „relativ gut zu verkraften“ gewesen. Auf der Haut des Oberkörpers hätten sich „kleine schwarze Punkte“ gebildet, die aber wieder verschwunden seien.

Tabletten, die dem Patienten auf den Magen schlugen und ihm Übelkeit bereiteten, sind aktuell abgesetzt. Marius geht davon aus, dass er sie aber wohl wieder auf unbestimmte Zeit einnehmen muss. Gleichwohl strahlt er viel Zuversicht aus und hofft darauf, im April sein duales Fitnessökonomie-Studium in Harburg fortsetzen zu können, wie ihm von ärztlicher Seite in Aussicht gestellt worden ist. In den berufspraktischen Teil im Lübecker „Holmes Place“-Fitnessstudio werde er wohl nicht sofort einsteigen, vermutet der 20-Jährige, sondern erst später – und dann auch nur mit zunächst reduzierter Stundenzahl.

Schwer beeindruckt haben Marius Kossmann die für ihn organisierten Typisierungsaktionen – besonders die in Harpstedt, wo sich nach seiner Kenntnis inklusive der Bürger, die Wattestäbchen bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) anforderten, etwa 2000 Menschen registrieren ließen. Das entspricht fast einem Fünftel der Samtgemeinde-Einwohnerschaft. „Davon können sich andere Kommunen eine Scheibe abschneiden“, findet Marius.

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