Lernen, richtig zu lernen

Gedächtnistrainerin aus Groß Ippener verrät, wie Schüler im Homeschooling konzentriert bleiben

Gedächtnistrainerin Martina Hoffstedt sitzt auf einem Stuhl und lächelt in die Kamera.
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Gibt Tipps und Tricks in Sachen Lernen: Gedächtnistrainerin Martina Hoffstedt aus Groß Ippener.

Groß Ippener – Immer mehr Menschen arbeiten während der Corona-Pandemie von zuhause aus. Homeoffice und Homeschooling sind die Stichworte. Doch das bedeutet auch mehr Ablenkung. Wie kann ich zuhause konzentriert arbeiten? Lern- und Gedächtnistrainerin Martina Hoffstedt aus Groß Ippener gibt in einem Interview Tipps, wie das Lernen im heimischen Umfeld besser funktionieren kann.

Frau Hoffstedt, zuhause im Homeschooling lernen und gleichzeitig im Homeoffice arbeiten. Welche Schwierigkeiten tun sich da auf?

Die Familien stehen vor sehr großen Herausforderungen. Oft fehlen geeignete Räume, damit Homeschooling und Homeoffice gleichzeitig funktionieren. Es hat auch nicht immer jedes Familienmitglied einen dauerhaften Internetzugang oder einen eigenen Laptop. Und wenn dann das Programm nicht läuft oder die benötigten Dateien nicht vollständig heruntergeladen werden können, weil das Netz schlappmacht, trägt das mit Sicherheit nicht zur allgemeinen Erheiterung bei. Das Zuhause wird zur Betriebsstätte. Da gibt es viel zu organisieren. Die Eltern sind dann im Augenblick auch noch als Ersatzlehrer, Motivatoren Streitschlichter, IT-Administratoren und Unterstützer tätig. Da kann es sehr schnell zu Überforderungen kommen, sowohl auf Schüler- als auch auf Elternseite. Der Tagesrhythmus verändert sich, er muss den Gegebenheiten neu angepasst werden. Und ganz wichtig: Jeder muss sich auch daran halten.

Wie hat Homeschooling das Lernen verändert?

Es sind nun sehr viel mehr Eigeninitiative und Disziplin von Schülern und Eltern gefordert. Die Lerninhalte sind unterschiedlich gut aufbereitet und müssen nunmehr größtenteils selbstständig erarbeitet werden. Schüler, Eltern, Lehrer – alle sind da einfach ins kalte Wasser geworfen worden. Und da noch keine allzu weitreichenden Erfahrungen für diese besonderen Umstände vorliegen, läuft es zum Teil auch manchmal etwas holpriger auf allen Seiten.

Welche Möglichkeiten gibt es, um sich Wissen selbstständig aneignen zu können?

Wir unterscheiden zwischen vier verschiedenen Lerntypen. Der auditive Typ lernt hauptsächlich beim Zuhören. Beim visuellen Lerntyp klappt das Lernen am besten beim Lesen oder Filme anschauen. Der motorische Lerntyp packt mit an. Je praktischer der Inhalt vermittelt wird, desto einprägsamer ist es für ihn. Der kommunikative Lerntyp verfestigt das Gelernte durch die Wiedergabe mit seinen eigenen Worten. Diese Typen treten in der Regel nie alleine in reiner Form auf, sondern immer in Kombination mit den anderen. Die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Formen jedoch lässt entweder die einen oder anderen Merkmale und Lernvorlieben deutlicher hervortreten. Das bedeutet, dass wir möglichst in vielfältiger Art dem neuen Lernstoff begegnen sollten. In der Schule wird die Vermittlung vorgegeben. Im Homeschooling sollten wir hieran denken und multisensorell lernen. Und noch ein Tipp: Je merkwürdiger und verrückter wir Neues in unserem Kopf verknüpfen, umso leichter können wir das Gelernte wieder abrufen.

Welchen Einfluss haben Eltern auf den Lernerfolg ihrer Kinder?

Eltern haben einen großen Einfluss auf den Lernerfolg ihres Kindes. Und das von Geburt an. Das bedeutet aber absolut nicht, das Kind bereits früh „auf Schule“ zu trainieren. Kreativ spielen, wissbegierig sein, fantasievoll rumblödeln, die Welt gemeinsam entdecken und hinterfragen. Eltern haben die wunderbare Möglichkeit, ihren Nachwuchs im Spiel zu beobachten und zu begleiten. Eltern, die meinen, ihren Erziehungsauftrag mit der Schultüte abgegeben zu haben, dürfen sich nicht beschweren, wenn Homeschooling nicht funktioniert. Kleine Kinder lernen freiwillig; und das gilt es, zu bewahren, zu fördern und zu unterstützen. Es gehört aber auch dazu, dass Eltern ihren Kindern die Möglichkeit lassen, eigene Erfahrungen und vielleicht auch daraus resultierende Konsequenzen zu erleben. Sie sollen ja schließlich selbstständig werden – auch im Homeschooling.

Wie strukturiere ich meinen Arbeitsalltag?

Am besten mit einem Fahrplan, der neben geregelten Lern-, beziehungsweise Arbeitszeiten auch Pausen enthält. Für die Lernzeiten mache ich mir dann eine To-Do-Liste, die für mich gut zu bewältigen ist, ohne mich zu überfordern. Wir brauchen immer kleine, gut zu erreichende Zwischenziele. Und fertig bearbeitete Listenpunkte abzuhaken, macht doch jedem Spaß.

Wie wichtig sind Pausen?

Ohne Pausen fangen wir nach einer bestimmten Zeit an, von unserer Tätigkeit abzudriften, wir werden immer unkonzentrierter und es schleichen sich Fehler ein. Das ist der Zeitpunkt, an dem wir uns bei der Arbeit dann mal eben einen Kaffee holen. Pausen bieten unserem Gehirn Entspannung. Da reicht es auch schon, einfach seinem Arbeitsplatz den Rücken zuzukehren, um sich besagten Kaffee oder Tee zu kochen, sich die Beine zu vertreten und frische Luft zu schnappen.

Wann sollte man eine Pause einlegen?

Da unsere Aufmerksamkeitsspanne begrenzt ist, sollten jüngere Schüler nach 20 bis 30 Minuten eine kurze Pause einlegen und Erwachsene nach circa 50 bis 60 Minuten. Diese Zeiten sind aber nicht in Stein gemeißelt. Wichtig ist, dass man auf die Signale seines Körpers achtet. Zu Längen und Intervallen von Lern- und Pausenzeiten gibt es viele Theorien, wie zum Beispiel die Pomodoro-Technik. Hiernach lernt man vier mal 25 Minuten mit jeweils fünf Minuten Pause zwischen den Einheiten, bevor man dann eine längere Pause macht. Das Handy ist übrigens kein guter Pausenbegleiter. Das sollte während der Lern- beziehungsweise Arbeitszeit nicht verfügbar sein. Das belegen Studien, in der Lerngruppen, die ihr Handy abgeben mussten, deutlich bessere Ergebnisse lieferten als Gruppen, die ihr Handy am Tisch haben durften. Wer gute Pausen einlegt, arbeitet effektiv, kommt nicht nur schneller zum Lernerfolg, sondern auch zur Freizeit.

Was sind die Gründe dafür, dass Erwachsene, Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten beim Lernen haben?

Im Allgemeinen stelle ich immer wieder fest, dass die meisten Menschen es nicht gelernt haben, effektiv zu lernen. Jeder durchläuft zwar die Schule, aber Merk- und Lerntechniken werden in der Regel nicht gelehrt. Jeder Schüler ist auf sich gestellt. Ohne dieses Handwerkszeug kann man sich Dinge allenfalls „nur eben“ bis zur nächsten Prüfung merken. Frust baut sich auf. Schlechte Lernerfahrungen prägen das Selbstbild und Prüfungsängste kommen häufig dazu. Der Spaß am Lernen verlässt viele bereits in der Grundschule. Weitere Gründe sind unter anderem mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Blackouts und Denkblockaden, schlechte Noten, die Vorbereitung auf Klausuren oder einfach der Wunsch, nach effizienterem Lernen.

Wie helfen Sie diesen Personen?

Ich unterstütze und begleite Schüler, Auszubildende, Studenten und auch Eltern individuell bei der Entwicklung und Förderung von Lernprozessen. Im Mittelpunkt steht für mich immer die Frage, wie der Lernende selbst Lösungen und Strategien auf eine für seinen Lerntyp passende Weise erlangen kann. Gemeinsam entdecken wir die persönlichen Lernstrukturen und verknüpfen, ergänzen und erweitern sie mit neuen Möglichkeiten.

Wie kann ich mein Gedächtnis fit halten? Gibt es einfache Übungen, die schnell umzusetzen sind?

Hier ist es genauso wie im Sport: Muskeln, die ich trainiere, wachsen. Und genau das mag unser Gehirn auch sehr gerne: viele verschiedene Anreize und Übungen aus verschiedenen Bereichen. Im Gedächtnistraining trainieren wir deshalb neben Fantasie und Kreativität unter anderem auch in recht munterer Weise das logische Denken, die Denkflexibilität, die Wahrnehmung und Wortfindung. Und Übungen zu den einzelnen Bereichen gibt es zur Genüge. Zum Beispiel: welche Tiernamen fallen Ihnen ein, in denen kein „E“ vorkommt?

Ich kann auch mal einen Artikel aus der Wildeshauser Zeitung auf dem Kopf lesen oder versuchen, einzelne Wörter rückwärts zu sprechen. Oder gemeinsam rhythmisch klatschen und Rhythmen nachklatschen lassen. Auch könnten Eltern mit ihren Kindern Memory spielen und versuchen, nicht zu verlieren. Hobbys, Kultur- und Freizeitangebote fördern das Gehirn und die Konzentration. Musizieren, Tanzen, Fremdsprachen und natürlich auch Bewegung fördern nachweislich die geistige Fitness. Man sollte nie seine Neugier und den Spaß verlieren, auch mal neue Dinge auszuprobieren. Nur so können wir wunderbar neue Erfahrungen und Strategien kennenlernen und unseren Alltag damit bereichern.

Zur Person

Martina Hoffstedt ist 53 Jahre alt und lebt in Groß Ippener. Sie absolvierte 2015 die Ausbildung zur Gedächtnistrainerin beim Bundesverband Gedächtnistraining. Seitdem arbeitet sie nebenberuflich als Lern- und Gedächtnistrainerin in Delmenhorst und umzu. Sie unterstützt und begleitet Schüler, Auszubildende, Studenten und Eltern individuell bei der Entwicklung und Förderung von Lernprozessen. Dafür bietet sie Einzel- und Gruppenunterricht sowie Elterncoaching an.

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