Jens Fröhlke beteiligt sich in Süddeutschland drei Tage lang an „Earthship“-Bau

„Lebensläufer“ verewigt sich in zukunftsweisendem Projekt

Mit baulicher Eigenleistung hat sich Jens Fröhlke in einem, wie er findet, zukunftsweisenden Projekt „verewigt“.

Harpstedt - Mit schnellen Schritten nähert sich Jens Fröhlke Tag 300 seiner ein Jahr währenden Friedenstour „für eine lebenswertere Welt“. Nachdem er sich wegen eines Todesfalls in der Familie eine Auszeit zum Abschiednehmen und Trauern genommen hatte, durchstreift der Buchhändler aus Harpstedt inzwischen wieder die Republik – ganz ohne Geld, unter bewusstem Verzicht auf die Freuden des Konsums und mit dem Ziel, alternative Lebensweisen und Netzwerke zu erfahren. Das jüngste Kapitel seines Reisetagebuchs widmet er „Schloss Tempelhof“ im baden-württembergischen Crailsheim.

An der Raststätte in Würzburg musste der „Lebensläufer“ lange warten, bis „ein Engel“ namens Pit, wie er schreibt, ihm angeboten habe, ihn direkt bis zur Autobahnabfahrt Crailsheim mitzunehmen. Der Fahrer, ein Niederländer, verriet, er arbeite für einen Coffeeshop-Betreiber. „Während er bei 140 Sachen auf der linken Spur eine lustige Zigarette drehte, erzählte er mir seine Geschichte“, erinnert sich Fröhlke. Pit habe einem Freund, der ein spezielles Raucherutensil herstellen wollte, angeboten, die Finanzierung zu übernehmen – unter der Bedingung, dass dabei nur komplett abbaubare Stoffe Verwendung fänden. „Und so entwickelten sie ein Granulat aus Hanf, mischten es mit Naturharzen und bekamen ein plastikähnliches Material. Pit schenkte mir ein Set mit einigen Zigarettenblättchen und Döschen aus eben diesem Material, sodass ich mich von der Qualität überzeugen konnte“, schildert der Buchhändler. Das wiederum, so urteilt er, passe hervorragend in sein „Lebenslauf“-Projekt. Hanf sei eine wunderbare Alternative zu Erdöl und Baumwolle. „Am Anfang des 20. Jahrhunderts war es ein wichtiger Rohstoff. Die Baumwollindustriellen haben sehr viel dafür getan, dass die Weiterentwicklung dieses ,Open Source’-Produktes brutal abgebremst wurde. Die Pflanze wurde für illegal erklärt, ihr Anbau unter Strafe gestellt und ihre öffnende Wirkung als Grund benutzt, sie mit strengstem Rauschdrogenverbot zu belegen“, weiß Fröhlke. Damit wiederum sei „die Tür geöffnet“ worden für Baumwollbarone und Ölmilliardäre, für Menschenjagd, Sklavenhaltung, Entmündigung, Verarmung, Leid, Not, Elend und Tod.

Am Abend des 277. Lebenslauf-Tages erreichte Fröhlke „Schloss Tempelhof“. „Niemand erwartete mich“, entsinnt er sich. „Am Ende des Anwesens sah ich ein Feuer und fand mich schnell in geselliger Runde von zehn jungen Menschen, die darum herum saßen.“ Alle, so erzählt der Buchhändler, arbeiteten freiwillig mit am Bau eines „Earthships“, eines Gemeinschaftshauses für Bauwagenplatzbewohner. „Benni“, einer von ihnen, verschaffte Fröhlke die erste Schlafgelegenheit. Die Nächte darauf verbrachte der Harpstedter auf der Baustelle in der künftigen „Earthship“-Wohnküche, wo er sein Lager aufschlug. „Schloss Tempelhof“ bietet einer Gemeinschaft aus aktuell rund 150 Menschen einen Ort für eine autarke und alternative Form des Zusammenlebens. Das finanzielle Fundament nennt Fröhlke „solide“. Die Gemeinschaft bezeichnet er als „sehr strukturiert“. An Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen werde ständig gearbeitet, ebenso an Mitbestimmung und „Wir-Prozess”. Menschen, die in die Gemeinschaft ziehen wollten, müssten eine längere „Annäherungsphase“ durchlaufen, die jederzeit von beiden Seiten beendet werden könne. Um „dort heimisch“ werden zu können, sei eine finanzielle Einlage von 30 000 Euro nötig. Es komme vor, dass jemand, der das Geld nicht habe, „auch dort nicht leben kann“, weiß Fröhlke.

Der Bauwagenplatz, ein kleines Dorf neben und in dem großen Dorf „Schloss Tempelhof“, werde größtenteils als Bereicherung empfunden. Die 25 Bewohner dort seien die maßgeblichen Initiatoren des „Earthships“. Letzteres geht wiederum auf eine Erfindung des US-Amerikaners Michael Reynolds zurück. „Stellt euch ein Haus vor, das sich selbst heizt, sein Wasser liefert, Essen produziert. Es braucht keine teure Technologie, recycelt seinen eigenen Abfall, hat seine eigenen Energiequellen. Es kann überall und von jedem gebaut werden – aus Dingen, die unsere Gesellschaft wegwirft.” So beschrieb der Urheber selbst seine schon vor 40 Jahren entworfene Vision, die seither weltweit ungezählte Male Wirklichkeit geworden ist.

Fröhlke entdeckte noch einiges mehr im Zukunftsdorf Tempelhof, etwa die freie Schule mit rund 50 Schülern im Alter von fünf bis 16 Jahren. 2015, so schildert er, sei eine Jurte hinzugekommen. Sie biete Raum für die Jüngeren im Übergang vom Kindergarten in die Schule.

Zurück zum „Earthship“: Die Süddeutsche Zeitung titulierte es als ein „Haus aus alten Autoreifen, Fliesen und Glasflaschen“, das trotz der ungewöhnlichen Baumaterialien „nicht hässlich“ sei. Fröhlke durfte selbst drei Tage daran mitarbeiten. „Ein gutes Gefühl, mich in dieses wunderbare, zukunftsweisende Projekt einbringen und in gewisser Weise ,verewigen’ zu dürfen“, resümiert der „Lebensläufer“.

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