(Kirchen-)Stiftungsmahl: Mathias Kopetzki entlarvt in dem Stück „Dreck“ Vorurteile über Asylbewerber

Das Lachen bleibt im Halse stecken

59 Gäste kamen zum Stiftungsmahl ins Gasthaus „Hackfeld’s Dorfkrug“. Vorn, von links: Pastor Gunnar Bösemann (Flüchtlingshilfe), der Kuratoriumsvorsitzende Dieter Claußen, Schauspieler Mathias Kopetzki sowie das Gastronomen-Ehepaar Gunda und Dieter Winkler. - Foto: boh

Klein Ippener - Mit einem Strauß Rosen durchschreitet Mathias Kopetzki in der Rolle des arabischen Asylbewerbers Sad den Saal von „Hackfeld’s Dorfkrug“ in Klein Ippener. Sein gebrochenes Deutsch scheint gleich das erste landläufige Vorurteil über Flüchtlinge zu bestätigen. Doch nur wenige Minuten später fühlen sich die 59 Zuhörer ertappt und entlarvt.

Der anfangs unbeholfen wirkende Rosenverkäufer spricht nämlich urplötzlich fließend die ihm fremde Sprache und outet sich als Student der Philosophie. „Ich habe mich schon immer für die deutsche Literatur interessiert“, überrascht er das Publikum. Vorurteile zu „bedienen“ und sofort wieder ad absurdum zu führen – diese Dialektik zieht sich konsequent durch das Ein-Personen-Stück „Dreck“ aus der Feder von Robert Schneider, das der auch aus Fernsehserien wie „Alarm für Cobra 11“ bekannte, in Hude aufgewachsene Kopetzki beim achten Stiftungsmahl der Harpstedter Kirchenstiftung aufführt.

Ironische Zwischentöne und eher hintergründiger Witz gesellen sich hinzu. Gleichwohl ist „Dreck“ keine leichte Kost. Sads Monolog lässt den Zuschauer verstört zurück. Sätze wie „Ich habe kein Recht, hier zu sein“ animieren unterschwellig dazu, das Asylrecht kritisch zu hinterfragen.

Mathias Kopetzki verstand es meisterhaft, auch in seinen Gesten das Gefühlschaos des Fremden unter Fremden zu veranschaulichen. - Foto: Bohlken

Es klingt wie eine naive Schwärmerei, wenn Sad die vielen Parkbänke mit den „geschwungenen, gusseisernen“ Füßen bewundert, von denen es in Deutschland so viele gebe. Der Zuschauer ist geneigt zu schmunzeln, doch das Lachen bleibt ihm im nächsten Moment im Halse stecken, als der Rosenverkäufe erzählt, wie die Menschen aufstehen und weggehen, sobald er sich nähert. Es seien dieselben Leute, die, als sie jung waren, „dieses Land mit ihren eigenen Händen wieder aufgebaut haben, damals, nach dem großen Krieg“.

Einen Asylantrag zu stellen, erscheint Sad sinnlos. Ein Bleiberecht bekämen nur diejenigen, „die erschossen werden“. Das Gesetz spreche von „politisch verfolgt“. Aber das sei ein Gummiparagraf. „Man muss nachweisen, dass man erschossen wird. Wenigstens gefoltert“, sinniert Sad sarkastisch. Er spricht über Ausländerhass, Klischees und alltägliche Unverschämtheiten, die er aushalten muss, von der Diskriminierung wegen seiner dunklen Haut oder der Unart und Unhöflichkeit, ihn einfach zu duzen. Wie sehr er unter der Situation leidet, unterstreicht Kopetzki mit eindrucksvoller Gestik.

Verzweiflung, Wut, Resignation – das Stück lebt vor allem von der inneren Zerrissenheit, die Sad durchlebt und durchleidet, ohne in „Betroffenheitsgedusel“ abzugleiten. Es stimmt, sagt der Protagonist, er sei „dreckig“ und bleibe es auch, wenn er seine Hände gewaschen habe. Völlig desillusioniert neigt er sogar dazu, sich selbst das Recht zu leben abzusprechen, im Stillen auf Integration hoffend, aber doch nicht wirklich erwartend. Sogar die Ausgrenzung, die er erfährt, hält er für selbst verschuldet.

Das Stück passt in die Gegenwart, da in ganz Europa der Rechtspopulismus erstarkt und in Deutschland AfD und Pegida-Aktivisten unterschwellig oder auch unverblümt ein Klima der Angst gegenüber Fremden erzeugen. „Dreck“ verleugnet aber gleichwohl nicht die zeitgeschichtliche Epoche, aus der das Stück stammt: Die Uraufführung am Hamburger Thalia Theater datiert vom 10. Januar 1993.

Zu jener Zeit grassierten andere Vorurteile gegenüber Fremden. Der angeblich fortwährend nach Knoblauch aus dem Mund riechende Ausländer etwa ist kein Thema mehr. Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, werden heute eher wegen ihres muslimischen Glaubens skeptisch beäugt oder – in beschämender Generalisierung von Einzelfällen – als vermeintliche „Asylbetrüger“ mit vermeintlicher Neigung zu Kriminalität diffamiert.

Das Internet ist voll von Hetzparolen. Auch die Befürchtung, mit den „Asylanten“ komme der Terror ins Land, schwingt mit. Gleichwohl hat sich „Dreck“ viel von seiner Aktualität bewahrt, denn das Stück gewährt tiefe Einblicke in das Gefühlschaos und die Selbstzweifel eines Fremden unter Fremden. Der Kuratoriumsvorsitzende der Harpstedter Kirchenstiftung, Dieter Claußen, hatte es sich in Hude mit seiner Frau angeschaut. So kamen der Kontakt mit Kopetzki und dessen Engagement für das Stiftungsmahl zustande.

Die Veranstaltung spülte am Donnerstagabend 600 Euro in den Kapitalstock der Harpstedter Kirchenstiftung.

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