Der Bibelbestatter

Kunstinstallationen: Ehemaliger Pastor Jörg Schafmeyer vergräbt die Heilige Schrift

Auch auf dem Gelände der Muna in Dünsen hat Jörg Schafmeyer eine Bibel eingegraben.
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Auch auf dem Gelände der Muna in Dünsen hat Jörg Schafmeyer eine Bibel eingegraben.

Der ehemalige Pastor Jörg Schafmeyer vergräbt Bibeln. Seine Intention sei es nicht, sie zu entsorgen, erklärt der Künstler.

Harpstedt – In einer Senke zwischen Harpstedt und Bassum wurde im Jahr 1834 der Postbote Bernhard Wilhelm Thöle ermordet. Der Täter wurde wenig später gefasst und enthauptet. Es war die letzte Hinrichtung in Harpstedt. An dem Ort des Verbrechens führt heute die „Mörderbrücke“ über die Halbeke. Und es ruht dort eine Bibel – etwa einen halben Meter tief im feuchten Erdreich.

Begraben hat sie vor vier Jahren der Harpstedter Künstler und ehemalige Pastor Jörg Schafmeyer. In Heiligenrode, Bremerhaven und Sulingen stand er auf der Kanzel. Es ist nicht die einzige Heilige Schrift, die der 66-Jährige verbuddelt hat. Insgesamt 14 Mal hat er Gottes Wort bislang zu Grabe getragen. „Ich möchte bestimmte Orte mit der Bibel in Zusammenhang bringen“, erklärt Schafmeyer. „Es reizt mich, einen Raum aufzumachen zwischen dem, was unter mir und was oben ist. Ich möchte zwischen beidem eine vertikale Verbindung schaffen.“

Seine Intention sei es nicht, die Bibel zu entsorgen. „Wir begraben Tote und Schätze. Wer einen Verstorbenen beerdigt, will ihn ja nicht beseitigen, sondern seiner gedenken. Gräber sind heilige Orte“, betont der Harpstedter. Seine Aktionen seien zudem ein in Szene setzen des Wortes Gottes. „Die Bibel ist nur etwas wert, wenn sie in Kommunikation bleibt.“ Religion müsse gelebt werden. „Ich will die Bibel an einem bestimmten Ort sichtbar machen“, verdeutlicht der Künstler. Das erreicht Schafmeyer, indem er die Grabstätte fotografiert und die Bilder in der Galerie seiner Frau Ulrike in Harpstedt ausstellt. Vor Ort ist von dem Bibelgrab hingegen nichts zu sehen. Weder ein Kreuz noch ein anderes Symbol kennzeichnen die Stelle. Lediglich die GPS-Koordinaten hat Schafmeyer für sich dokumentiert. „Mein Anliegen ist es nicht, ein besonderes Foto zu machen. Es geht um die Geschichte“, erläutert Schafmeyer.

Oft hat sich der Harpstedter Künstler historisch bedeutsame Orte ausgesucht, mit denen er zuweilen auch persönliche Erlebnisse verbindet. So begrub er jüngst in diesem Sommer eine Bibel auf dem Gelände der Muna in Dünsen. Als dort in den 1980er-Jahren amerikanische Atomsprengköpfe lagerten, hat Schafmeyer selbst vor den Toren des Militärgeländes gegen die atomare Aufrüstung demonstriert. „Einen Tag später war meine Ordination zum Pastor. Jetzt bin ich endlich auf das Gelände gekommen“, erzählt er. „Es ist schön, wenn diese Orte etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben.“ Die Bibelgrabstätten beschäftigen sich aber nicht immer mit dem Tod. Eine Heilige Schrift hat der Künstler an einem Kaufhausparkplatz in Sulingen bestattet. „Hier kann man sich die Frage stellen, was Bibel und Kommerz miteinander zu tun haben“, erklärt Schafmeyer.

Seine jüngste Grabstätte liegt etwa 350 Kilometer weit von Harpstedt entfernt. Unterhalb der Wartburg bei Eisenach verbuddelte der ehemalige Pastor ein Schriftwerk im Boden. „Vor genau 500 Jahren übersetzte Martin Luther dort das Neue Testament ins Deutsche und machte auf diese Weise die Bibel dem Volk zugänglich.“

Mitunter wirken seine Aktionen etwas konspirativ. Bevor er die Schaufel in die Hand nimmt und am Wegesrand ein Loch aushebt, wartet Schafmeyer, bis er alleine ist. „An der Wartburg hat es eine Weile gedauert, bis keine Touristengruppen mehr in der Nähe waren“, erzählt der Künstler. Meistens beerdigt er die Bibeln alleine, in einigen Fällen waren auch schon Freunde oder seine Frau dabei. Immer gehe es aber sehr würdevoll bei den Bestattungen zu. Der ehemalige Pastor spricht ein Gebet und einen Psalm, bevor er die Bücher der Erde überlässt. „Ich spule nichts ab, sondern bin dort mit meiner Seele.“ Beenden wird Schafmeyer das Bibelbestattungsprojekt wohl nie. „Wie sollte ich es abschließen? Es gibt zu viele Orte“, sagt der Künstler. Er habe auch schon weitere im Kopf. In konkreter Planung sei aber noch nichts.

Bibeln zu bestatten ist aber bei Weitem nicht die einzige Art von Schafmeyer, sich mit Gottes Worten künstlerisch auseinanderzusetzen. „Mein Leben lang habe ich mich damit beschäftigt“, erzählt er. Als junger Pastor hat er einmal die Wände einer Garage mit sämtlichen Seiten des Neuen Testaments beklebt. „Wir haben dann mitten in der Bibel ein Happening veranstaltet“, erzählt er. Erst vor Kurzem hat er ein Neues Testament komplett in Salzlösung zersetzen lassen und in 27 Arzneifläschchen abgefüllt – eins für jedes Buch. „Die Bibel ist für immer konserviert, aber nicht mehr lesbar“, so der Künstler.

Zu sehen sind die Flaschen sowie die Bestattungsfotos in der „Galerie Vertikale“ in Harpstedt an der Freistraße 6. Sofern es das Infektionsgeschehen zulässt, lädt Schafmeyer auch Gruppen zu Führungen ein. Zudem besteht die Möglichkeit, sich die Ausstellung auszuleihen oder ein Foto zu kaufen.

Von Leif Rullhusen

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