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„Betet für die Ukraine!“

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Von: Jürgen Bohlken

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Ina Krasnikow-Radloff (r.) und ihr Mann Norbert (l.) aus Dünsen haben selbst geflüchtete Freunde aus der Ukraine aufgenommen: Olga Evsikowa (2.v.r.) mit ihrer Tochter Paulina (2.v.l.) und Sohn Michael (nicht im Bild).
Ina Krasnikow-Radloff (r.) und ihr Mann Norbert (l.) aus Dünsen haben selbst geflüchtete Freunde aus der Ukraine aufgenommen: Olga Evsikowa (2.v.r.) mit ihrer Tochter Paulina (2.v.l.) und Sohn Michael (nicht im Bild). © Bohlken

Harpstedt – Immer erbarmungsloser führt der russische Präsident Wladimir Putin seinen Angriffskrieg in der Ukraine. Seine Truppen nehmen Wohnblocks, Einkaufszentren und sogar Kliniken unter Beschuss, kesseln Städte ein, schließen Fluchtkorridore. Diesen Wahnsinn auch in Harpstedt – bei aller Ohnmacht – entschieden anzuprangern und Anteilnahme mit den Opfern zu zeigen, war überfällig.

Gestern Abend setzten die Samtgemeinde und die Kirche ein klares Zeichen auf dem Marktplatz. Und mit ihnen gut 100 Kundgebungsteilnehmer.

Die Mischung aus Traurigkeit, Wut, Fassungslosigkeit und Abscheu, die Menschen hierzulande in Anbetracht des „verbrecherischen Angriffskrieges“ überfällt, brachte Samtgemeindebürgermeister Yves Nagel auf den Punkt. „Mit Entschlossenheit zeigen wir unsere Solidarität mit dem ukrainischen Volk und verurteilen das Vorgehen des Machthabers in Russland. Mit offenen Herzen werden wir Menschen aufnehmen, die vor dem Krieg fliehen müssen und zu uns kommen. Mit Stolz blicken wir auf die spontan aus der Mitte der Bevölkerung organisierten Transporte voller Hilfsgüter zur Linderung des Leids in der Ukraine und auf die Bereitschaft vor Ort, Flüchtlinge mitzunehmen, um sie bei sich zu Hause aufzunehmen“, sagte Nagel. Viele stellten Wohnraum zur Verfügung und spendeten großzügig. Leider sei zu befürchten, „dass die bisherige Hilfe nicht ausreichen wird“.

Hässlicher Zwischenfall

Als der Bürgermeister darum bat, Angebote für Wohnraum mitzuteilen, kam es zu einem hässlichen Zwischenfall. Ein aufgebrachter Zeitgenosse packte Nagel am Kragen und skandierte: „Ich habe Wohnraum für dich: Der Koems-Saal wird hergerichtet. Und wenn du das nicht machst, ist morgen die Bildzeitung hier.“ Nagel reagierte mit den Worten: „Bitte verlassen Sie diese Veranstaltung!“ Die Situation eskalierte zum Glück nicht weiter. Der Störer wurde beherzt vom Marktplatz „geleitet“.

Yves Nagel weiter: „Es ist die Aufgabe aller, die Errungenschaften von Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit zu bewahren und für diese Werte Flagge zu zeigen. Es ist die Zeit einer klaren Positionierung. Diese möchte der Samtgemeinderat hier und heute mit allen Fraktionen deutlich von sich geben. Wir verurteilen diesen barbarischen Angriffskrieg, die sinnlose Vernichtung von Menschenleben und die verbrecherische Verletzung des Völkerrechts.“ Die Solidarität mit den Vertriebenen und die Bereitschaft, Geflüchtete aufzunehmen, zeigten „sehr deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Samtgemeinde in schwierigen Zeiten zusammenstehen“. Das sei für Rat und Verwaltung Ansporn genug, „alles zu geben, um diese Krise zu überwinden“.

Verurteilte den „verbrecherischen Angriffskrieg“: Yves Nagel.
Verurteilte den „verbrecherischen Angriffskrieg“: Yves Nagel. © -

„Von vielen höre ich, dass da ein Gefühl von Sprach- und Hilflosigkeit ist, das sich teilweise sogar körperlich auswirkt, etwa in Form von Müdigkeit, Kopfschmerzen oder hohem Blutdruck. Die täglichen Bilder und Berichte aus dem Kriegsgebiet wirken in uns nach“, leitete Pastor Gunnar Bösemann seine Ansprache ein. Die aktuelle Krise sei nicht die einzige. Da sei auch „die Realität von Corona und einer dramatischen Klimakrise“. Es sei nicht nur eine Ahnung, dass sich das Leben in der Welt verändere. „Es ist etwas Reales“, so Bösemann. „Mit Blick auf die Ukraine dämmert uns, dass Frieden nichts Selbstverständliches und dass die Welt in ihrem Kern verwundbar ist. Vielleicht hatten wir das verdrängt“, sagte der Pastor. „Die Realität eines Angriffskrieges in Europa verrückt vieles, was für uns gesetzt war.“ Bösemann sprach von einem Erwachen und einem Realitätsschock. „Man stelle sich vor, wie es den Menschen geht, die damit direkt konfrontiert sind. Totalitäre Systeme arbeiten mit Angst und verwandeln sie in Gewalt und Aggressionsbereitschaft, indem sie vereinfachen, spalten, Feindbilder konstruieren und Dinge tun, die im Rahmen vereinbarter Regeln unvorstellbar sind“, betonte Bösemann.

Ina Krasnikow-Radloff, die ab ihrem siebten Lebensjahr in Kiew beheimatet war und mit 25 nach Dünsen kam, ist ganz persönlich tangiert. „Ich habe das ukrainische Volk kennengelernt. Es ist ein wunderbares Volk“, sagte die Dünsenerin auf der Kundgebung. Ihre Familie könne nicht ausreisen, weil sie okkupiert sei.

„Vielen lieben Dank, liebes deutsches Volk!“, fuhr Krasnikow-Radloff fort, den Tränen nahe. Die vielen Solidaritätsbekundungen stärkten den Geist und die Seele der Ukrainer. Und was an Hilfsgütern gesammelt werde, komme auch an. Die Menschen, für die sie bestimmt sind, seien sehr dankbar dafür. Die Dünsenerin erzählte, ihr Wecker erinnere sie täglich um 16 Uhr daran, eine Minute lang zu beten. „Das ist es, was ich eigentlich sagen wollte: Bitte betet für die Ukraine!“

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