Kaum politisches Echo auf Künstlerkritik

Czieslik beklagt Kulturzerstörung „ohne Abwrackprämie“

Sieht die Kulturlandschaft akut bedroht: Franz Robert Czieslik.
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Sieht die Kulturlandschaft akut bedroht: Franz Robert Czieslik.

Groß Ippener – Bildhauer und Autor Franz Robert Czieslik aus Groß Ippener sieht die gesamte Kulturlandschaft gefährdet. Das politische Echo auf die von ihm zu Papier gebrachten Mahnungen bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Als Brandrede will der Künstler seinen Text nicht verstanden wissen. Seine fast drei Seiten lange „analytische Betrachtung zum Weltgeschehen“ ist mit einem Vers aus Herbert Grönemeyers Song „Chaos“ überschrieben: „Wir schlagen wie wild mit den Flügeln“. „Dass der Absturz uns verschont…“ heißt es weiter im Liedtext. Mit persönlichen Anschreiben versehen, hatte der Bildhauer, Autor und freie Künstler seine Betrachtung Anfang des Jahres an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kulturstaatsministerin Monika Grütters sowie den Landtagsabgeordneten Axel Brammer geschickt. Nur das Bundespräsidialamt hat bisher geantwortet. „Aber mehr als warme Worte sind es nicht. Ein Roman Herzog hätte die Nothilfepakete so nicht gegengezeichnet“, vermutet Czieslik stark.

Dasein wird zum Überlebenskampf

Wenn man im Wohnzimmer des in Groß Ippener lebenden Künstlers sitzt, spürt man, was ihn antreibt. Auf knapp zehn Quadratmetern inklusive einer Kochnische improvisiert er tagtäglich, um einigermaßen zurechtzukommen. Einen Bügeltisch hat er mit einer Arbeitsplatte versehen und zum Skizzentisch umfunktioniert, den er nach Gebrauch zusammenklappen und in die Ecke stellen kann. Eine Leine durchspannt den Raum. Mal dient sie als Wäscheleine („draußen trocknet momentan gar nichts“), mal zum Aufhängen von Skizzen und Entwürfen. Ein Sofa sucht man vergeblich. Dafür gibt es eine dick gepolsterte Fensterbank, auf der es sich die Katze bequem gemacht hat. Ein Holzofen wärmt den Raum. Reichtum war hier auch vor der Pandemie nicht „ausgebrochen“.

Nach unserer verfassungsmäßigen Ordnung ist es zwar die Aufgabe des Bundespräsidenten, die (...) beschlossenen Nothilfepakete gegenzuzeichnen, eine Einflussnahme auf die konkrete Ausgestaltung der Unterstützungsmaßnahmen ist ihm aber (...) ebenso wenig möglich wie die Änderung bestehender gesetzlicher (...) Regelungen.

Aus dem Antwortbrief des Bundespräsidialamtes

Franz Robert Czieslik lebt für die Kunst. In Coronazeiten wird das Dasein für ihn allerdings mehr denn je zum Überlebenskampf. „Momentan lebe ich von einem Job als Geringverdiener und von einem Verkauf, den ich im Sommer auf einer Ausstellung in Mecklenburg-Vorpommern tätigen konnte“, berichtet der 55-Jährige. „Mein Steuerberater hat mich davor gewarnt, die ohnehin sehr dürftigen Coronahilfen in Anspruch zu nehmen. Eine versehentlich falsche Angabe – und der Vorwurf des Subventionsbetruges stünde im Raum. Hartz 4 zu beantragen, wäre zu demütigend“, sagt der Künstler.

Ernüchterndes Fazit

Außerdem gelte es aufzupassen, dass man nicht aus der Künstlersozialkasse fliege; denn es wäre unheimlich schwierig, hinterher wieder aufgenommen zu werden. Bei allen persönlichen Problemen sieht Czieslik seine Situation als exemplarisch für ungezählte Kollegen in Deutschland.

„Es sind die, die keine Milliardengewinne erzielen, privates ständig zurückstecken, um Großartiges zu leisten. Es sind die, die sich über den leisen Applaus freuen – und das eine oder andere positive Wort“, heißt es in seiner Schrift. Auf der Grundlage der aktuellen Umstände wagt Czieslik eine düstere Prognose: „Viele der in unserem Land lebenden und arbeitenden Künstler und Künstlerinnen werden in der Zukunft ihrer Berufung nicht mehr folgen können. Und das, was sie für die Gesellschaft geleistet haben, nicht mehr leisten können, weil ihnen die Kraft dazu fehlen wird.“

Der Ippeneraner betont, er sei kein Coronaleugner. „Ich lasse mich sofort impfen, wenn ich dran bin“, versichert er, kritisiert aber, dass die pandemiebedingten Maßnahmen ungerechtfertigt ganze Bereiche der Gesellschaft träfen – ohne Nachweis darüber, ob hier die Infektionstreiber zu finden seien. „Um pauschal die Kontakte zu reduzieren, werden Kunst, Kultur sowie die Gastronomie einfach abgeschaltet“, ärgert sich Czieslik.

Dazu passt nachfolgendes Zitat aus seiner Analyse: „Das einstige Land der Dichter und Denker wird kulturell abgewrackt, ohne dass man den 1,5 Millionen Kultur- und Kunstschaffenden wenigstens eine ordentliche Abwrackprämie anbietet, mit der sie diesem Land den Rücken kehren können.“

„Man hätte die Zeit dafür nutzen können, um für alle Künstler und Soloselbstständigen das bedingungslose Grundeinkommen während des Lockdowns zu testen. Ohne großen Verwaltungsaufwand und ohne Wartezeit“, gibt der gebürtige Leipziger zu bedenken. Ein weiterer Vorschlag zielt auf die Vergabe von Projektarbeiten für Künstler. Das sei in Bremen mit dem Künstlerverband BBK vereinbart worden.

„Weder die Kulturstaatsministerin noch der Landtagsabgeordnete haben auf mein Schreiben reagiert. Man hätte darüber mal vernünftig reden können“, grollt Czieslik.

„Die kulturelle Vielfalt scheint zur Abwicklung freigegeben. (…) Radikale Kräfte gewinnen immer mehr an Einfluss, das macht auch mir Angst“, warnt er und schließt mit einem erschreckend pessimistischen Fazit: „Erst sterben die Kunst und die Kultur, ohne diese dann unsere pluralistische Gesellschaft und mit ihr die Demokratie.“

Czieslik-Text in Gänze:

www.skulpturen-holz.de

Von Holger Rinne

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