Marcel Martens will Nachkommen des Landwirts besuchen, bei dem sein Vater im Krieg arbeitete

Kriegsgefangenensohn auf Spurensuche

Als belgischer Soldat kam Adrianus Martens 1940 in Kriegsgefangenschaft. Er lebt inzwischen nicht mehr.
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Als belgischer Soldat kam Adrianus Martens 1940 in Kriegsgefangenschaft. Er lebt inzwischen nicht mehr.

Harpstedt/Nienburg – Ein Teil der Kriegsgefangenen ist während des Zweiten Weltkriegs durchaus anständig von den Deutschen behandelt worden, für die sie arbeiten mussten. Hans-Jürgen Sonnenberg aus Nienburg weiß von einem Belgier, der es 1940/41 bei einem Landwirt in Harpstedt den Umständen entsprechend gut getroffen haben soll. Für gewöhnlich wurde er Jozef genannt.

Mit vollem Namen hieß er Adrianus Martens. „Jozef“ lebt heute, 80 Jahre später, nicht mehr.

Sein Sohn Marcel Martens, mittlerweile in Luxemburg beheimatet, möchte sich indes beizeiten noch einmal mit den Nachkommen jenes Harpstedter Landwirts treffen, bei dem sein Vater in Gefangenschaft arbeitete. Das Problem: Er konnte sich nicht mehr an den Familiennamen erinnern und verfügte über keinerlei Kontaktdaten. Zwar soll es gegenseitige Besuche gegeben haben, aber die datieren von Mitte der 1960er-Jahre, liegen also sehr lange zurück.

In der Absicht, Marcel Martens zu helfen, wandte sich wiederum Hans-Jürgen Sonnenberg aus Nienburg an unsere Zeitung. Dem Ruheständler aus Nienburg, der seit über 20 Jahren die Geschichte der beiden Kriegsgefangenenlager seiner Heimat erhellt, lagen nur wenige Anhaltspunkte für die beabsichtigte Kontaktanbahnung vor. Er hatte gesagt bekommen, die Tochter des gesuchten früheren Harpstedter Landwirts  heiße Helga und müsse 1965 sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Außerdem gebe es einen Sohn. Zusätzlich zur Landwirtschaft habe die Familie lange einen Tante-Emma-Laden in Harpstedt betrieben.

Von diesem einstigen Geschäft mailte Sonnenberg unserer Zeitung ein altes Bild. Aufgenommen worden war es womöglich zu Pfingsten. Im Vordergrund ist Marcel Martens als Kind mit einem blumengeschmückten Holzgewehr zu sehen – ein typisches Bürgerschützenfestmotiv. Der recht unscharfe Hintergrund, das Geschäft mit seiner charakteristischen Sprossenfensterfront, schien der Schlüssel zur Lösung des „Kontaktherstellungsproblems“ zu sein. Sonnenberg schlug unserer Zeitung vor, das Foto abzudrucken – und auf Leserreaktionen zu warten. Das hat sich inzwischen erübrigt. Die Lokalredaktion Harpstedt konnte das Rätsel selbst lösen – mit entscheidender Hilfe eines Tippgebers: Friedel Horstmann, ein alteingesessener Harpstedter, schaute sich die Aufnahme an und kam nach einigem Überlegen zu der Überzeugung, dass der Tante-Emma-Laden dem inzwischen verstorbenen Hermann Plump gehört haben muss, der auch Landwirtschaft betrieben habe. Dieter Plump-Brüssow, der Sohn, bestätigte das auf Nachfrage. Auch konnte er sich ganz blass an die vor Jahrzehnten nach Belgien geknüpften Kontakte entsinnen. Eine Schwester namens Helga habe er zwar nicht, aber: „Die Tochter meiner Cousine heißt so.“ Der Tante-Emma-Laden habe bis in die 1980er-Jahre hinein bestanden.

Wenn sich die Pandemielage entspannt hat, will sich Marcel Martens bei Dieter Plump-Brüssow melden – in der Absicht, einen Besuchstermin zu vereinbaren.

Einiges zur Gefangenschaft seines Vaters in Erfahrung gebracht hat derweil Hans-Jürgen Sonnenberg. Der Nienburger weiß von zwei Harpstedter Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos – „eins mit sowjetischen Gefangenen, die für die Firma Wessels arbeiten mussten, und eins mit belgischen und französischen, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren“. Die Belgier und Franzosen, fast 60 Gefangene, hätten die Nächte in einer eigentlich zu kleinen Unterkunft verbracht. „Die Ausstattung war karg: dreistöckige Betten, Tisch und Hocker, an den Wänden Bretter für ihre Habseligkeiten und Innentoiletten. So steht’s im Besuchsbericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz vom 7. Februar 1942. Nachts wurde das Gebäude abgeschlossen“, berichtet Sonnenberg.

Die Gefangenen hätten weiterhin Uniformen getragen; die aber seien zerschlissen und in einem schlechten Zustand gewesen. Geweckt worden seien die Kriegsgefangenen morgens um 6 Uhr. Am späten Nachmittag, um 17 Uhr, hätten die Wachposten in der Unterkunft „durch Zählappell die Vollständigkeit überprüft“. Anfangs seien die Gefangenen zu ihren Arbeitsstätten gebracht und später dann vielfach einfach „losgeschickt“ worden.

Adrianus Martens war nach Sonnenbergs Kenntnis zuerst aus einem Durchgangslager in ein Arbeitskommando nach Groß Köhren gekommen – und von dort am 13. September 1940 in das Arbeitskommando Harpstedt. Er sei einem Bauernhof als Arbeitskraft zugeteilt worden (dem Betrieb Plump). Er habe Glück gehabt. Sonnenberg: „Er hatte einen guten Arbeitgeber bekommen und fühlte sich dort sehr wohl.“ Aus gesundheitlichen Gründen sei „Jozef“ bereits im Januar 1941 aus der deutschen Gefangenschaft nach Belgien entlassen worden.

„Kriegsgefangene im Kreis Nienburg (1939 – 1945)“ und „Gefangen hinter Stacheldraht“ heißen zwei Bücher, die Hans-Jürgen Sonnenberg veröffentlicht hat. Der Inhalt dreht sich um die beiden ehemaligen Lager in seiner Nienburger Heimat. „In einem waren etwa 2 500 französische Offiziere eingesperrt. In dem anderen, dem Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager, kurz Stalag, wurden hingegen papiermäßig bis zu 35 000 Kriegsgefangene verwaltet, die von Nienburg aus zwischen Emsland und Weser bis auf die ostfriesischen Inseln in Arbeitskommandos verteilt waren. In dem Stalag selbst befanden sich vielleicht 500 oder 600 – mehr nicht. Die Offiziere mussten nicht arbeiten. Die Mannschaften hingegen schon. Sie wurden über Land in die einzelnen Arbeitskommandos geschickt“, erzählt der Ruheständler. Bei Anfragen rund um das Thema Kriegsgefangenschaft, die an das Nienburger Museum oder das Stadtarchiv gehen, wird Sonnenberg häufig wegen seiner Sachkenntnis um Mithilfe gebeten. Aus diesem Grund landete auch das Anliegen von Marcel Martens aus Luxemburg auf seinem Tisch.

Von Jürgen Bohlken

Am 12. Januar 1941 ausgestellt: der Entlassungsschein, der die Kriegsgefangenschaft aufhob.
Dieser ehemalige Tante-Emma-Laden in Harpstedt, vor dem Marcel Martens in jungen Jahren mit blumengeschmücktem Holzgewehr steht, erwies sich als der Schlüssel zur Lösung des „Kontaktherstellungsproblems“.

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