Karl Neukauf in Bestform

Kontrastreich: Kalauer und Kleinkunst konzertant kredenzt

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Sie harmonieren live genauso prächtig wie im Studio: Karl Neukauf (r.) und Ingo Kurkowski.

Harpstedt - „Hinter Geranien und Gardinen“ heißt sein demnächst erscheinendes neues Album. „Sie können es hier heute schon kaufen und dann für Unsummen bei Ebay wieder verticken“, scherzte der bestens aufgelegte Chansonnier Karl Neukauf am Donnerstagabend im „Liberty’s“ in Harpstedt. In dem bis zum Anschlag gefüllten Lokal pendelte er leichtfüßig zwischen Kleinkunst und Kalauer hin und her.

Nach der ersten Konzerthälfte meldete er sich mit extrem kurzen Songs von, so wörtlich, „maximal 43,2 Sekunden“ Dauer aus der Pause zurück. Man möge sich bitte einen schicken Tourbus vorstellen, der die Autobahn im Bereich Heidenau/Freital in Sachsen verlassen wolle, bat er das Publikum. Was in einem solchen Moment wohl im Autoradio liefe? Neukauf gab die Antwort mit einer marschähnlichen Melodie auf dem E-Piano und einer einzigen Textzeile: „Ich wollt’ mal eben nach den Rechten seh’n.“ 

Mit großer Ernsthaftigkeit hatte er sich indes im ersten Konzertteil dem Thema Gesinnung genähert. Seine neue Single „Der falsche Feind“ entlarvt die bedenklich zunehmende Tendenz, Migranten zum Sündenbock für alle sozialen Missstände zu machen. 

„Der Feind sitzt woanders und ist auch nicht so klar zu definier’n, aber schon gar nicht als schlichte Parole an ‘ne Häuserwand zu schmier’n. Ich frage mich jetzt gerade: Bist du ein richtiger Feind? Oder bleibst du mein hoffentlich nicht falscher Freund?“, sang Neukauf. An der Gitarre verhalf er dem Stück zusammen mit Schlagwerker Ingo Kurkowski zu noch mehr Drive als in der Studiofassung. Ähnlich groovy: „Stille der Nacht“, ebenfalls von der neuen Platte.

Andere Titel, etwa das melancholische „Milder Mittwochmorgen“, unterstrich Kurkowski mit sanften Lap-Steel-Guitar-Klängen. Den Übergang vom gefühlt überlangen Berliner Winter zum Frühling thematisiert „Blicke vom Balkon“, ein echter Neukauf-„Evergreen“. „Falls jemand die darin beschriebene Straße in Kreuzberg erkennen sollte, würde ich dem Betreffenden eine Tasse Kaffee ausgeben“, kündigte der Liedermacher an.

Ein zweites Ratespiel, das den bekennenden Rolling-Stones-Fan in Neukauf durchblitzen ließ, erwies sich mit Googles Hilfe als (besser) lösbare Aufgabe. Der Berliner spielte „Factory Girl“ und verriet, die dazugehörige LP sei vor 50 Jahren erschienen. Auf die richtige Antwort „Beggars Banquet“ zu kommen, wäre sicher leichter gefallen, wenn „ich das hier gespielt hätte“, gestand er – zu „Sympathy for the Devil“ überleitend.

Ilka Posin als Überraschungsgast

Der Exkurs ließ das eigene Repertoire nur kurzzeitig in den Hintergrund rücken. Skurriles und Nachdenkliches aus dem Schaffen des Rockpoeten wechselten sich ab. Dabei zeigte sich: Es gibt einfach kein Thema, das Karl Neukauf nicht in ein Lied oder einen Chanson packen könnte, und wohl – mit Ausnahme von Heinz-Rudolf Kunze – kaum jemanden, dem Wortschöpfungen wie „Gnadenschussoption“ einfielen.

Zum „Schneckentanz“ mit musikalisch überraschenden Tempi- und Stimmungswechseln sowie einer Boogie-Woogie-Piano-Einlage hatte den Chansonnier eine schräge Begegnung mit einem „Schneckenschützen“ animiert – einem Zeitgenossen, der auf einen der schleimigen Salatvertilger ballerte. Was ein „Requiem auf eine Nacktschnecke“ hätte werden sollen, bekam dann doch eine fröhliche Note verpasst.

„Bevor die letzten Züge gehen“ vom Album „Papperlapapp“, ein in Erinnerungen schwelgendes Sehnsuchtslied, kann mitnichten als „Soundtrack“ zu einem „Streik der GdL“ herhalten, wie ein Feuilletonist einst „ins Blaue“ konstatierte. „Damals auf dem Rübenacker“ hinterfragt ironisch das oft romantisch verklärte Bild vom Landleben längst vergangener Tage. In „Sarg niemals nie“, einem Track von „Hinter Geranien und Gardinen“, rät der Songschreiber mit morbidem Sar(g)kasmus dazu, für den Fall des eigenen Ablebens vorzusorgen und sich das letzte Ruhebett selbst zu zimmern: „Mach’s dir schon mal bequem, leg dich schon mal rein! Denn sicher irgendwann wird es für länger sein.“

Als Überraschungsgast sang Ilka Posin vor der Pause zusammen mit Neukauf „Draußen nur Kännchen“ vom neuen Album. Eine in ein Lied verpackte Frage gab am Ende des von vorn bis hinten höchst unterhaltsamen Konzerts Anlass, auf dem Nachhauseweg darüber nachzudenken: „Wer fegt den Staub aus dieser Welt?

boh

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