INTERVIEW Wie geht es weiter mit dem „freiraum“ nach Ablauf der Förderperiode?

„Kontinuität erfordert 450-Euro-Stelle“

Mit einer Spendenkuh aus Porzellan deutet Sabina Dalg-Vinken hier in der „Paletten-Lounge“ vor dem „freiraum“ an, dass der Verein für ganzheitliches Lernen Spenden zur Finanzierung einer 450-Euro-Stelle sammelt. Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Der zweijährige Förderzeitraum für den „freiraum“ läuft Ende August aus. Zeit, den Blick nach vorn zu richten. Sabina Dalg-Vinken (58) aus dem Projektteam hat das im Gespräch mit unserer Zeitung getan.

Hat sich das Engagement gelohnt?

Auf jeden Fall. An rund 150 Veranstaltungen des „freiraums“ haben mehr als 1000 Menschen mitgewirkt.

Welches Projekt erzielt die größte Breitenwirkung?

Die Klima-AG. Damit ist das Engagement für den Klimaschutz in der Gemeinde angekommen – und das Verständnis ist eben nicht: „Da sitzen vier Frauen, die etwas anbieten; wir kommen hin, gucken und konsumieren.“ Die 20 bis 25 Leute, die den fünf Arbeitsgruppen der Klima-AG angegliedert sind, wollen selbst etwas bewegen.

Was?

Die Gruppe „Landnutzung“ will eine „Solidarische Landwirtschaft“ gründen. Die AG „Bauen und Infrastruktur“ denkt über energetische Sanierung und Modelle klimafreundlicher Gebäudenutzung nach. Die Gruppe „Ökonomie“ plant eine Veranstaltung zu der Frage, wie sich das Geld aufs Klima auswirkt. Sie hinterfragt auch, welche Unternehmen Unterstützung verdienen: In Wildeshausen zahlt eine Firma Mitarbeitern einen Bonus, die mit dem Rad zur Arbeit kommen. So etwas wollen wir für Harpstedt als positives Beispiel anregen. Eine weitere Gruppe befasst sich mit „Mobilität“. Die AG „Kreatives Aufrütteln“ tritt an Harpstedts Supermärkte heran mit dem Wunsch, dass sie regionaler und klimafreundlicher werden. Keine Plastiktüten in der Gemüseabteilung oder eine besonders gute Positionierung regionaler Produkte wären gute Beiträge. Ebenso – auch vor dem Hintergrund der Neubauvorhaben der Märkte – essbare Gehölze rund um die Parkplätze.

Der Verein für ganzheitliches Lernen hat für den zweijährigen „freiraum“-Förderzeitraum vom Bundesumweltministerium fast 200 000 Euro aus dem Topf „Kurze Wege für den Klimaschutz“ bewilligt bekommen – Mittel aus dem Emissionshandel. Wäre dieses Geld optional in die Altbausanierung geflossen, hätte sich die erzielte CO2-Ersparnis genau ausrechnen lassen. Dem „freiraum“ fällt es vermutlich schwerer, den Erfolg in Zahlen zu fassen.

Wir müssen versuchen, uns in unserem Schlussbericht der tatsächlichen CO2-Ersparnis rechnerisch anzunähern. Beim Fördervolumen sind wir nahe dran an dem, was wir geplant hatten. Die Endabrechnung steht erst nach dem 31. August an. Wir haben das Geld aber nicht einfach so bekommen, sondern mussten für alles Nachweise erbringen. Das war viel Arbeit. Anderthalb Jahre haben wir allein an dem Konzept gestrickt. Manche Projekte wie Klima-AGs und „Blütenmehr“ für mehr Blühflächen waren gar nicht beantragt gewesen. Wir haben sie zusätzlich mit Leuten entwickelt, die sie gut und wichtig fanden.

Was ist das oberste Ziel?

Das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen. Wir sind total froh, es in die Verstetigung geschafft zu haben, weil die Samtgemeinde für ein Jahr Warmmiete, Telefon- und Internetkosten trägt. Ohne dieses Geld hätten wir den „freiraum“-Laden nicht halten können. Schön, dass es für ein Jahr weitergeht. Dafür müssen allerdings Ehrenamtliche, die bisher dann und wann eingesprungen sind, feste Ladenzeiten übernehmen. Auch wir, die bislang bezahlte Stellen hatten, gehen ins Ehrenamt. Allerdings wollen wir, um die für den Klimaprozess nötige Kontinuität zu sichern, eine 450-Euro-Stelle einrichten – und mit Ulrike Oemisch besetzen. Der Verein für ganzheitliches Lernen bleibt Projektträger; er startet einen Spendenaufruf, damit die Kosten für ein Jahr, 6 600 Euro inklusive Steuern, gedeckt sind. Für die ersten zwei Monate geht der Verein in Vorleistung. Mehr kann er einfach nicht leisten.

Der „freiraum“ versteht sich als Bürgerladen?

Ja, wir bieten ihn auch als Raum für Gruppen an, die sich hier treffen wollen. Es könnten mehr sein – gern mit eigenen Angeboten, etwa einem Nähkurs.

Was ist an Gruppen und Angeboten geblieben?

Die Klima-AG-Arbeitsgruppen, die Blühflächen-Gruppe, Repair-Café und Verschenkemärkte. Dass wir ein Stück weit eine Verschenkekultur etabliert haben, ist ein richtig schöner Erfolg, finde ich. Die „Regio-Küche“, die sich zum Verarbeiten von geerntetem Obst oder – im Winter – zum Herstellen von Sauerkraut trifft, bindet Menschen, die wir mit anderen Angeboten so nicht erreichen. Klima-AG, Glücksgarten-Gruppe und Ferien-Klima-Camp laufen auf jeden Fall weiter. Für diese Formate haben wir gute Chancen auf eine Förderung über die Bingo-Umweltstiftung. Das ist gerade in der Beantragung.

Gab es auch enttäuschte Erwartungen?

Ja. Einige Klima-Kino-Abende und Seminare sind nicht so gut nachgefragt worden wie gewünscht.

Reicht eine Klimaschutzmanagerin auf Landkreisebene aus?

Es wäre schon super, wenn sich auch die Samtgemeinde Harpstedt eine Kraft wie Lars Gremlowski für Ganderkesee leisten könnte. Wir sind auf der Suche nach etwaigen – dafür infrage kommenden – Förderprogrammen.

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