Klimapilger ernten auf ihrem Weg nach Wildeshausen neugierige Blicke und lösen auch Verwunderung aus

„Mit dem Labern muss Schluss sein“

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Bei der Christuskirche startete die Klimapilger-Etappe Harpstedt–Wildeshausen. Einen ersten kurzen Halt legte die Gruppe nahe der Windmühle ein.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Was ist das denn für ein Club?“, wunderten sich Harpstedter über eine ihren Weg kreuzende 50-köpfige Gruppe. Die vermeintlichen Spaziergänger entpuppten sich als Pilger. Sie führten Transparente mit sich, was auf eine Demo schließen ließ. Tatsächlich ging es ihnen um ein politisches Anliegen – „mehr Klimagerechtigkeit“. In dasbesondere Pilgern reihten sich heute, Montag, auch Mitbürger aus dem Kreis Oldenburg auf dem Abschnitt von Harpstedt nach Wildeshausen ein.

„Wir bitten die Politiker dringend, auf der Ende November in Paris beginnenden Weltklimakonferenz verbindliche Klimaziele festzulegen. Mit dem Labern muss Schluss sein“, brachte Heinz-Otto Babilon die Hauptforderung der Aktivisten auf den Punkt. Der 66-Jährige aus Bad Laer läuft seit dem 25. September auf dem ökumenischen Pilgerweg „für Klimagerechtigkeit“ mit. Bis Münster will er zur Stange halten und dem Motto „Geht doch!“ folgen. Vier Männer und eine Frau absolvieren hingegen die Pilgertour auf deutschem Boden schon seit deren Start in Flensburg. Sie wollen ebenso wie vier weitere Mitstreiter, die zwischenzeitlich hinzugekommen sind, bis zur Ankunft am Ziel in Paris durchhalten. Seinen Anfang hatte das Klimapilgern schon im Juni am Nordkap genommen. Mit Eva Katarina Agestam mischt auch jetzt noch eine Skandinavierin mit. Sie schloss sich den Dauerpilgern in der südschwedischen Stadt Lund an. „Dänemark habe ich aber mit dem Zug durchquert. Dort gab‘s keine durchgängige Pilgerwanderung“, verriet sie. In Flensburg stieß die Schwedin wieder zu den Aktivisten.

Die Gruppe, die am Sonntagabend – aus Barrien kommend – Harpstedt erreichte und teils im Pfarrhaus nächtigte, begann die neue Woche tags darauf mit einer morgendlichen Andacht in der Christuskirche. „Für mich ist das Zeichen, das Sie setzen, ein Zeichen der Hoffnung – und einer der ganz wichtigen kleinen Schritte, die hoffentlich dazu führen, dass an den Stellen, wo die Hebel umgelegt werden müssen, wirklich etwas passiert“, unterstrich Pastor Gunnar Bösemann und fügte hinzu: „Sie handeln im Sinne der Verheißung Gottes. Denn der erste Schritt für die gute Ernte ist die Aussaat. Geben Sie nicht auf, die Saat auszustreuen! Die Ernte wird kommen.“

Die sich anschließende Pilgeretappe bis Wildeshausen hatte – neben der Kirche – die „regioVHS“ beworben; über sie liefen auch die Anmeldungen. „Wir sind ja schon lange mit der Initiative ,Prima Klima‘ in Ganderkesee verbandelt. Von daher war es für uns total naheliegend, uns einzuklinken, als wir von dieser Tour erfahren haben“, erläuterte Volkshochschuldirektor Rolf Schütze, der ebenso zu den Tagespilgern zählte wie Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse. Für den unter Terminstress stehenden Landrat Carsten Harings endete die Tour noch auf Harpstedter Boden.

Einen ersten Halt legte die Gruppe nahe der Windmühle von Helmut Nienaber ein. „Erbaut worden war dieses Wahrzeichen 1870/71 als Galerie-Holländer. Zunächst mit leinenbespannten Segelflügeln ausgestattet, wurden 1928 Jalousieflügel angebracht. Lange konnte man von der Galerie aus über ein Dutzend anderer Mühlen sehen. Diese hier ist als einzige übrig geblieben – und uns lieb und teuer“, sagte Fleckenbürgermeister Werner Richter, zugleich Mühlenvereinsvorsitzender, in seiner Ansprache. Die Gemeinde sei sehr froh darüber, dass „hier weder ein Café noch eine Dependance des Standesamtes oder sonst etwas eingezogen ist“. Die Mühle sei immer noch in Betrieb, bekräftigte Richter. „Da wird gearbeitet. Und so wie in alten Zeiten dient die Energie des Windes noch heute zum Mahlen. Der Mensch richtet sich nach der Natur – und nicht umgekehrt.“ Bei Frieder Eiskamps Biogasanlage erläuterte Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse die bisherigen kommunalen Anstrengungen im Interesse des Klimaschutzes. Die Samtgemeinde erfasse seit 14 Jahren die Strom- und Gasverbräuche aller öffentlichen Gebäude. Zwischenzeitlich seien Wärmeinseln in einem Konzept zusammengefasst worden. Der Wärmebedarf der beiden Harpstedter Schulen mitsamt Turnhallen und Delmeschulschwimmbad betrage allein etwa 1,2 Millionen Kilowattstunden (kWh). Das Freibad schlage mit rund einer Million kWh zu Buche.

Die für diese Liegenschaften benötigte Wärme deckt nun seit einigen Jahren die 2012 um ein zusätzliches Blockheizkraftwerk erweiterte Biogasanlage Eiskamps. Diese Energie fällt als Abwärme bei der Gas-Verstromung an. Herwig Wöbse sprach von einem „Vorzeigeprojekt“, das aber, wie er nicht verschwieg, politisch umstritten gewesen sei. „Die bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv. Wir haben etwas fürs Klima getan, und die Samtgemeinde spart sogar noch Geld“, resümierte der Bürgermeister, ehe Frieder Eiskamp die Technik erläuterte.

Sodann marschierte die Gruppe in Richtung Wunderburg. Nach einem Aufenthalt auf dem Hof Brinkmann und einem Vortrag von Klaus Handke über den Einfluss des Klimawandels auf Flora und Fauna ging‘s weiter nach Wildeshausen – zunächst zum Kreishaus.

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