Keine Stolpersteine für Harpstedt

Vorerst soll dieser Stein reichen: Auf dem Amtshofgelände erinnert eine Tafel an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Harpstedt. 
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Vorerst soll dieser Stein reichen: Auf dem Amtshofgelände erinnert eine Tafel an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Harpstedt. Foto: Backhaus
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Mit einem Patt endete am Montagabend im Fleckenrat die Debatte zu der Frage, ob in Harpstedt Stolpersteine verlegt werden sollen. In der Konsequenz bedeutet die Stimmengleichheit auf beiden Seiten ein Nein. Die Diskussion machte deutlich, wie wichtig und schwierig zugleich Gedenken ist.

Harpstedt – Gedenken bringt bereits grammatikalisch eine gewisse Schwierigkeit mit sich. Gedenken, als Verb gedacht, muss nämlich mit dem seltensten der vier deutschen Fälle, dem Genitiv, verwendet werden: Wir gedenken eines Toten, nicht einem Toten. Gedenken, als konkrete Aktivität gedacht, bringt ebenfalls Probleme mit sich: Was ist angemessen? Wer entscheidet darüber – und was sind gute Gründe, um eine Form des Gedenkens abzulehnen und eine andere zu akzeptieren?

Der Rat des Fleckens Harpstedt hat sich seit November 2019 mit diesen Fragen beschäftigt. Anlass dafür war der Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, in dem die Delegierten vorschlugen, Stolpersteine im Flecken zu verlegen. Die kleinen bronzefarbenen Gedenktafeln sollen an die Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Bundesweit gibt es inzwischen mehr als 75 000 dieser Mahnmale. In Harpstedt jedoch, das hat der Rat am Montagabend entschieden, soll es keine geben. Sieben Ja- und sieben Nein-Stimmen, eine Enthaltung: Das bedeutet abgelehnt.

„Wir gegen die“ – das ist immer ein Problem

Ihr gehe es vor allem um die Debatte, erläuterte Saskia Kamp (SPD). Diese müsse „kontrovers und sichtbar“ geführt werden. Dabei gehe es nicht um Schuldzuschreibungen, sondern darum, wie leicht das Denken in Kategorien von „Wir gegen die“ rutschen könne. Zudem sei es wichtig, „die eigene Unkenntnis zu sehen“, sagte sie. „Die Generation vor uns hat versucht, das so schnell wie möglich zu vergessen. Und unsere Kinder haben jetzt aufgrund der Corona-Pandemie erstmals gemerkt, dass es Grenzen gibt.“

Dass Kamp im Verlauf des Abends auch über ihre eigene Unkenntnis berichtete und erzählte, sie habe lange nicht gewusst, wo der Judenfriedhof in Harpstedt sei, griff Rolf Ranke (HBL) kritisch auf. Sich mit der Geschichte der jüdischen Menschen in Harpstedt auseinanderzusetzen, sei seiner Ansicht nach wichtiger, als „Alibi-Steine“ zu verlegen. Diese seien zudem eine antiquierte Form des Gedenkens. Ein moderner Ansatz müsse auch über aktuelle Bewegungen wie „Black lives matter“ – Schwarze Leben zählen – nachdenken.

Auch Klaus Budzin gab zu, den Judenfriedhof nicht immer präsent gehabt zu haben. „Ich hab’s vergessen, weil das nie wieder hochkam nach meiner Schulzeit“, sagte er. Dafür schäme er sich. Aus diesem Grund plädierte er für eine alltägliche Form des Gedenkens. „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass wir Stolpersteine verlegen. Aber ich weiß, dass man dann wieder und wieder daran erinnert wird.“

Dass es in Harpstedt keinen Mangel an Gelegenheiten des öffentlichen Gedenkens gibt, betonte hingegen Horst Hackfeld (HBL). „Die Erinnerungskultur ist in den vergangenen 15 Jahren noch viel, viel intensiver geworden“, sagte er mit Blick auf die erste Stolperstein-Debatte im Flecken 2005. Es gebe sowohl am Amtshof als auch auf dem Judenfriedhof Gedenktafeln, die an die Opfer der Nationalsozialisten erinnerten. Er habe den Eindruck, dass das nicht ausreichend beachtet werde. „Müssen wir immer noch ein Tüpfelchen draufsetzen? Ich weiß nicht, wem das gut tun soll.“ Auch Ranke merkte kritisch an, dass aus seiner Sicht bereits die bestehenden Möglichkeiten des Gedenkens nicht voll ausgenutzt würden. Er würde sich bei den Veranstaltungen am Volkstrauertag „die Beteiligung von mehr Ratsherren und -frauen wünschen“. Möglich sei ja auch, einen anderen Tag feierlich zu begehen, etwa den 9. November (Reichspogromnacht 1938) oder den 27. Januar (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945).

Veränderter Antrag führt zu Teilerfolg

Dass die Stolpersteindebatte offensichtlich nicht zu einem positiven Ende führen würde, merkte auch Irene Kolb von den antragstellenden Grünen. Sie hatte zwar zu Beginn der Debatte betont, dass es ihr vor allem darum gehe, das ehemalige jüdische Leben im Flecken sichtbar zu machen und die Erinnerung in den Alltag zu integrieren. Kolb schlug schließlich vor, die Abstimmung zu splitten: Zunächst sollte über die allgemeine Absicht abgestimmt werden, dann über die konkrete Umsetzung in Form der Stolpersteine. Während das Bemühen um mehr Gedenken an Entrechtete, Verfolgte und Ermordete des Nazi-Regimes mit zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen große Zustimmung fand, lehnte der Rat die Stolpersteine ab.

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