Kartoffeln sind kein CO2-Superspeicher

Blickfang: Die Schilder der Kampagne „Natürlich CO2 binden“ sind bundesweit verteilt – auch in der Samtgemeinde gibt es sie. 
Foto: Backhaus
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Blickfang: Die Schilder der Kampagne „Natürlich CO2 binden“ sind bundesweit verteilt – auch in der Samtgemeinde gibt es sie. Foto: Backhaus
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Auf Schildern am Feldrand ist zu lesen, wie viele Tonnen CO2 Kartoffeln speichern und wie viele Tonnen Sauerstoff sie erzeugen. Wer das liest, denkt erst einmal: Tolle Sache. Doch die Tafeln erzählen nur die halbe Wahrheit, sagt ein Geoökologe.

Harpstedt – „Wir lassen Fakten sprechen: Ein Hektar Kartoffeln bindet ca. elf Tonnen CO2 und setzt ca. sieben Tonnen Sauerstoff frei.“ So steht es auf einem Schild am Rande eines Kartoffelackers in der Samtgemeinde Harpstedt. Tolle Sache? Professor Claas Nendel vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg findet das nicht.

Denn die Tafeln erzählten nur die halbe Wahrheit. „In einem haben die Schilder recht: Dass die angegebene Menge Kohlendioxid in den Feldfrüchten gebunden wird, wenn sie wachsen. Aber was sie außer Acht lassen: Wenn wir die Früchte ernten, kehren wir diesen Prozess wieder um.“ Kartoffeln, Weizen und Co. seien also lediglich für eine bestimmte Zeit lang CO2-Speicher – und zwar genau so lange, wie sie wachsen und auf dem Feld stehen. Doch wenn sie geerntet, verarbeitet und schließlich verzehrt werden, werde das Treibhausgas durch diese Prozesse wieder gelöst. „Das ist ein Nullsummenspiel“, sagt Nendel.

Das gibt auch Helmut Lehner, Geschäftsführer des baden-württembergischen Unternehmens Lehner Agrar, zu, der die Idee für die Schilder und die bundesweite Aktion „Natürlich CO2 binden“ hatte. Er habe sich über Kampagnen verschiedener Organisationen geärgert, deren Absicht es sei, „die Landwirtschaft zu zerstören“, erzählt er. Dem habe er eine „reine Positivkampagne“ entgegensetzen wollen. Sie sei zunächst aus dem Gedanken entstanden, dass Feldfrüchte wie andere Pflanzen dazu beitragen, den Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre zu senken. „Da war ich zuerst der irrigen Annahme: Die speichern das“, gibt der 60-Jährige zu, der nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Kleinlandwirt tätig ist.

Die Einsparung dient als Blickfang

Diesen Fehler habe er jedoch schnell erkannt. „Die eigentliche Erkenntnis ist, dass die Pflanzen Sauerstoff freisetzen“, sagt Lehner. „Die Lunge der Welt beginnt vor der Haustür“ – und nicht erst im Regenwald. Dass trotzdem auf den Schildern Kartoffeln und Co. auch als Treibhausgasspeicher erwähnt werden, sei eine strategische Entscheidung gewesen: „Das CO2 haben wir eigentlich nur als Blickfang gewählt“, erklärt er.

Doch dem Geoökologen Nendel zufolge ist auch die zweite Aussage auf den Tafeln, in der behauptet wird, dass ein Hektar Kartoffeln sieben Tonnen Sauerstoff frei setze, problematisch. Sie sei zwar prinzipiell korrekt, doch auch in diesem Fall gehe die Rechnung als Ganzes nicht auf. Denn sowohl zum Abbau von Humus und Ernterückständen als auch zur Verdauung der Nahrung werde Sauerstoff benötigt. Was also bei der Photosynthese auf dem Acker an Sauerstoff entsteht, wird durch die Mikroorganismen im Boden und die Atmung der Menschen, die die Kartoffeln essen, aufgebraucht.

Bindet Humus Kohlendioxid?

Auf einem Infoblatt zur Kampagne verweist Lehner zusätzlich darauf, dass „ein geringer Teil“ des Treibhausgases „bei manchen Kulturen im Humus auch dauerhaft gebunden“ werde. Wie sieht es mit dieser Behauptung aus?

Auch die Kohlendioxidspeicherfähigkeit des Bodens ist Nendel zufolge nicht von Dauer. Humus könne das Treibhausgas zwar binden und eine Erhöhung des Humusanteils fördere diese Eigenschaft. Doch zugleich arbeiten Mikroorganismen in der Erde beständig am Abbau dieses wertvollen Stoffs. Und sie vermehren sich: Je mehr Humus es gebe, desto mehr Mikroorganismen entstünden auch, erklärt der Geoökologe. So stellen sie schon bald ein neues Gleichgewicht im Feldboden her, in dem der Abbau des Humus der Zufuhr an Ernterückständen entspricht. Eine Speicherung von CO2 ins Unendliche gebe es also nicht, sagt Nendel.

Für Unternehmer Lehner ist die Kampagne, die noch mindestens bis zum Ende des Jahres laufen soll, ein Erfolg. Er bekomme „Lob ohne Ende“, berichtet er. Investiert habe er zwischen 30 000 und 40 000 Euro, die Schilder würden zum Selbstkostenpreis von zehn Euro das Stück über den Landhandel vertrieben. Bisher sei eine niedrige fünfstellige Zahl verkauft worden. Ihm gehe es darum ���der Landwirtschaft die Chance zu geben, sich positiv darzustellen“, betont der 60-Jährige. Derzeit denke er über eine Anschlusskampagne nach.

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