Treffen in Harpstedt

Selbsthilfegruppe für Schlaganfallbetroffene: Vom Kampf zurück ins Leben

Auf Initiative von Hannelore Niemann (vorn rechts) ist die Selbsthilfegruppe aus der Taufe gehoben worden. Foto: Bohlken

„Manchmal wünschte ich, der Schlaganfall hätte bei mir ein steifes Bein oder einen steifen Arm bewirkt“, gesteht die Harpstedterin Hannelore Niemann in jener Selbsthilfegruppe, die sie mit Unterstützung der Kreisbehindertenbeauftragten Rita Rockel ins Leben gerufen hat.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Oft sehen die Leute den erlittenen Schlaganfall ihr nicht an. Oft hört sie: „Sei doch froh! Du sitzt schließlich nicht im Rollstuhl.“ Das mache sie regelrecht wütend, denn gut gehe es ihr keineswegs. Aber keiner wolle verstehen, wie sehr ihr die „Defizite im Kopf“ zusetzen

Zum jüngsten – fünften – Treffen der Gruppe kamen 15 Betroffene aus der Samtgemeinde und umliegenden Kommunen in die Harpstedter Begegnungsstätte am Tielingskamp, darunter sechs Angehörige. Darunter übrigens auch Eheleute aus Bassum, die beide mit den Folgen eines Schlaganfalls klarkommen müssen.

Verschiedene Beeinträchtigungen nach Schlaganfall

Einige Erkrankte sind körperlich beeinträchtigt, andere kognitiv. Die Folgen erscheinen oft unerklärlich.„Ich kann zum Beispiel nicht Zug fahren“, erzählt Hannelore Niemann. Überhaupt müsse sie vieles wieder neu lernen. „Aber wie?“, fragt sie sich. Ein ermunterndes „Das schaffst du schon“ nütze da nichts.

Bei Frank Lohmann liegt der Schlaganfall fünf Jahre zurück. Der erlittene Posteriorinfarkt führt noch heute gelegentlich dazu, dass er beim Erzählen den Faden verliert und sich konzentrieren muss, um „Entfallenes“ wieder aus dem Gedächtnis hervorzukramen. Kognitive Beeinträchtigungen, so weiß er, könnten aber auch die Seh-, Hör- oder Sprechfähigkeit betreffen. „Wie andere stottern, muss ich manchmal regelrecht kämpfen, um die richtigen Worte zu finden“, schildert Lohmann.

Harte zweite Führerscheinprüfung

Jürgen Aschemoor aus Stuhr hat sein „Leben nach dem Schlaganfall“ in einem Buch aufgearbeitet, das eben diesen Titel trägt. Der heute 77-Jährige erlangte viele Fähigkeiten zurück. Auch das Autofahren. 

Die Geschichte von seiner zweiten Führerscheinprüfung – auf einem Automatik-Wagen – mutet kurios an: „Der Prüfer hat mich fast zwei Stunden durch die Stadt, etliche Kreisverkehre und auch über die Autobahn gejagt.“ Als Aschemoor alle Herausforderungen des Verkehrs gemeistert hatte, habe es geheißen: „Wir sind noch nicht fertig!“ 

Unverständnis von „Gesunden“ gegenüber Schlaganfallpatienten

Der Prüfer habe mitten im Sommer gesagt: „Jetzt stellen wir uns mal vor, es wäre Winter. Sie wollen losfahren, aber der abgestellte Wagen ist komplett eingeschneit.“ Der Prüfling musste daraufhin beweisen, dass er allein mit seinem gesunden Arm imstande wäre, das Fahrzeug schnee- und eisfrei zu bekommen.

Viele Erlebnisberichte machen in der Selbsthilfegruppe die Runde. Zuweilen spricht daraus Unverständnis über Alltagsreaktionen von „Gesunden“ gegenüber Schlaganfallpatienten. 

Gruppe müht sich um Zuschüsse

Da gebe es beispielsweise die Ungeduldigen, die an der Supermarktkasse drängeln, „wenn ich das Geld nicht schnell genug aus der Börse kriege“, berichtet Erwin Wesemann und ergänzt: „Das sind nicht selten dieselben, die plötzlich genug Zeit haben, wenn sie draußen vor dem Discounter ausgiebig klönen.“

Die Selbsthilfegruppe bemüht sich um zweckgebundene Zuschüsse, etwa für Vorträge. Vernetzung ist ein weiteres Ziel. Dann und wann soll es Begegnungen mit den Gruppen aus Wildeshausen und Ganderkesee geben – erstmals am 10. Oktober

Schlaganfall kann fast jeden treffen

Der Erfahrungsaustausch untereinander ist aber das Wichtigste“, sind sich die Betroffenen einig. Gelegentlich wollen die Schlaganfallpatienten unter sich bleiben, um Gesellschaftsspiele zu spielen oder Themen im kleinen Kreis zu erörtern. Dann ziehen sich die Angehörigen in einen Nebenraum zurück.

Dass der Schlaganfall jeden treffen kann, macht einer der Betroffenen an einem fast schon beängstigenden Beispiel deutlich. Er erzählt von gleich vier Berufskollegen, die ebenfalls je einen Hirninfarkt hinter sich hätten.

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Laut einer Studie kann Intervallfasten das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.

Mit Herzrhythmusstörungen immer zum Arzt.

Jüngere Menschen können einen Schlaganfall häufig ohne sichtbare Folgen überstehen. Die Schäden zeigen sich aber oft erst einige Zeit später.

Zu hoher Blutdruck kann sehr gefährlich werden. Häufig werden den Betroffenen blutdrucksenkende Medikamente verschrieben. Aber ist das in allen Fällen auch nötig?

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