60 Berufsjahre gesammelt

Johann „Schnietze“ Lakewand: Der Dino unter den Friseuren

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Uwe Schmidt (r.) schätzt die Atmosphäre in „Schnietzes“ Frisiersalon an der Langen Straße in Harpstedt. 

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Solange es mir gut geht und meine Hände nicht zu zittern anfangen, mache ich weiter“, sagt Johann Lakewand. Gut 60 Arbeitsjahre inklusive Lehrzeit liegen hinter dem Friseur, der seinen Salon an der Langen Straße 21 in Harpstedt immer noch mittwochs, donnerstags und freitags geöffnet hat. Das klingt rekordverdächtig in einer Zeit, da es längst nicht mehr jeder Arbeitnehmer auf „nur“ 40 Berufsjahre bringt.

Lakewand hatte Heinrich Sudmann bereits während seiner 1957 angetretenen Ausbildung im früheren Salon Bauer (später Wilke) an der Freistraße zu Übungszwecken unter Realbedingungen frisiert. Der damalige „Proband“ kommt heute noch. „Mein Lehrherr war Helmut Fassauer“, erinnert sich „Schnietze“, wie ganz Harpstedt den Friseur nennt.

Die Liebe zum Beruf stellte sich übrigens keineswegs „auf den ersten Blick“ ein, ganz im Gegenteil: Als „Schnietze“ die Hälfte seines ersten Ausbildungstages hinter sich gebracht hatte, wäre er am liebsten nicht wiedergekommen. Seine Mutter las ihm die Leviten. Der Sohnemann spurte notgedrungen – und fand mit der Zeit Gefallen an dem Beruf.

Seinen Meister hat Lakewand nie gemacht. Er sei einfach nicht strebsam genug gewesen. „Das war auch in der Schule früher schon mein Problem. Da hieß es: ,Der Junge ist nicht dumm, aber faul’“, erinnert sich der 75-Jährige schmunzelnd.

Ein Relikt aus vergangenen Tagen ist dieser Kinderfrisierstuhl.

Die Klientel in seinem Salon ist männlich – mit Ausnahme dreier treuer Kundinnen. Gelernt hat „Schnietze“ allerdings einst „Damen- und Herrenfriseur“. Früher schnitt er auch Kindern die Haare – heute dagegen so gut wie nicht mehr. Rasuren mit dem Rasiermesser hat er aus seinem Angebot gestrichen.

Bis 1988 arbeitete Johann Lakewand im Salon an der Freistaße. Nach nur vierwöchiger Arbeitslosigkeit stellten ihn dann Anneliese und Hubert Hartmann in ihrem Betrieb an der Burgstraße (heute Versicherungsbüro) ein. „Sie haben sich später dafür eingesetzt, dass ich mich selbständig machen konnte“, erinnert sich der 75-Jährige.

Bei der Handwerkskammer in Oldenburg bekam es „Schnietze“ mit „jungen Leuten“ zu tun, die verständnisvoll und einsichtig gewesen seien. Daher durfte er auch ohne Meisterbrief im Jahr 2000 an der Langen Straße den Sprung in die Selbständigkeit vollziehen. Zuvor allerdings musste er unter Argusaugen beweisen, dass er sein Handwerk beherrschte. „Eine Obermeisterin kam und hat mir beim Haareschneiden im Salon Hartmann auf die Finger geschaut.“

Einrichtung muss nicht supermodern sein

Inventar für sein eigenes Friseurgeschäft bekam „Schnietze“ von den Hartmanns. „Die Einrichtung ist nicht supermodern, aber das muss sie auch nicht sein. Sie erfüllt ihren Zweck“, sagt Johann Lakewand. In einer Ecke seines Salons steht ein Relikt aus dem Betrieb der Hartmanns – ein Kinderfrisierstuhl, der womöglich schon mehr als 90 Jahre auf dem Buckel hat. Ein ähnliches Exemplar, aber ohne Pferdekopf als schmucke Verzierung, war schon mal in der ZDF-Reihe „Bares für Rares“ geschätzt und meistbietend verkauft worden.

Wer zu „Schnietze“ kommt, um sich die Haare schneiden zu lassen, muss keinen Termin vereinbaren. Der 75-Jährige verfährt nach der Devise „reinkommen und drankommen“. Das wissen seine treuen Kunden zu schätzen. So auch Uwe Schmidt. Der Harpstedter mag die gesellige Atmosphäre in dem Herrensalon, den er oft genug als „Informationszentrale“ empfindet. Kunden geben dort so einige Neuigkeiten aus dem Dorfleben preis.

Wegen Krankheit war „Schnietze“ in seinen gut 60 Berufsjahren übrigens höchst selten mal außer Gefecht gesetzt. Er erinnert sich nur an einen Sturz mit dem Fahrrad, der ihn für acht Wochen zum Pausieren zwang. Die gewachsene Konkurrenz bekomme er schon zu spüren, sagt er. Von mittlerweile sieben Friseursalons in Harpstedt liegen die meisten an der Langen Straße.

„Was ich erlebt habe, würde Romane füllen“

Wer 60 Jahre im Beruf ist, kann viel erzählen. „Was ich erlebt habe, würde Romane füllen“, sagt „Schnietze“. Im Gedächtnis geblieben sind ihm auch einige Männer, die früher bei Peter Strachowitz in der „Marktschänke“ eine Lokalwette verloren hatten und von Johann Lakewand auf die Schnelle an Ort und Stelle eine Glatze verpasst bekamen. Andere ließen sich ihre Schädel kahl rasieren, damit sie als Gegenleistung ihre Zeche bezahlt bekamen. Es soll sogar passiert sein, dass nach einem feucht-fröhlichen Vergnügen dieser Art ein Mann nachts zu seiner Frau ins Bett stieg und die Gattin ihn wegen der urplötzlichen Glatze nicht gleich erkannte, sondern dachte, ein Fremder sei ins Schlafzimmer eingedrungen...

„Schnietze“ hat nach eigenem Bekunden immer noch Freude an seinem Beruf. 70 Arbeitsjahre werde er allerdings sicher nicht mehr vollmachen. Aber 65? „Vielleicht. Wer weiß?“, erwidert der Dinosaurier unter den Friseuren vielsagend.

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