Jens Fröhlke hat seinen „Lebenslauf“ unterbrochen, wird ihn aber fortsetzen

„Habe die Angst gegen Vertrauen eingetauscht“

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Im Elternhaus von Jens Fröhlke in Bassum setzte das Fernsehteam aus Axel Thiele, Tanja von Ungern-Sternberg und Wolfram Witt (von links) gestern die Dreharbeiten für eine Reportage über Fröhlkes „Lebenslauf“ im Rahmen der ZDF-Reihe „37 Grad“ fort.

Harpstedt/Bassum - Von Jürgen Bohlken. Er habe die Angst eingetauscht gegen das Vertrauen darauf, „dass mir nichts passieren kann“, sagt Jens Fröhlke. Das geldfreie Leben gestalte sich völlig sorgenfrei. Wegen eines Todesfalls im engsten Familienkreis musste der Harpstedter, der ein Jahr lang zu Fuß unter Verzicht auf Konsum und den schnöden Mammon durch Deutschland streift, seinen „Lebenslauf“ unterbrechen. Wenn die Zeit des Abschiednehmens vorüber ist, will sich der Buchhändler wieder auf den Weg machen. Das ließ er gestern am Rande von Dreharbeiten in seinem Bassumer Elternhaus durchblicken.

Redakteurin Tanja von Ungern-Sternberg, Kameramann Axel Thiele und Wolf-ram Witt (Ton) begleiten den „Lebenslauf“ seit dem Start am 5. Juni 2015 in Harpstedt. Sie arbeiten an einer Reportage über Fröhlkes ebenso mutige wie ungewöhnliche „Friedenstour“ für ein „lebenswerteres Leben“, die innerhalb der ZDF-Reihe „37 Grad“ ausgestrahlt werden soll. Das Fernsehteam interessiert sich auch dafür, wie Fröhlke wieder in den Alltag zurückfindet. Daher sind abschließende Dreharbeiten eine Woche nach dem 5. Juni, nach seiner Heimkehr nach Harpstedt, geplant. Der Beitrag soll dann nach 13 Schnitt-Tagen zum nächstmöglichen Termin gesendet werden, entweder im Juni oder im Juli.

Auch während der aktuellen Auszeit, die am 7. Januar begann, lebt Fröhlke geldfrei. „Kompromisslos“, betont er. Etwas Essbares zu kriegen, habe ihm auf seinem Lebenslauf noch keinerlei Probleme bereitet. „Ich vertraue darauf, dass mir das gelingt. Und es läuft. Es ist wunderbar, wie‘s passiert. Es kommt oft vor, dass jemand mich zum Essen einlädt“, erzählt Fröhlke. Im Gedächtnis geblieben ist ihm etwa ein Passant, der mit seinem Hund Gassi ging, Notiz von ihm nahm und ohne dass der Harpstedter danach fragen musste, zusagte: „Ich komme wieder. Ich schmiere dir ein paar Brötchen.“ In Geschäften und sogar Restaurants bekam der 53-Jährige ebenfalls ohne „Bares“ zu essen.

Im Freien zu nächtigen, war indes anfangs seine Sache nicht. „Es hat lange gedauert, bis ich damit anfangen konnte, weil ich einfach kein Draußenschläfer war. Ich fand das immer schrecklich.“ Mittlerweile hat Fröhlke nach eigener Einschätzung schon in etwa so viele Nächte draußen wie unter einem Dach verbracht. Es sei allerdings schwieriger, an Schlafplätze

„Verwerfliches

Profitdenken“

zu kommen als an Essen. „Es gab aber sogar Situationen auf der Straße, in denen ich nach Gesprächen eingeladen worden bin.“ Mancher sei via facebook auf ihn aufmerksam geworden und habe ihm eine Unterkunft angeboten. So auch eine Frau, die im Internet las, dass sich der „Lebensläufer“ Ende 2015 in München aufhielt, und anbot: „Du kannst gern bei uns schlafen.“

Auf dem Utopival-Mitmachkongress auf dem Findhof nahe Köln knüpfte Fröhlke viele Kontakte. Auch daraus ergab sich der eine oder andere Schlafplatz. Anfang August 2016 sei übrigens Ganderkesee der Kongress-Veranstaltungsort, weiß der Harpstedter. Ob er dabei sein kann, ist noch offen. „Für das letztjährige Utopival gab es rund 1000 Bewerber. Nur 100 wurden ,gezogen‘ und konnten mitmachen“, erzählt Fröhlke.

Dass er in Mannheim den Sänger Xavier Naidoo treffen würde (wir berichteten) habe er nicht nur geahnt, sondern „gewusst“. Gleichwohl sei die vor der Pop-Akademie zustande gekommene Begegnung einer Verkettung von Zufällen geschuldet gewesen. „Xavier hat mich gefragt, ob ich der ,Lebensläufer‘ bin und etwas zu essen und eine Unterkunft brauche“, entsinnt sich Fröhlke, der in einem Studiotrakt nächtigen konnte.

Zunächst bekam er allerdings wenig Schlaf. „Xavier und ich haben die ganze Nacht geredet“, erinnert er sich. Dabei sei es auch um Naidoos umstrittenen Auftritt vor „Reichsbürgern“ in Berlin gegangen. Fröhlkes Eindruck: Der Soulsänger ist zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt worden. Er sei allerdings ein sehr politischer Mensch, der sich „mit allem, was er tut, dafür einsetzt, dass sich die Verhältnisse bessern“. Exakt das ist das Anliegen des „Lebensläufers“. „Ich finde es verwerflich, dass sich kaum jemand um Bestand und Nachhaltigkeit Gedanken macht, weil nur das Geld zählt“, beklagt er auch mit Blick auf die ungewisse Zukunft seiner Wildeshauser Buchhandlung „bökers am Markt“. Hier und da stößt er gleichwohl auf Mut machende Entwicklungen wider das Profitdenken. Wie in Westen bei Verden: „Dort gibt es ein anderes Miteinander. Bürger nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand. Sie schließen sich mit Biohöfen zusammen und gehen direkte Wege. Sie führen eine Kneipe weiter, weil die wichtig für den Ort als Treffpunkt ist. Sie hegen und pflegen gemeinschaftlich Beerenfelder, damit Wanderer und Radler dort im Sommer Blaubeeren essen können.“

Weitere spannende Lebensformen würde Fröhlke gern noch kennenlernen. So auch eine Siedlung südlich von Berlin, wo Menschen sich Hütten und Häuser aus Abfall bauen oder in Containern leben. „Ich will wissen, warum sie das tun“, sagt der 53-Jährige. Sein erstes Ziel in Teil zwei seines Lebenslaufes werde aber wohl Aachen sein, verrät er.

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