Suche nach Schlüssel zu neuem Kommunalsystem

Japanische Forscher kämpfen für mehr Bürgerbeteiligung

Die japanischen Gäste und die Colnrader freuen sich über das Wiedersehen: (vordere Reihe, v.l.) Tomoko Okamoto, Anne Wilkens-Lindemann und Masami Hagai. Sowie (hintere Reihe, v.l.) Uwe Beckmann, Hideyo Fujikura, Ken Nishi und Keijiro Yamada. - Foto:Pleuß

Colnrade - Von Alina Pleuß. Fünf Gäste aus Tokyo sind in der Gemeinde Colnrade unterwegs. Das Team aus Forschern verfolgt ein bestimmtes Ziel: Fasziniert von der selbstverwaltenden Struktur deutscher Gemeinden und ihrer Akteure wollen sie ein System entwickeln, das sich auf Japan beziehen lässt. Die Frage, die sie dabei beschäftigt: Wie entsteht die Motivation in den Köpfen der Akteure, sich auf kommunalpolitischer Ebene in den Gemeinderäten zu engagieren? Die Hintergründe erklären sie im Gespräch.

„Was uns am meisten interessiert ist, wie selbstverwaltend die Gemeinde ist“, übersetzt Tomoko Okamoto die Worte von Prof. Masami Hagai von der Keizai Universität in Tokyo. Als Leiter des Projekts erklärt er: „Japan hat damals nach dem Krieg das Kommunalsystem aus Europa eingeführt. Aber wir kannten die Hintergründe kaum. Wie es sich zum Beispiel dazu entwickelt hat, das Menschen aktiv ihren Raum mitgestalten. Wir hatten nur den Rahmen.“ Daher hat das Forschungsteam um Hagai es sich zur Aufgabe gemacht, durch die Analysen, Untersuchungen und Hintergrundrecherchen in Colnrade sowie im französischen Lyons la fóret und zwei japanischen Gemeinden ein neues System für die japanische Kommunalstruktur zu entwickeln, mit dem sich die Bürgerbeteiligung fördern lässt. Dadurch soll das Bestehen von Gemeinden nachhaltig gewährleistet werden.

Denn in Japan gebe es in dem Bereich große Probleme: „Die Gesellschaft in den Gemeinden hat sich drastisch verändert. Die Geburtenrate sinkt, und die Zahl der Abwanderungen steigt“, wie Hideyo Fujikura, Kommunalwissenschaftler, erklärt. „Wir müssen in dieser Zeit nochmal überlegen, was Selbstverwaltung überhaupt beinhaltet.“

Den Schlüssel dazu sehen die Forscher in den Akteuren, die den Willen haben, ihre Gemeinde ehrenamtlich selbst zu gestalten. In Japan kaum vorstellbar. Dort seien die Gemeinderatsmitglieder hauptberuflich angestellt. Die Tatsache, dass die Sitzungen deshalb tagsüber stattfinden, tragen laut Hagai dazu bei, dass die berufstätigen Bürger daran nicht teilnehmen können. Ein Umstand der in Deutschland durch die ehrenamtliche Arbeit keine Rolle spielt.

Unterschiede werden im Vergleich deutlich 

Mittlerweile befindet sich die Forschergruppe im vierten Teil ihrer Projektreihe. Zunächst wurden im ersten und zweiten Forschungsprojekt die Gebiete analysiert und erfasst. Im Rahmen des dritten Projekts gab es im vergangenen Jahr eine Podiumsdiskussion, um direkt zu besprechen, wie sich ein neues System in Japan umsetzen ließe. Nun geht es daran, solch ein System zu entwickeln.

Was im Vergleich zwischen den deutschen und japanischen Gemeinden jedoch direkt ins Auge fällt, sind die Größen. Denn wie die japanischen Gäste erklären, gibt es insgesamt 1718 Gemeinden in dem ostasiatischen Staat. Mit einer Einwohnerzahl unter 10 000 gibt es allerdings nur 400 solcher Kommunen. „Das kann man sich kaum vorstellen“, stellt Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann fest. Hagai erklärt: „Man hat in so großen Kommunen keinen Bezug mehr zu den Gemeinderäten. Die Identifikation fehlt.“ Unter anderem vielleicht ein Grund der mangelnden Bürgerbeteiligung. Eine Hürde: Die Regierung möchte noch größere Gemeinden. Und viele kleinere gliedern sich aus finanziellen Nöten in die größeren ein. „Aber wir kämpfen. Schließlich bestimmen in Deutschland die kleinen Gemeinden die in Samtgemeinden eingegliedert wurden, immer noch zu einem Teil sich selbst.“

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