Vor 180 Jahren: Harpstedt erlebt die letzte öffentliche Hinrichtung

Geträumte Vorahnung wird grausame Realität

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Die „Instruction“ für die Einrichtung des Schafotts ist dieser Urkunde zu entnehmen.

Harpstedt - Schweißgebadet wacht der Harpstedter Postbote Bernhard Wilhelm Thöle, Vater von neun Kindern, eines Morgens auf und erzählt seiner Frau von einem Traum, der ihn sehr geängstigt hat: Der „große Schröder“ habe ihn auf seinem Postweg nach Bassum begleitet. Plötzlich ein Schuss, woraufhin er vor Schreck seinen Stock habe fallen lassen. Beim Bücken danach habe er einen starken Schlag auf den Kopf verspürt. Eine geträumte Vorahnung? Es hat den Anschein. Der Postbote wird tatsächlich vom „großen Schröder“ ermordet. Die Gerichtsakte erhellt die Geschehnisse vom 15. Juli 1834, die Dirk Heile in seiner „Chronik der Samtgemeinde Harpstedt“ detailliert beschreibt.

Häusling Andreas Barjenbruch aus Dimhausen, so lässt sich den Aufzeichnungen entnehmen, mäht an jenem Tag gerade Heide, als er einen Schuss hört. Von weitem sieht er einen Unbekannte auf einen am Boden liegenden Mann einschlagen, wegrennen, wieder zurückkehren und abermals fortlaufen. Als der Zeuge den Tatort erreicht, liegt der Postbote tot in seinem eigenen Blut. Um ihn herum in wenigen Schritten Entfernung verstreut: der Inhalt seines Felleisens, einer alten Form des Briefsacks.

Sofort beginnt die Suche nach dem Mörder. Am Abend, gegen 20 Uhr, fassen Harpstedter Bürger ei-

Bruder belastet

den Täter stark

nen Mann von kräftiger Statur: Heinrich Gottlieb Schröder (21), Tischler aus Harpstedt, gebürtig aus Kirchhatten. Er soll Thöle in dessen Angsttraum erschienen sein. Bei der Vernehmung verwickelt er sich in Widersprüche. Sein drei Tage später festgenommener Bruder Hieronymus gesteht den gemeinsamen Kauf einer Pistole in Wildeshausen, die im Verlauf des Prozesses noch eine gewichtige Rolle spielen soll. Ob er sich später wegen Beihilfe oder Mitwisserschaft verantworten muss, geht aus den Akten nicht hervor.

Heinrich Gottlieb Schröder wird in das Amtshof-Verlies gesperrt. Amtsassessor Schmidtmann ordnet verschärfte Sicherheitsvorkehrungen an, zumal der Inhaftierte früher schon einmal einen Ausbruchsversuch unternommen hat. Im Verhör leugnet Schröder die Bluttat zunächst. Hieronymus belastet ihn schwer: Er sagt aus, sein Bruder habe ihm schon vor dem Mord erzählt, er wolle „den Thöle“ töten und das Geld stehlen, das der bei sich trage. Heinrichs Absicht: Nach Amerika auswandern, um seiner Truppe, dem soldatischen Dienst und seinen Schulden zu entfliehen.

Zunächst will er keinen Mordplan gehabt haben. Er

„Du bist

ausgekniffen“

habe mit der Pistole nur Otter schießen wollen, sagt er aus.

Doch dann, an jenem Dienstag, sieht er den Postboten am frühen Morgen auf dessen Botengang von Harpstedt nach Bassum. Im Felleisen vermutet er viel Geld. Er begleitet Thöle auf seinem Weg – und bietet ihm an, den Briefsack ein Stück weit zu tragen. Der Postbote lehnt dies mit der Begründung ab, es befänden sich ja nur „neun Thaler“ und ein paar Briefe darin. Unterwegs erzählt Schröder, er sei inzwischen Soldat in Nienburg und auf Urlaub in Harpstedt. „Du bist ausgekniffen und hast einen falschen Eid geschworen!“, entlarvt ihn der Postbote. Als beide etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt haben, zieht sich Schröder einen Augenblick zurück. Unter einer Brücke, die später als „Mordbrücke“ in die Annalen eingeht, lädt er seine Pistole, die er zuvor verborgen bei sich getragen hat, und schießt von hinten auf sein Opfer. Thöle geht mit dem Ausruf „Oh Gott! Oh Gott!“ zu Boden. Er ist aber nicht tot. Noch nicht. Schröder greift daraufhin zu seinem eigenen – von zu Hause mitgebrachten – Stock und erschlägt ihn.

Daraufhin flieht er mit dem Geld und der Uhr des Toten über die Heide. In dem Felleisen, so offenbart sich, befinden sich 38 Thaler – deutlich mehr als nach Thöles Angaben, aber auch weit weniger als die 100 Thaler, die der Mörder zu finden gehofft hat. Schröder reißt seine Schuheisen ab, weil daran Heideboden haftet, wäscht sich das Blut von der rechten Hand. Die Pistole vergräbt er am Bachufer – und den Großteil des Geldes an einem Baumstumpf. Seine Spur versucht er auf der Flucht durch Abbiegen in Richtung Beckeln zu verwischen.

Nach seinem Geständnis erfleht er „von Herzen eine gnädige Strafe“. Er ertrüge auch alle Strafe, wenn er nur nicht öffentlich hingerichtet würde.

Das Urteil fällt knallhart aus: Der Mörder soll mittels eiserner Schrauben vom Leben zum Tode gerichtet werden; sein Leichnam sei sodann aufs Rad zu flechten. König Wilhelm IV. begnadigt Schröder, der nach wie vor sein Leben verlieren soll, aber auf eine weniger grausame Art – durch Enthauptung.

Die Hinrichtung vollzieht sich auf einer Wiese auf der

Tausende

schauen zu

Knappheide westlich des Fleckens und nördlich der Straße nach Wildeshausen. Dort wird ein Erdhügel aufgeschichtet und eingezäunt. Für den Ordnungsdienst muss jedes Haus der Vogteien Hunte und Böhrde je einen Mann stellen. Rund 600 Männer beziehen am 26. Mai 1835 – jeweils mit Knüppel – schon um 7 Uhr in der Frühe auf dem Hinrichtungsplatz am Zaun Stellung. Vor dem Amtshof nimmt derweil das „peinliche Halsgericht“ seinen Lauf. „Hast du den benannten Postboten Thöle in angegebener Zeit und Art ermordet und beraubt?“, fragt Amtsvorsteher von Trampe und bekommt ein klares „Ja“ zur Antwort. Nach der Urteilsverlesung zerbricht Amtsassessor Schmidtmann einen Stock, lässt ihn vor dem Verurteilten niederfallen und verkündet: „Mensch, du musst sterben!“

Die Sensationslust kennt keine Grenzen: Zwischen 8000 und 14000 Schaulustige verfolgen die Hinrichtung. Auf dem Richtplatz verliest der Verurteilte öffentlich eine eigens geschriebene „Ermahnung“, betet das Vaterunser und setzt sich selbst auf den Richtstuhl, ehe er die Augen verbunden bekommt. Den weiteren Verlauf dieser letzten Hinrichtung in

Kopf mit einem Hieb

vom Rumpf getrennt

Harpstedt rückt eine im Schloss Celle ausliegene Urkunde in ein schauriges Licht. Sie enthält den Schwur des Scharfrichters

Christian Fröhlich aus Hoya vom 25. Mai 1835, der da lautet: „Ich gelobe und schwöre einen Eid zu Gott und auf sein heiliges Wort, dass ich morgen dahier auf dem Schafott den hiesigen Raubmörder Heinrich Gottlieb Schröder mittelst des Schwertes vom Leben zum Tode richten, und zwar tunlich, mittelst des ersten Hiebes, dessen Haupte vom Rumpfe trennen will, so wahr mir Gott helfe.“ Es folgt der Nachsatz, der Scharfrichter habe am Folgetag die Hinrichtung „mit großer Geschicklichkeit mittelst des ersten Hiebes“ und daher „zur Zufriedenheit“ der Zuschauer verrichtet. Das nun (2015) 180 Jahre zurückliegende Geschehen endet mit einem Akt der Abschreckung: Ein Henkersknecht präsentiert den Kopf des Mörders der Menge, ehe der Leichnam im Sarg verschwindet.

ch/boh

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