Ortsverein-Neugründung schon 1946

Rückblick auf 70 Jahre SPD in Harpstedt

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SPD Bundesvorstand

Harpstedt - In welchem Maße die Harpstedter SPD in den 70 Jahren seit ihrer Wiedergründung die Entwicklung in Flecken und Samtgemeinde mitgeprägt hat, umreißt Hermann Bokelmann, der von 1962 an für 36 Jahre als Vorsitzender an der Spitze des Ortsvereins stand, anhand einiger Beispiele – im Vorgriff auf die Jubiläumsfeierstunde mit Bremens früherem Bürgermeister Henning Scherf, die Sonnabend um 15 Uhr im Harpstedter Hotel „Zur Wasserburg“ beginnt.

1945, nach der zwölfjährigen Nazi-Diktatur, nach Weltkrieg und bedingungsloser Kapitulation, lag Deutschland am Boden. Die Alliierten hatten das Sagen. Parteien, die den NS-Terror nicht hatten verhindern können und dann von den Nazis verboten, bekämpft oder gar unerbittlich verfolgt worden waren, organisierten und strukturierten sich in der Zeit des Wiederaufbaus neu.

Die Sozialdemokraten gingen dieses Vorhaben sehr schnell an – besonders früh in Harpstedt: Hier hob Johann Sparkuhl, der sein Ratsmandat 1933 unter Androhung „polizeilicher Inhaftnahme“ hatte niederlegen müssen, die SPD schon 1946 wieder aus der Taufe. Der Ortsverein wuchs bis zum Ende des Jahres auf 16 Mitglieder an. „Es waren dann immer drei oder vier Sozialdemokraten im Fleckenrat“, blickt Hermann Bokelmann zurück. In der Entwicklung Harpstedts ging es spürbar voran: Direkt nach der Währungsreform von 1948 erfolgte der Bau der neuen Volksschule. Wenig später kam die erste Turnhalle hinzu. Schmutzwasserkanal und Kläranlage folgten 1957.

Als Bokelmann 1962 als Nachfolger von Otto Leppin den Vorsitz im SPD-Ortsverein übernahm, lag dessen Mitgliederzahl noch immer bei 16. Zwei Jahre später feierten die Sozialdemokraten einen Überraschungserfolg bei der Kommunalwahl: Sie errangen die Mehrheit der Sitze im Fleckenrat – und stellten nun mit Hermann Bokelmann den Bürgermeister. Dass diese Ära 32 Jahre dauern würde, ahnte damals allerdings niemand.

1963/64 erforderte die Einführung des neunten Schuljahres eine Schulerweiterung. Auch begannen die Planungen für ein Freibad. In Bokelmanns frühe Jahre als Bürgermeister fielen weitreichende Forderungen der Landespolitik. Als eine Folge davon musste etwa der Flecken die Müllabfuhr mit Papiersäcken per Unimog und Hänger bewerkstelligen.

Drei Ortsvereine verschmolzen

1965 formierte sich die erste – noch „kleine“ – Samtgemeinde Harpstedt. 1966 bauten elf Gemeinden das Schulzentrum mit Realschule. Zwei Jahre später und 1972 errang die SPD jeweils neun der 15 Fleckenratssitze. Zuschüsse aus der „Gemeinsamen Landesplanung“ verhalfen Harpstedt 1968 zum Rosenfreibad. 1969 (und 1970) besiegelten der Flecken und das französische Städtchen Loué vertraglich die eingegangene Gemeindepartnerschaft, die Vereine und Organisationen auf beiden Seiten bis heute mit Leben füllen. Der Landkreis baute dann die Delmeschule. Flecken und Schulzweckverband leisteten Unterstützung. Das Schulzentrum durfte das Lehrschwimmbecken nutzen. Die Anlegung des Schulsportplatzes auf einer gepachteten Fläche im Eigentum der evangelischen Kirche fällt ebenfalls noch in die Zeit vor der Gebietsreform von 1974.

Am 1. März 1974 schlug die Geburtsstunde der „großen“ Samtgemeinde Harpstedt. Dies war die Grundlage für das kommunale Konstrukt, das mit acht Mitgliedsgemeinden noch heute Bestand hat. Die Bildung der Samtgemeinde blieb nicht ohne Auswirkungen auf die SPD: Drei Ortsvereine mit damals zusammen 98 Mitgliedern, nämlich Dünsen, Harpstedt und Kirchseelte, „fusionierten“ zu einem großen. Im Samtgemeinderat errangen die Sozialdemokraten mit 33,3 Prozent Stimmenanteil acht der 23 Sitze. Mit Bremens Bürgermeister Hans Koschnick sprachen sie über einen „Harpstedter See“ und ein Feriendorf. Beide Pläne verliefen aber im Sande. Der Flecken wies das Gewerbegebiet „Amtsacker“ aus. Am „Schützenweg“ ordnete erstmals ein „Umlegungsausschuss“ Ackerflächen in Bauplätze.

1977 begann die EWE damit, den Flecken mit Gas zu versorgen. Nicht aber die ganze Samtgemeinde. „Die wollte nicht“, entsinnt sich Bokelmann.

Im Zuge der umstrittenen Kreisreform von 1977 wurde die Samtgemeinde oldenburgisch. Die hiesige Politik plädierte für Wildeshausen als Kreisverwaltungssitz. Der Erwerb des Koems-Saals durch den Flecken sowie Umbau und Erweiterung des Amtshofes durch die Samtgemeinde sind Bokelmann ebenfalls im Gedächtnis geblieben. 1981 verlor die SPD ihre Mehrheit im Fleckenrat. Der Ausbau der Langen Straße („mit Bäumen“, betont Bokelmann), die Planung der Baugebiete Schützenweg III und Goseriede II sowie die Einführung von 30 km/h-Zonen beschäftigten in jener Zeit die Gemeinde. Die Samtgemeinde baute die große Spielhalle.

„Der Politik fehlt etwas Schwung“

1986 holte sich die SPD im Flecken die absolute Mehrheit zurück. Ein gemeindeseitig gewährtes zinsloses Darlehens, vor allem aber enorme Eigenleistungen engagierter Bürger machten die Renovierung und Vergrößerung des Koems-Saals möglich. Der „Alpha“-Markt in Harpstedt erweiterte. Und, so Bokelmann, „gegen das Votum der Industrie- und Handelskammer“ kam auch „Inkoop“.

1991 errang die SPD, die im Flecken abermals die Mehrheitsfraktion stellte, im Samtgemeinderat immerhin elf der 25 Sitze. 1996 erlitt sie indes eine Wahlschlappe: Im Flecken übernahm das bürgerliche Lager das Ruder; auf CDU und HBL entfielen nun die meisten Mandate. Nach mehr als drei Jahrzehnten leitete erstmals kein SPD-Mann mehr als Bürgermeister die gemeindlichen Geschicke, sondern mit Alfred Pergande ein Christdemokrat. Aber auch nach dem Verlust der Mehrheit sei die SPD aktiv geblieben; ebenso habe sie in der Samtgemeinde weiterhin einiges vorangebracht, so Bokelmann. In diese Phase fielen etwa die Steuerung von Windkraft und Sandabbau über den F-Plan, die Abgabe der Schmutzwasserentsorgung an den Verband Stuhr/Weyhe oder auch die Renovierung des Freibades.

2001 wurde die SPD im Flecken mit sieben Sitzen stärkste Partei. Die Mehrheit aber stellten CDU, HBL und FDP. Seit zehn Jahren hat nunmehr Werner Richter (HBL) als Fleckenbürgermeister den Ratsvorsitz inne. Bokelmann findet, es mangele der Kommunalpolitik in der vergangenen Dekade etwas an Schwung.

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass auch dem SPD-Ortsverein neue Impulse gut täten. Im Februar klang das während der Jahreshauptversammlung an. Die Mitgliederzahl bewegt sich bei rund 50 – und damit noch bei gut einem Drittel der Stärke, die der Ortsverein zu seiner „Hoch-Zeit“ hatte.

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