Illegales Treiben in Sandabbaugruben und Wäldern

Unterholz mutiert zu Moto-Cross-Piste

Schon lange ein Eldorado für Moto-Cross-Fahrer: die Sandabbaugruben in Ortholz nördlich der A1.
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Schon lange ein Eldorado für Moto-Cross-Fahrer: die Sandabbaugruben in Ortholz nördlich der A1.

Ortholz – Nicht nur die Sandabbaugruben in Ortholz nördlich der A1 werden von Moto-Cross-Fahrern heimgesucht, sondern auch die angrenzenden Wälder – ohne Rücksichtnahme auf Wild und Biotope.

Reifenspuren von Moto-Cross-Maschinen finden sich zuhauf in der Sandabbaugrube des Unternehmens M+S Transporte. Selbst 40 Prozent Gefälle scheinen für die Fahrer kein Problem zu sein. Groß Ippeners Bürgermeister Georg Drube und Stellvertreter Stefan Pleus staunten am Dienstag im Beisein von Axel Habermann, Geschäftsführer von M+S Transporte, und Gesellschafter Bernd Meyer nicht schlecht über eine steil hinab in die Grube führende, illegal auf Privatgrund angelegte Piste. Klar ist: Die Moto-Cross-Fahrer, die oft in Gruppen aufkreuzen und durchs Gelände heizen, haben dort und in der benachbarten Köster-Grube nichts zu suchen. Zu allem Überfluss beziehen sie zusätzlich die umliegenden Waldgebiete in ihren „Abenteuerspielplatz“ ein. Sie verschrecken das Wild, scheren sich nicht um Biotope, nehmen billigend in Kauf, dass Wildtiere Gelege, Nester und Nachwuchs im Stich lassen.

Fehlendes Unrechtsbewusstsein

Reifenspuren überall, auch auf Rückegassen und im Unterholz, sprechen eine deutliche Sprache. Sowohl die Vorgaben des Niedersächsischen Waldgesetzes als auch die Verordnung zum Landschaftsschutzgebiet „Harpstedter Geest“ sind den Fahrern offenkundig schnuppe.

Bedroht und bedrängt

„In ihren Reihen gibt es sicherlich viele nette Jungs, mit denen man sich in der Kneipe angeregt unterhalten könnte. Was ihnen aber fehlt, ist Unrechtsbewusstsein“, konstatiert Hartmut K., der schon häufiger die Polizei auf den Plan gerufen hat. Er schilderte Drube und Pleus während des Ortstermins an der Sandgrube teils unheimliche Begegnungen. Unter den Motorradfahrern gebe es einige „harte Jungs“, die ihn nach eigener Darstellung bedrohen („wir wissen, wo du wohnst“; „du willst doch wohl nicht, dass eure Hunde etwas Ungesundes fressen“), zudem bedrängen und womöglich sogar schädigen („an einem Sonnabend hatte ich an drei Autos vier zerstochene Reifen“). Genau deshalb taucht Hartmut K. in diesen Zeilen nicht mit seinem wahren Namen auf.

Während des Ortstermins zückte er sein Tablet und holte entlarvendes Foto- und Videomaterial aufs Display: Ein von ihm gefilmtes Video zeigt Moto-Cross-Fahrer mit hoher Geschwindigkeit scharf an einer Spaziergängergruppe aus sieben Erwachsenen und drei Kindern (eins davon auf einem Dreirad) vorbeirasen.

Sogar Hubschrauber eingesetzt

Andere Bilder dokumentieren die Bemühungen der Polizei, der Enduro-Szene Herr zu werden – sogar per Hubschrauber. Der Vorwurf, die Behörden unternähmen nichts, treffe nicht zu, bekräftigte Hartmut K.: „Wenn ich die Polizei rufe, kommt sie auch.“ Die Ordnungshüter hätten sogar Listen mit Namen. Die Schwierigkeit sei, die Fahrer zu überführen, sie auf frischer Tat zu ertappen und vor Ort dingfest zu machen. Ihre geländegängigen Maschinen trügen häufig keine amtlichen Kennzeichen. Darauf könnten sie rasch in unwegsames Gelände im Wald flüchten – ohne Chance für die Polizei, sie im Dienstwagen zu verfolgen.

Auch Unfälle passieren anscheinend: K. berichtete von einem Moto-Cross-Fahrer, der aus einer Rückegasse vor seinen Geländewagen geschossen und zu Fall gekommen sein soll.

Regelrechte Events mit Ausschank

Das Gebiet, das die Endurofahrer vereinnahmen, reiche weit über Ortholz hinaus: „Das geht hoch bis nach Kirchseelte und runter bis an die Delme. Da reden wir über insgesamt vielleicht 2 000 bis 3 000 Hektar“, schätzt K. Er selbst habe mal von einem Moto-Crosser zu hören bekommen: „Ich fahre schon seit 25 Jahren hier. Das lasse ich mir von niemandem verbieten.“ Das zeige, wie lange das Heizen durch die Wälder schon praktiziert werde.

Längst gebe es regelrechte Events inklusive Getränkeausschank mit bis zu 30 oder 40 Beteiligten. Ein zusätzliches Ärgernis seien geführte Touren eines Unternehmens – und zwar auf Quads, für die geschützte Naturbereiche eigentlich tabu seien.

Ein wirksames Rezept gegen die Auswüchse der Moto-Cross-Szene gibt es offenkundig nicht. Drohende Bußgelder in einer Höhe von bis zu 5 000 Euro reichen jedenfalls nicht aus als Abschreckung.

Brenzlig verlief nach Angaben eines Zeugen die Begegnung einer größeren Spaziergängergruppe mit diesen beiden Moto-Cross-Fahrern. Screenshot: Bohlken

Legale Alternativen

„Was kann man tun?“, fragt sich auch Hartmut K.; ein paar Dinge fallen ihm schon ein: „Vor allem Öffentlichkeit herstellen und Präsenz zeigen. Auf die Problematik hinweisen. Den Fahrern deutlich machen, dass sie unter Beobachtung stehen. Insgesamt den Druck auf sie erhöhen, damit sie sich andere Möglichkeiten zur Ausübung ihres Sports suchen, statt kreuz und quer durch den Wald zu heizen.“ Es gebe schließlich legale Alternativen – Vereine und Pisten, etwa in Aumühle, Syke oder Bremen-Nord.

Doch Moto-Cross-Fahrer, die durch Sandkuhlen und Wälder brettern, suchen offenkundig gerade den Kick, sich Gefahren auszusetzen, und obendrein den Reiz des Verbotenen. Für gewöhnlich knattern sie bevorzugt an Abenden und an Wochenenden durch die Landschaft. Also ausgerechnet dann, wenn Anwohner gern mal auf der Terrasse sitzen und Motorenlärm als besonders belästigend empfinden.

Gemeinde kann wenig ausrichten

„Ich werde bestraft, wenn ich meinen Hund in der Brut- und Setzzeit nicht an der Leine führe, während andere hier auf Motorrädern durchs Gelände heizen können“ – so klang sinngemäß eine Beschwerde eines Bürgers in der Einwohnerfragestunde zu Beginn der jüngsten Sitzung des Ippener Rates. „Das kann wirklich keiner mehr verstehen“, räumte Stefan Pleus während des Ortstermins ein. Die Gemeinde könne aber leider nicht viel machen, bedauerte Georg Drube. Immer wieder die Polizei anrufen – viel mehr als das sei wohl nicht möglich.

Die Sandabbauunternehmen bemerken unterdessen fast nichts von dem unsäglichen Moto-Cross-Treiben, mal abgesehen von zerschnittenen Zäunen. Denn wann immer die Fahrer anrauschen, wird natürlich gerade nicht abgebaut.

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