SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Teil sechs: Unter polnischer Administration kommt neues Elend auf die Familie Ewert zu

Internierung und Vertreibung

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Nach dem heutigen sechsten Teil pausiert unsere Serie über die Nachkriegserlebnisse der Familie Ewert für eine Woche.

Sürstedt/Bartenstein – Die Russen sind weg. Ab Frühjahr 1946 haben die Polen das Sagen im ostpreußischen Bartenstein. Die Auswirkungen treffen zunächst die in der Nähe wohnende Großmutter des damals zwölfjährigen Siegfried Ewert, der die Ereignisse später aus seiner Erinnerung schildert. Den Hof der Oma nimmt ein polnischer Kleinbauer, ein Vertriebener aus der Ukraine, mit seiner Familie in Beschlag. Die vormalige Eigentümerin bekommt eine Kammer zugewiesen – und gesagt, sie werde „in Kürze“ ausgewiesen. Das tritt auch ein: Es verschlägt die Oma ins Alte Land bei Hamburg, wo sie bei einer ihrer Töchter unterkommt.

Unter polnischer Administration mündet die vormalige Flucht nun in Vertreibung: Ich-Erzähler Siegfried, vier seiner Geschwister und die Mutter müssen ihr Heim in der „Hindenburgsiedlung“ verlassen. Eine neue Bleibe finden sie zunächst auf einem Gutshof, wo zwei weitere deutsche Frauen mit ihren Kindern leben. Essen gibt es kaum. Die Ewert-Kinder schießen mit Katapulten auf Wildtauben – in der Hoffnung auf etwas Fleisch. Auf einer „Exkursion“ zwecks Nahrungsbeschaffung läuft ihnen ein stark lahmendes Pferd mit einem Stück Weidedraht um den Hals in die Arme. Sie nehmen es mit. Das Tier entzieht sich Versuchen, die Verletzungen zu behandeln. Benno, einer von Siegfrieds Brüdern, tötet es mit einem Eisenstangenhieb an die Schläfe. Hinterher laufen die beiden Jungen weg, um sich heimlich auszuheulen. Obwohl nach dem Schlachten gepökelt in einer Tonne im Keller bevorratet, hält das Pferdefleisch nicht lange vor. Schon bald ist es von Maden durchsetzt und muss entsorgt werden.

Im Spätsommer 1946 beginnen die Polen, „alle Deutschen des Kreises Bartenstein zu internieren“, schreibt der Ich-Erzähler. Das „Scheunenviertel“ mutiert zu einem eingezäunten Getto, das auch die Ewerts ohne Erlaubnis der Miliz nicht verlassen dürfen. Seuchen wie Flecktyphus und die Ruhr breiten sich aus. „Ihr Deutschen sollt verrecken“, zitiert Siegfried einen polnischen Landsmann. Andere Polen bekreuzigen sich beim Anblick der zum Friedhof gekarrten Getto-Toten.

„Ich habe all das, was uns ab Januar 1945 widerfahren ist, noch schlimmer in Erinnerung. Das Allerschlimmste hat mein Bruder ausgespart“, sagt Siegfrieds jüngere Schwester Gisela Langhorst, die heute, rund 75 Jahre später, in Harpstedt lebt (auf ihre Erinnerungen kommt unsere Zeitung noch zurück). Ihr Bruder Siegfried ist schon vor langer Zeit verstorben. Ein Revanchist ist er nicht gewesen: „Schuldzuweisungen über die Vertreibung im Osten nach dem Zweiten Weltkrieg dürfen wir nicht den Sprechern der Landsmannschaften überlassen. In ihrer Politik liegt ganz offensichtlich neues Unrecht, denn wer nicht sehen will, dass Adolf Hitler und die Deutschen vorsätzlich und mit beispielloser Brutalität dem Unrecht einen Anfang setzten, ist politisch verantwortungslos“, urteilt er – mit zeitlichem Abstand – in seinem Manuskript.    boh

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