„Ins Leben zurückzukommen, war schwer“

Sommer-Smalltalk: Marius Kossmann hat Leukämie überwunden

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Marius Kossmann hat seine Krankengeschichte im Internet öffentlich gemacht. Während seiner Therapie hat er auch Rückschläge erlebt.

Harpstedt - Der Harpstedter Marius Kossmann (21) studiert, hat eine Freundin und treibt gerne Sport. Alles nichts Ungewöhnliches. Was ihn von vielen seiner Altersgenossen unterscheidet ist, was er erlebt hat: Kossmann war 2015 an Leukämie erkrankt.

Im Gespräch erzählt er, wie er mit der Diagnose umgegangen ist und was sich seitdem für ihn verändert hat. Die Fragen stellte Phillip Petzold.

Marius, wie ist es für einen 19-Jährigen durch die Chemotherapie die Haare zu verlieren?
Marius Kossmann: Ich hab mir die Haare nach der ersten Chemo selbst abrasiert. Ich wollte nicht, dass der Krebs sich zeigt und das die Krankheit stärker ist. Ich fand es dann ganz cool, ich hatte das noch nie.

Wie bist du mit der Diagnose umgegangen?
Ich bin da optimistisch rangegangen. Man findet sich damit ab. Ich habe immer gesagt: ,Ich bin nicht krank!‘ und versucht, einen normalen Tagesablauf zu bekommen. Während der fünf Monate im Krankenhaus war ich als einziger Patient jeden Tag auf dem Ergometer, bin spazieren gegangen und habe mir eine Yoga-Lehrerin geholt. Eigentlich undenkbar für einen Arzt, aber ich habe immer versucht, zu machen, was geht.

Hast du während deiner Zeit im Krankenhaus Freundschaften geschlossen?
Ja, aber der ist verstorben. Er war Anfang 40 und mein Zimmergenosse. Als er nach seiner Knochenmarkspende in Quarantäne ging, hat er gesagt: ,Wir sehen uns auf der anderen Seite‘. Damit hatte er die Zeit nach der Quarantäne gemeint. Doch danach habe ich ihn nicht wieder gesehen. Das hat an mir genagt.

Wie war es für dich während deiner Quarantäne?
Mein Immunsystem war auf Null. Wegen der Ansteckungsgefahr konnte ich nicht an die frische Luft, hatte keinen Kontakt mit Menschen. Vorher war Bewegung mein Ventil, dort habe ich auf zehn Quadratmetern höchstens 30 Schritte am Tag gemacht.

Was war der schwierigste Moment?
Ziel ist es, dass das gespendete Knochenmark anwächst und Leukozyten produziert. Während der Quarantäne ging deren Wert zunächst hoch, doch dann wieder runter. Da haben auch die Ärzte gemerkt, dass mein Optimismus weg ist. Meiner Oma habe ich gesagt: ,Ich glaube, ich schaffe das nicht‘.

Hast du zu dem Zeitpunkt an den Tod gedacht?
Ja. Ich war mit mir im Reinen und dachte: ,Okay, dann bleibe ich hier‘.

Wodurch ging es bergauf?
Die Ärzte haben erlaubt, dass meine Freunde mich besuchen. Das hat mich motiviert. Und ich habe ein Hormon gespritzt bekommen, das die Leukozytenproduktion angekurbelt hat. Kurz danach konnte ich nach Hause.

Wie war es, als du nach Hause gekommen bist?
Ich lag zunächst nur auf dem Sofa und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich konnte nicht in meinem Bett schlafen, weil das viel größer als das Bett im Krankenhaus war. Ich war total orientierungslos und hatte nichts mehr. Im Krankenhaus habe ich mir immer Beschäftigung gesucht. Ins Leben zurückzukommen, war schwer. Aber ich war natürlich auch froh.

Wie ging es dann weiter?
Anfang April 2016 habe ich mir dann Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Studieren oder Ausbildung. Zurück zu meinem Studium nach Lübeck konnte ich nicht, obwohl ich lange mit mir gerungen habe. An Politik war ich schon immer interessiert. Deswegen habe ich mich entschieden, Politikwissenschaft an der Hochschule Bremen zu studieren.

Du hast per Internet immer öffentlich über deine Erkrankung gesprochen. Warum?
Ich habe schon vorher bei Instagramm viel zu Fitness gemacht. Dann habe ich einfach den Krankenhaus-Alltag gezeigt. Ich wollte darüber sprechen und habe von anderen Erkrankten viele Nachrichten bekommen, dass ich sie dadurch motiviere. Ich würde es wieder machen.

Waren alle Reaktionen positiv?
Es gab auch Unverständnis daran, dass ich das so breit getreten habe und immer noch was mache. Viel zu berichten habe ich ja jetzt auch nicht mehr. Aber ich treffe mich immer noch mit Erkrankten.

Was nimmst du aus der Zeit deiner Erkrankung mit?
Das klingt blöd, aber ich bin auch froh über die Zeit. Sie hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Die Krankheit ist ein Teil von mir und hat mir geholfen, mich selbst zu finden. Ich freue mich immer, wenn ich zum Blutabnehmen auf die Station komme. Die Schwestern und Ärzte haben mich lange begleitet.

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