Friedo Stucke sinniert in seinem Monodrama „Zweite Halbzeit“ über die eigene Vergänglichkeit

Individuelles Scheitern – und neue Chancen

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Polarisierte durchaus: Friedo Stucke.

Gross  Ippener - Plötzlich ist sie da – die Gewissheit, dass der Tod unaufhaltbar näher rückt. Mit dem Wissen um die eigene schrumpfende Fitness, die beginnende Senilität und die Vergänglichkeit kommen die bohrenden Fragen nach verpassten Gelegenheiten, falschen Entscheidungen, aufgeladener Schuld sowie der Wunsch, einmal die „Reset“-Taste zu betätigen, um „alles Verkorkste“ wegzudrücken und von vorn beginnen zu können.

Den Übergang in die zweite Lebenshälfte zwischen Erkenntnis und Lebenslüge, Aufbruchstimmung und Resignation persiflierte am Sonntagnachmittag der Schauspieler, Autor und Regisseur Friedo Stucke aus Bremerhaven vor rund 20 Zuhörern im Skulpturenpark von Franz Robert Czieslik in Groß Ippener.

Zunächst schlüpfte er im Verlauf seines zweiteiligen Monodramas „Nächste Halbzeit“ in die Rolle eines Dozenten, der einst angeblich mit gefragten Managerseminaren gut verdient hat, heute aber gleichwohl weiterhin arbeiten muss, weil er die Rente noch „nicht voll“ hat. Die Zuschauer avancierten ungewollt zu Kursteilnehmern, die er in „aktivem Vergessen“ schulte. Zum Nachhören pries er den Workshop auf CD an – für 42,80 Euro das Stück. Die trüben Gedanken und unschönen Erinnerungen zusammen mit einem nicht mehr benötigten Gegenstand aus dem persönlichen Besitzballast einfach „in die Lüfte davonfliegen“ zu lassen, propagierte er theatralisch – und unterbrach seinen Redeschwall kurz: „Entschuldigung, ich muss meine Medizin nehmen.“ Schnell offenbarte sich: Diese gescheiterte Existenz überspielt ihre Lebenslüge mit großspurigem Gehabe.

Stucke will Gedanken anstoßen

„Der zweite Typ, den ich verkörpere, weiß eigentlich, dass er keine Chance mehr hat, aber ihm gelingt es dennoch, den Spieß umzudrehen – mit einer guten Idee“, verriet Stucke am Rande der Aufführung. Er wolle Gedankenanstöße geben, und – ja, er selbst denke natürlich mittlerweile, als 56-Jähriger, auch vermehrt über die „nächste Halbzeit“, Tod und Vergänglichkeit nach.

Sein eigener Lebensweg ist kein geradliniger gewesen. Stucke erlernte ursprünglich den Dachdeckerberuf, ging als Geselle sechs Jahre lang auf Wanderschaft, machte seinen Meister und führte sogar einen eigenen Betrieb. Irgendwann fing er mit dem Theater an – obgleich „eigentlich schon zu alt dafür“. Nach kleineren Rollen am Stadttheater in Bremerhaven absolvierte er eine Ausbildung mit jeweils vier- bis sechswöchigen Blockunterrichtsphasen in Rom und Los Angeles, die sich über 14 Jahre hinzog. Zwischendurch habe er immer wieder Geld verdienen müssen. Mittlerweile geht der Bremerhavener mit Stücken aus eigener Feder auf Tour. „Tucholsky reloaded“ heißt sein zweites aktuelles Programm, das im Rahmen von Kabarett-Dinner-Events zu sehen ist.

„Friedo hat ein Gespür für besondere Auftrittsorte“, bescheinigten ihm Bekannte, die in den Skulpturenpark gekommen waren und das Ambiente dort sehr genossen.

Die „Nächste Halbzeit“ kam zwar an, aber nicht bei allen. Stucke polarisierte durchaus. Ein Paar ging schon in der Pause, weil es sich „etwas mehr Ironie und Witz“ von dem Monodrama versprochen hatte.

boh

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