SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Teil vier: Schlüsselerlebnis wirkt lange nach

In der alten Heimat ist nichts mehr, wie es war

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Sürstedt/Bartenstein – Weil die russischen Machthaber ihnen nicht gestatten, über Danzig nach Elbing vorzudringen, müssen Siegfried Ewert, vier seiner Geschwister und die Mutter eine andere – südliche – Route nehmen. Sie kehren nach Monaten zurück in ihre ostpreußische Heimat Bartenstein, die sie im Januar 1945 verlassen haben, um der Roten Armee zu entkommen. Zuvor aber hinterlässt ein Schlüsselerlebnis bei Siegfried Ewert tiefe Spuren: Zwischen Saalfeld und Mohrungen macht der damals Elfjährige schlapp. Seine geschwächte, desillusionierte Mutter will – seinen später notierten Schilderungen zufolge – den Anschluss an die Flüchtlingsgruppe nicht verlieren und lässt ihn, einen ihrer eigenen Söhne, zurück mit den Worten: „Du musst nachkommen.“ Siegfried nickt erschöpft ein. Als er erwacht, blickt er auf ein Pferd. Darauf sitzt ein russischer Soldat. Der spricht den Jungen an, zieht ihn sodann auf das Ross und galoppiert in jene Richtung, in die zuvor die Flüchtlingsgruppe mit Siegfrieds Mutter und deren anderen Kindern entschwunden ist. Zwischendurch „füttert“ der Soldat den Elfjährigen mit Schokolade. Dank seiner Hilfe findet Siegfried ein Dorf weiter wieder Anschluss an seine Angehörigen, aber die traumatische Erfahrung des „Zurückgelassenen“ wirkt in seinem weiteren Leben nach. Lange nach der Fluchtgeschichte seiner Familie, die 1948 in Sürstedt bei Groß Köhren auf dem Hof Rohlfs endet, macht er sich die Mühe, den „Weg unserer Odyssee“ auf einer Landkarte nachzuvollziehen. Er kommt auf unter 400 Kilometer zurückgelegter Strecke und stellt überrascht fest: Der Tagesschnitt muss bei weniger als zehn Kilometern gelegen haben. „Trotzdem müssen wir bei unserer Ankunft in Bartenstein erbärmlich ausgesehen haben. So ergreifend und geschwächt, dass sich später die Russen unserer annahmen“, notiert Siegfried Ewert.

Wie aus seinen Aufzeichnungen weiter hervorgeht, bekommen die Ewerts ein Quartier nahe dem Scheunenviertel in der Stadt zugewiesen. Sie treffen auf andere – wenige – Rückkehrer. Von den vormals 11 268 Einwohnern seien im Juni 1945 nur noch etwa hundert Deutsche übrig geblieben, verteilt auf drei Mietshäuser, schildert Siegfried Ewert. Auch überraschend wenige Russen bevölkern Bartenstein. „Gut für uns“, kommentiert dies der damals Elfjährige.

Ansonsten ist aber rein gar nichts mehr gut in der früheren Heimat. Geschäfte liegen in Trümmern. Keine Elektrizität, keine Wasser- und Lebensmittelversorgung, kein Geld: Die entbehrungsreiche, qualvolle Zeit hat die Familie Ewert offenkundig noch lange nicht ausgestanden.  boh

Fortsetzung folgt.

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