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Beschwerden, die Zweifel nähren

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Aus der näheren und weiteren Umgebung zog es Männer und Frauen, die sich als Impfopfer sehen, zum Treffen der neuen Selbsthilfegruppe. Etwa die Hälfte war bereit, sich von der Presse fotografieren zu lassen.
Aus der näheren und weiteren Umgebung zog es Männer und Frauen, die sich als Impfopfer sehen, zum Treffen der neuen Selbsthilfegruppe. Etwa die Hälfte war bereit, sich von der Presse fotografieren zu lassen. © Bohlken

Harpstedt – Von bundesweit 1 .372 Anträgen auf Versorgungsleistungen im Zusammenhang mit Nebenwirkungen der Impfung gegen Corona sind bis Mitte Januar gerade mal 63 entschieden gewesen. 42 wurden abgelehnt, 21 bewilligt. Um überhaupt die Chance auf eine finanzielle Entschädigung zu wahren, sei es nötig, den „Impfschaden“ binnen eines Jahres dem Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie zu melden, betonte Nicol Schotmann aus Dünsen am Dienstagnachmittag in der Harpstedter Delmeschule.

Dort gab es ein erstes Treffen einer neuen „Impfopfer“-Selbsthilfegruppe, das 20 Frauen und Männer aus der näheren und weiteren Umgebung, sogar aus Oldenburg, mobilisierte. Schlotmann erwähnte einen Verein, der Hilfestellung gebe. Darüber soll die Gruppe künftig aus dem Mund einer Referentin mehr erfahren.

Das eigentliche Problem sei es, einen „Impfschaden“ attestiert zu bekommen, hieß es aus der Runde. „Ich bin erst durch die Zeitungsberichte über eure Symptome darauf gekommen, dass die Probleme, die ich mit meinem Bewegungsapparat habe, mit der Impfung gegen Corona in Verbindung stehen könnten“, sagte eine Frau zu den beiden Initiatorinnen der Gruppe, Nicol Schlotmann und Hannelore Niemann.

Für das nächste Treffen habe sich ein Homöopath als Referent angeboten; er habe impfgeschädigte Patienten und wolle zu diesem Thema sprechen, erläuterte Niemann. Impfnebenwirkungen müssten auch dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet werden, aber viele Ärzte scheuten den bürokratischen Aufwand, machte die Harpstedterin deutlich.

Ob die Selbsthilfegruppe vom Austausch profitiert, wird sich zeigen. Das Thema Impfen ist komplex und ein zeitlicher Zusammenhang von Beschwerden und Impftermin noch lange kein erwiesener „Impfschaden“. Den Betroffenen geht es indes auch darum, sich mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen und gegebenenfalls an der Seite weiterer „Geschädigter“ auf Demonstrationen auf sich aufmerksam zu machen.

Die Folgeerscheinungen der Impfung gegen Corona, von denen sie erzählen können, reichen von leichten bis dauerhaft schweren Symptomen.

Otto Duesmann plagt nach eigenem Bekunden ein vorher so nie gekannter Hustenreiz. Gelegentlich komme ein leichter Schmerz an der Lunge hinzu. Linderung verschafft sich der Bookholzberger durch Inhalieren von Wasserdampf, wobei er dem Wasser Meersalz zusetzt.

Die Orthoptistin meinte, dass sich das Augenleiden nach einem Jahr legen würde. Wenn nicht, gäbe es die Möglichkeit einer Operation.

Hans-Joachim Ratzke

Wie Nicol Schlotmann leidet auch Hans-Joachim Ratzke aus Fahrenhorst unter Sehstörungen. Sechs Wochen nach der ersten Impfung vom 23. Juni mit „Johnson & Johnson“ habe er plötzlich geschielt. „Das war eine irre Angelegenheit. Autofahren ging nicht mehr. Ich habe zwei Straßen gesehen, wo nur eine war“, erinnert sich der 68-Jährige.

Von den Ärzten fühlte er sich zunächst „hin und her gereicht“. Nach einer Überweisung an das Klinikum Bremen-Mitte untersuchte ihn in der Augenambulanz eine Orthoptistin und diagnostizierte eine Abduzensparese. Der Schielwinkel sei als Folge der Lähmung des linken Augenmuskels damals derart groß gewesen, „dass es dafür keinen Prismenausgleich gab“, sagt Ratzke. Als erste Maßnahme sei das linke Auge mit einer Okklusionsfolie abgedeckt worden. „Die Orthoptistin meinte, dass sich das Augenleiden nach einem Jahr legen würde. Wenn nicht, gäbe es die Möglichkeit einer Operation“, berichtet der Fahrenhorster.

Die Medikation seiner Blutwerte sei neu angepasst worden. Zeitgleich habe er eine Diät begonnen und die Ernährungsumstellung mit ausgedehnten Spaziergängen kombiniert. Bei Optiker Pestrup in Harpstedt sei erstmals eine Schielwinkel-Messung erfolgt. Dort habe man auch mit pfiffigen Mitteln geholfen. Eine Prismen-Folie habe den Zweck erfüllt, den zwischenzeitlich bereits kleiner gewordenen Schielwinkel auszugleichen. Im weiteren Verlauf ließ sich Ratzke nacheinander eine angepasste Bildschirmbrille sowie eine Gleitsichtbrille mit in die Gläser eingearbeiteten Prismen anfertigen. Für Schielwinkelmessungen baute er sich sogar selbst ein Messgerät. Mit der Prismenbrille konnte er sich immerhin wieder ans Lenkrad setzen. „Ich hatte das Gefühl, als hätte sich durch das nun entspanntere Sehen der verbliebene Schielwinkel weiter zurückgebildet. Dem war aber leider nicht so“, bedauert der 68-Jährige. Zur Ursache seines Leidens hat er bislang nichts Erhellendes aus ärztlichem Munde gehört. Die Orthoptistin im Klinikum Bremen-Mitte habe nur bemerkt: „Jetzt hat es Sie mal erwischt.“

Fünf andere Fälle ähnlich gelagerter Sehstörungen allein in Harpstedt seien ihm bekannt, sagt der Fahrenhorster; ein weiterer Betroffener aus Oyten habe Kontakt zu ihm aufgenommen in der Absicht, „sich mit mir auszutauschen“.

Gespaltenes Verhältnis zu Impfstoffen

Ratzke weiter: „Ein Kollege von mir war wegen eines Tinnitus beim HNO-Arzt.“ Der habe gleich nach der Impfung gefragt und vermutet, dass als Impfnebenwirkung der Nervus vagus (der zehnte Hirnnerv) angegriffen sei.

Die Unbedenklichkeitsbekundungen des Paul-Ehrlich-Instituts kommen dem Fahrenhorster inzwischen eher suspekt vor. Seine Auffrischungsimpfung hatte er sich gleichwohl noch „abgeholt“: Am 11. November bekam er den Biontech-Impfstoff injiziert. Sein Körper habe darauf mit „Schmerzen in beiden Beinen und geschwollenen Füßen“ reagiert.

Sein heutiges Verhältnis zu den Impfstoffen nennt Hans-Joachim Ratzke „gespalten“. Mit dem Gedanken, sich „alle 90 Tage mit irgendwelchem Zeugs vollpumpen zu lassen“, könne er sich schon gar nicht anfreunden.

• Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen und Impfkomplikationen fasst das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Website zusammen unter https://www.pei.de/DE/newsroom/dossier/coronavirus/sicherheitsbericht-covid-19-impfstoffe-aktuell.html.

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