SERIENSTART Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Aus den Kindheitserinnerungen von Siegfried Ewert

„Im Norden sahen wir hell und rot den Himmel brennen“

Vor den herannahenden Truppen der Roten Armee flohen im Winter 1944/45 große Teile der ostpreußischen Bevölkerung aus dem Samland und der Königsberger Umgebung über das zugefrorene Frische Haff in Richtung Danzig.
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Vor den herannahenden Truppen der Roten Armee flohen im Winter 1944/45 große Teile der ostpreußischen Bevölkerung aus dem Samland und der Königsberger Umgebung über das zugefrorene Frische Haff in Richtung Danzig.

Sürstedt/Bartenstein – Im Januar 1945 ließ die Familie Ewert die alte Heimat Bartenstein in Ostpreußen hinter sich und flüchtete vor der Roten Armee. Was folgte, war eine entbehrungsreiche Odyssee, die erst 1948 auf dem Hof Rohlfs in Sürstedt bei Groß Köhren endete. Siegfried Ewert hat die Flucht als Kind miterlebt und die Erinnerungen daran später niedergeschrieben. Er lebt nicht mehr. Seine Schwester Gisela Langhorst, geb. Ewert, aus Harpstedt, ebenfalls eine Zeitzeugin, hat unserer Zeitung das Manuskript ihres Bruders überlassen. Die sehr lebendig geschriebenen „Memoiren“ reichen bis in die Anfänge der NS-Diktatur zurück. In einer längeren Serie veröffentlichen Kreiszeitung und Wildeshauser Zeitung von heute an Auszüge daraus – wider das Vergessen.

Zunächst erfährt der Leser etwas über die familiären Verhältnisse. Das Jahr 1933 war gerade mal elf Tage vorüber, als der Autor als siebtes Kind der Eheleute Fritz und Lina Ewert zur Welt kam. In Huldigung des Führers gaben die Eltern ihm einen zweiten Vornamen: Adolf. Seinem „Patenonkel“ winkte er später mit einer Papierfahne zu – damals nicht ahnend, in welches Elend der Diktator ihn und seine Angehörigen stürzen würde.

In der ostpreußischen Kreisstadt Bartenstein betrieb sein Vater Fritz eine kleine Schuhmacherei. Siegfried sollte nicht der letzte Spross bleiben. Er bekam mit Gisela noch eine Schwester und mit Manfred Erich einen weiteren Bruder.

Mit dem Erstarken der NSDAP ließ das Familienoberhaupt seine Vergangenheit als Genosse in der SPD hinter sich und wurde Nationalsozialist. 1939 erwarben seine Frau und er ein kleines Häuschen am Bartensteiner Stadtrand – in der „Hindenburgsiedlung“. Drei der Brüder von Siegfried Ewert machten in der Hitlerjugend mit. Einer lebte bei der Großmutter auf ihrem Hof in Prauerschitten, einem etwa zehn Kilometer von Bartenstein entfernten Dorf. Der Opa des Ich-Erzählers war verstorben, und der jüngste Sohn der Oma fiel gleich in den ersten Kriegstagen beim Überfall der Deutschen auf Polen.

Die Schule erlebte der 1940 eingeschulte Siegfried Ewert als Martyrium. Die „Unart“, mit links zu schreiben, sei ihm gnadenlos ausgetrieben worden – von seiner Lehrerin (mit „Parteiabzeichen“), die ihn offenbar nicht ausstehen konnte, zumal er mit seinem rötlichen Haar und den Sommersprossen nicht ihrem Weltbild von einem deutschen Jungen entsprochen habe: „Als sie mir in einer Singstunde wieder einmal mit dem Stock auf die Fingerspitzen schlug, schrie ich sie weinend an: ,Du Sau!"“, schildert Ewert. Seine schulischen Leistungen seien wohl eher niederschmetternd gewesen. Als er – „wie vorgesehen“ – nicht versetzt worden sei, habe es geheißen: „Der erste von den Ewerts, der sitzen geblieben ist!“

Im Krieg sei sein Vater, ein aufrichtiger, preußisch korrekt auftretender Mann, der sich immer um seine Kinder gesorgt habe, als Handwerksmeister „in der Kaserne unserer Stadt“ dienstverpflichtet worden.

Siegfried Ewert fühlte sich wie der „Prügelknabe“ der Familie, dem nur ein Bruder, Gerhard, häufiger Hilfe und Trost spendete. Auf dem Hof der Großmutter fühlte er sich wohler als im eigenen Elternhaus. Die Oma blieb ihm als „resolut“, aber zugleich „absolut gerecht und sehr warmherzig“ im Gedächtnis. „Sie bemerkte früh, dass ich mich gerne vor dem Dienst im Jungvolk drückte. Von da an hatte ich bei ihr einen Stein im Brett.“ Gleich drei Brüder des Erzählers meldeten sich ab 1941 freiwillig zur Kriegsmarine: Willi und Gerhard kamen zur „U-Boot-Waffe“. Fritz junior, der es nach vorzeitig abgelegter Verwaltungsprüfung im Landratsamt hätte zu etwas bringen können, habe sich noch zur Jahreswende 1944/45 auf „sein Kommando“ auf dem Schulschiff „Horst Wessel“ gefreut – und seinen Arbeitsplatz hinter sich gelassen. Das wiederum brachte die Großmutter auf die Palme: „Der Krieg ist längst verloren. Sind denn hier alle verrückt geworden?“, soll sie geschimpft haben.

Von Fliegerangriffen blieb die Familie verschont. Aber dass der Feind vorrückte, war schon Ende 1944 nicht mehr zu übersehen, als die ersten Flüchtlinge auch durch Bartenstein zogen.

Am Abend seines elften Geburtstages, am 11. Januar 1945, kündigte sich für Siegfried Ewert das kommende Unheil an: „Es war eine klare, kalte Winternacht“, erinnert er sich. „Im Norden sahen wir hell und rot den Himmel brennen – Königsberg! Damals ging unsere schöne Hauptstadt unter.“  boh

Fortsetzung folgt.

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