Idealist auf Friedenstour: Fernsehen dokumentiert Jens Fröhlkes „Lebenslauf“ / 365 Tage ohne Geld durch Deutschland

Nur mal kurz die Welt retten

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Einfach aufstehen und losgehen will Jens Fröhlke. Während seines „Lebenslaufs“ verzichtet er auf die Freuden des Konsums.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Aufstehen, losgehen, die Welt verändern, sie mit anderen zusammen „retten“. Wie das gelingen soll? Jens Fröhlke hat „keinen Schimmer“. Für den Harpstedter ist der Weg das Ziel, und der soll ihn 365 Tage per pedes unter bewusstem Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Konsums durch Deutschland führen. Kommende Woche startet die „Friedenstour“ des 53-Jährigen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen dokumentiert sie. Die Ausstrahlung ist für 2016 avisiert.

Am Mittwoch rückte ein Filmteam bei Fröhlke an, um erste Szenen zu drehen. Ohne Geld will der Buchhändler seinen „Lebenslauf“ für eine „lebenswerte Welt“ bestreiten. Zumindest ohne eigenes. Mittels Crowdfunding, zuweilen „Schwarmfinanzierung“ genannt, hat er via Internet bis dato über 50 Sponsoren gewinnen können. Sein Weg wird kein leichter sein, vor allem aber kein leiser: Fröhlke will auf Marktplätzen, vor Rathäusern und Regierungsgebäuden seine Stimme erheben und anregende, aufwühlende, bewegende Texte lesen – auch solche, die Sympathisanten ihm mitgeben. Das Anliegen des Harpstedters ist politischer Natur. „Schon jetzt haben wir die fortschreitende Zerstörung unseres Lebensraums nicht mehr im Griff“, weiß er. Mit seinem „Lebenslauf“ begehrt er auf gegen die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Er bleibt dabei ein Suchender, den die Frage nach Modellen alternativer Gesellschaftsformen umtreibt. Fröhlke will herausfinden, ob es Arten des Zusammenlebens gibt, die den Kindern und nachfolgenden Generationen eine sorglose(re) Zukunft verheißen. Er erhofft sich, unterwegs Menschen zu treffen, denen ebenfalls daran liegt, die Welt gemeinschaftlich zu einem Ort des Friedens zu gestalten – Menschen mit Ideen. Visionäre.

Wenn Fröhlke sieht, wie wenige Mächtige die Welt auf Kosten der Bevölkerung und nachfolgender Generationen in Besorgnis erregender Weise verändern, beschleicht ihn ein Gefühl der Ohnmacht, gepaart mit Wut und Zorn – und zwar schon seit seiner Jugend. Irgendwann, da ist er sich sicher, werde die Frage seiner Kinder kommen, warum er denn selbst nichts unternommen habe gegen die Verrohung, gegen die Machtspiele der Mächtigen, gegen die Zerstörung der Lebensräume, gegen das Sterben von Kindern „als Folge unseres Wohlstandes“, gegen die Entwürdigung riesiger Teile der Weltbevölkerung. Und damit käme dann womöglich auch die Situation, „dass ich keine Antwort darauf geben könnte“. Fröhlke hat, wie er in einem Interview bekundet, begriffen, dass er aufstehen, einen Weg finden und einen Beitrag leisten müsse, um „diesen Planeten zu erhalten“ und „ihn wieder zu dem zu machen, was er sein sollte“. Sein „Lebenslauf“ folgt keinem stringentem Plan. Fröhlke will sich – so weit möglich – „treiben lassen“. Er freue sich über jeden angebotenen Schlafplatz und jede angebotene Mahlzeit, sagt er in dem Crowdfunding-Film, den sein Sohn Yaro gedreht hat.

Viel mitnehmen kann er nicht in seinem Rucksack. Nur so viel, wer er zu tragen imstande ist. Bei allem Verzicht auf Konsum macht er zumindest in Sachen Körperhygiene keine Abstriche. Der Rasierer seines Vaters, „der sein erster war und auch mein erster“, gehöre auf jeden Fall ins Gepäck. In seinem Reiseblog hält Jens Fröhlke alle Unterstützer und sonstigen Interessenten über seine Friedenstour auf dem Laufenden – über „entdeckte Gemeinschaften, Organisationen und Projekte“, auch über „Lebens- und Arbeitsmodelle, in denen sich Menschen mit lebenswerten und -erhaltenden Systemen beschäftigen“.

Ob es der idealistische Buchhändler tatsächlich schafft, die 365 Tage durchzustehen, weiß er selbst nicht. Versuch macht klug. Einen vorzeitigen Abbruch der Friedenstour, die als „Bewegungslesung“ konzipiert ist, kann der Harpstedter nicht ausschließen.

Die Crowdfunding-Finanzierung dient ihm nicht zuletzt dazu, seiner Familie während der Zeit seines „Lebenslaufes“ ein Stück weit Versorgungssicherheit zu geben.

Weitere Unterstützer können sich noch mit Spendenbeträgen beteiligen. Näheres dazu im Internet.

www.visionbakery.com/

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