RESÜMEE ZUR SERIE: Ruth Browns Fluchtgeschichte findet ein positives Echo

„Ich habe beim Lesen oft geweint“

Ruth Browns jüngste Schwester Hildegard bei einem etwa zehn Jahre zurückliegenden Besuch in Dötlingen-Vossberg, wo Gottfried Ostersehlt (rechts) zuletzt wohnte.
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Ruth Browns jüngste Schwester Hildegard bei einem etwa zehn Jahre zurückliegenden Besuch in Dötlingen-Vossberg, wo Gottfried Ostersehlt (rechts) zuletzt wohnte.

Colnrade/Breslau/Harpstedt – Die als Serie in unserer Zeitung veröffentlichte Flucht- und Nachkriegsgeschichte von Ruth Brown, geb. Heinrich, aus Breslau mit Happy End in Colnrade hat Anneliese Hartmann tief bewegt.

„Ich musste beim Lesen oft weinen“, gesteht die 83-Jährige, die bis Ende der 1990er-Jahre mit ihrem Mann Hubert einen Frisiersalon in Harpstedt betrieb. Die Ruheständlerin hat etliche Parallelen zu ihrer eigenen Biografie entdeckt – und Schilderungen, die sie berührten. Auch sie floh mit ihren Angehörigen aus Schlesien; auch sie ging nach dem Kriegsende zurück in die frühere Heimat, wo fortan neue Machthaber das Sagen hatten. Zeitweise wohnte sie mit ihrer Mutter im Hause der Großeltern – unter einem Dach mit polnischen Landsleuten. Die Familienzusammenführung mit ihrem Vater Herbert Mainka, der während des Krieges an der Seite seines Kameraden Alfred Dräger aus Harpstedt in Norwegen Dienst an der Waffe leisten musste, rückte ebenfalls wieder ins Bewusstsein, als sie Ruth Browns Nachkriegserlebnisse las.

„Ich komme aus Liegnitz in Niederschlesien. Geflüchtet bin ich als Kind mit meiner Mutter und meinen Großeltern. Nach dem Krieg glaubten wir, in der alten Heimat sei die Welt wieder in Ordnung. Das war aber ja keineswegs so“, denkt Anneliese Hartmann an die Rückkehr ins großelterliche Haus in Hirschberg zurück. Später verschlug es sie und ihre Mutter nach Staßfurt nahe Bernburg an der Saale, also in die sowjetische Besatzungszone. Der Suchdienst des Roten Kreuzes fand dann heraus, dass ihr Vater mittlerweile in Harpstedt wohnte. „Meine Mutter und ich hatten ihn gesucht – und er uns. Wir wollten ihn zu seinem Geburtstag mit unserem Besuch überraschen. Wir gingen ,schwarz’ über die Grenze, konnten aber nicht in Harpstedt bleiben. Wir mussten wieder zurück, weil wir eine Zuzugsgenehmigung benötigten. Bei Bad Harzburg an der Grenze haben sie uns dann geschnappt und eine Nacht lang eingebunkert“, erinnert sich die Seniorin. Letztlich gelang es, das für die Familienzusammenführung so wichtige Schriftstück zu besorgen.

Concordia-Versicherungsagenturinhaber Gerold Lindemann hatte Anneliese Hartmann, deren Räume an der Burgstraße in Harpstedt er als Mieter geschäftlich nutzt, das von Ruth Brown verfasste und von Claudia Ostersehlt-Janssen aus Dötlingen-Vossberg ins Deutsche übersetzte Manuskript überlassen. Das große Interesse an diesen „Nachkriegsmemoiren“ entging ihm nicht. Unsere Zeitung bekam derweil Anfragen, ob ein Verlag die Fluchtgeschichte als Buch publiziert habe. Leider ist das nicht der Fall. Dabei böte der Inhalt sogar genügend Stoff für einen spannenden Film.

Ruth Brown, die Verfasserin, lebt noch. Sie ist fast Mitte 90 und verwitwet. Ihr englischer Nachname geht zurück auf die Heirat des britischen Besatzungssoldaten Laurie Brown (1947), der schon in ihrem Manuskript Erwähnung findet. Die Ehe soll nicht glücklich gewesen sein. Ruth sei wohl zu gutherzig und zu weich gewesen, um sich scheiden zu lassen, vermutet Claudia Ostersehlt-Janssen. Ihr eigener Vater Gottfried Ostersehlt galt nach dem Krieg in Colnrade als begehrter Junggeselle. Ruth Brown, die damals noch Ruth Heinrich hieß, fühlte sich zu ihm hingezogen. „Und er sich zu ihr. Sie waren zeitweise ein Paar“, weiß Gerold Lindemann, der wiederum von Gottfried Ostersehlt († 12. April 2018) die Concordia-Versicherungsagentur übernommen hatte. Claudia Ostersehlt-Janssen hob zahlreiche Briefe an ihren Vater auf, die Ruth noch lange Jahre aus England schickte. Daraus sprach tiefe Zuneigung. Das einstige Liebespaar traf sich persönlich nie wieder, pflegte aber im Alter einen regen E-Mail-Kontakt.

Zwei ihrer Schwestern leben noch

Heute wird die im britischen Halifax lebende Ruth Brown wegen fortgeschrittener Demenz gepflegt. Claudia Ostersehlt-Janssen und ihr Mann Hinrich haben die Seniorin insgesamt dreimal besucht – und so auch Einblicke in ihre Familiengeschichte gewonnen. Ruth Browns Sohn Steven arbeitet in Südafrika als Produktmanager in der Textilindustrie. Kevin, den zweiten Sohn, soll es nach Kaiserslautern verschlagen haben. Anita Skinner, Ruths Tochter, ist im Raum Yorkshire beheimatet, verheiratet und zweifache Mutter. „Mit ihr bin ich befreundet. Wir tauschen uns regelmäßig per E-Mail aus“, erzählt Claudia Ostersehlt-Janssen. Ruths Bruder Arnim sei an Krebs verstorben. Schwester Jutta sei Ruth indes nach England gefolgt. Sie habe dort geheiratet und zwei „wohlgeratene Söhne“ großgezogen.

Kontakte pflegt Claudia Ostersehlt-Janssen außerdem ins Rheinland – zu Ruths jüngster Schwester Hildegard. Inge, die Älteste, sei indes von allen Geschwistern am längsten in Colnrade und Umgebung geblieben. Sie habe dort sogar ihren Jugendfreund aus Breslau geheiratet, „der sie tatsächlich in Colnrade fand“, und auch dort ihr erstes Kind bekommen.

„Inge ist vor ein paar Jahren in einem hohen Alter in einem Heim in der Nähe ihrer Schwester Hildegard verstorben“, berichtet Claudia Ostersehlt-Janssen. An diese älteste Tochter der Heinrichs könne sich übrigens jene ehemalige Colnrader Familie, bei der sie zuletzt wohnte, noch heute erinnern.

Übrigens: Claudia Ostersehlt-Janssen ist bereit, die von Ruth Brown, geb. Heinrich, auf 69 Seiten geschilderten Flucht- und Nachkriegserlebnisse Interessierten zur Verfügung zu stellen – gegen einen Obolus. Sie hat die Möglichkeit, das Manuskript ausdrucken zu lassen und die Seiten in Ringbuchform zu binden (in Ausnahmefällen würde sie auch mal ein Exemplar verschenken). Eine Tierärztin hat diese Chance bereits genutzt. „Sie ist glücklich mit dieser Version, die sie ihrem Vater zum Geburtstag schenken wollte“, berichtet Claudia Ostersehlt-Janssen. „Ich habe meistens zwei oder drei Exemplare vorrätig“, sagt sie. Interessierte melden sich per Mail an claudia. janssen@ewetel.net.

Von Jürgen Bohlken

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