Junge Eltern geben eigenes Baby zu Angehörigen

Hund bringt nach Beißattacke ein Paar in Not

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Die Wunden am Kinn und an der Lippe mussten in der Notaufnahme genäht werden.

Dünsen - Von Jürgen Bohlken. In großen Nöten stecken seit sechs Tagen Christina P.* und ihr Partner Lukas L.*. Die jungen Eltern aus Dünsen waren überstürzt und unüberlegt „auf den Hund gekommen“.

Nachdem der kleine, eigentlich putzig anmutende Mischlingsrüde Cäsar*, den sie auf Probe in ihre Obhut nahmen und anfangs zu kaufen beabsichtigten, Monique Rothenhöfer, einer Bekannten aus Dünsen, schwere Bissverletzungen im Gesicht zugefügt hatte, stand für die Halter fest: „Das Tier ist eine Gefahr für unser Baby.“ Die Vorbesitzerin will den Rüden aber nicht zurück. Die jungen Eltern fühlen sich regelrecht übers Ohr gehauen. Um ihr Baby kümmern sich aktuell notgedrungen Angehörige, während Cäsar gegen ihren Willen noch bei ihnen wohnt.

Dabei wäre das durchaus vermeidbar gewesen, wenn Christina P. stumpf gelogen und einfach behauptet hätte, der Hund sei ihr zugelaufen. Dann wäre der Rüde als Fundhund eingestuft worden – und das Tierheim in Bergedorf hätte sich seiner annehmen müssen. Die Wahrheit hat indes in diesem Fall nur Schwierigkeiten bereitet.

Dschungel der Zuständigkeiten

Monique Rothenhöfer, das Opfer der Beißattacke, erhebt keinerlei Ansprüche auf Schmerzensgeld. Sie will dem jungen Paar nicht zusätzlich schaden, sondern stattdessen helfen; sie telefoniert in einer Tour mit Tierheimen in der ganzen Region, Polizeidienststellen und Behörden, von denen sie sich Hilfe erhofft. Bislang ohne Erfolg. Die jungen Eltern sind todunglücklich, weil ihr Baby nicht bei ihnen sein kann. Die Tierheime, auch Bergedorf, wollten Cäsar nicht nehmen. Sie hätten keinen Platz für ihn; er sei ja kein Fundtier und obendrein ein Problemhund – so die Begründung laut Monique Rothenhöfer.

Es scheint, als gäbe es nur eine rein theoretische, weil ungesetzliche und daher nicht in Betracht kommende Option, aus der verfahrenen Lage herauszukommen: Cäsar auszusetzen und ihn seinem Schicksal zu überlassen, hätte Christina P. nach eigenem Bekunden aber nie in Erwägung gezogen und nicht übers Herz gebracht. Beharrlich kämpft sich derweil Monique Rothenhöfer telefonisch durch den Dschungel der Zuständigkeiten. Die Reaktionen, von denen sie berichtet, hätten von „Wir können nichts machen“ bis hin zu Vorwürfen an die Adresse der jungen Eltern gereicht, sie seien doch blauaügig und aus eigenem Verschulden in die Misere gerutscht.

Unsere Zeitung ist selbst Zeuge geworden, wie eine Mitarbeiterin des Kreisveterinäramtes ein Telefonat abrupt abbrach und nicht wieder ranging, als Rothenhöfer gleich darauf erneut bei ihr anrief. Andererseits, so die Dünserin, habe sie auch echtes Bemühen um eine Lösung feststellen können – seitens der Polizei in Wildeshausen, der Samtgemeinde Harpstedt, der Tierärztin Wiebke Miesner und des Tasso e.V.

Verletzt in die Notaufnahme

Der Fall ist verzwickt: Christina P. war durch eine ebay-Annonce auf Cäsar aufmerksam geworden. Die Vorbesitzerin sei vor gut einer Woche mit ihrem Mann, den zwei Kindern und dem Vierbeiner aus Delmenhorst zu ihr gekommen, damit sie sich ein Bild von dem Hund machen konnte. Der erste Eindruck von der Familie sei kein guter gewesen: „Ich habe gesehen, wie die Kinder den Hund geschlagen und auf den Boden gedrückt haben.“ Christina P. erzählt, sie habe auf einen „Probetag“ bestanden – darauf, den Mischling über Nacht zu behalten, um zu sehen, „wie er auf unser Baby reagiert“. 

Die Delmenhorsterin habe eingewilligt, sich dann aber entgegen der Vereinbarung zunächst nicht wieder gemeldet. Geld habe sie für das Tier überraschend nicht haben wollen. Hundekennerin Monique Rothenhöfer begutachtete den Mischling und kam schnell zu der Überzeugung, dass der verängstigte Rüde nicht in die neue Familie passt.

Ein erster Vorfall ließ nichts Gutes ahnen: Cäsar ging auf Percy, einen Rhodesian Ridgeback, los. Der gehört Rothenhöfer. Sie selbst wurde das nächste Opfer: Am Sonntag, so erzählt sie, seien die jungen Eltern mit Kinderwagen und Hund an der Leine spazieren gegangen und bei ihr am Haus vorbeigekommen. Grundlos und unvermittelt soll Cäsar die nur etwa 1,50 Meter große Frau mit einem kräftigen Satz attackiert und sich in der Wange verbissen haben, danach auch in Lippe und Kinn. Sich unter Schmerzen auf eine Stufe setzend, habe sie den Rüden regelrecht von sich wegziehen müssen, berichtet die Geschädigte. Sie habe ihn aber auch nicht loslassen wollen, zumal sonst ihr Percy sie verteidigt hätte, was wiederum dem kleinen Rüden wohl nicht gut bekommen wäre. 

Cäsar soll zusätzlich einige Male in den Arm der Frau geschnappt haben. Die Hämatome sind noch immer zu sehen. Die Blutungen an Lippe und Kinn ließen sich zunächst mit Einweg-Küchentüchern nicht stillen. Die Verletzte kam in die Notaufnahme des Wildeshauser Krankenhauses, wo mit einzelnen Stichen genäht wurde. Das sei, so sagt sie, wegen der Sepsis-Gefahr unüblich, in diesem Fall aber unumgänglich gewesen.

„Vorbesitzerin wollte kein Geld haben“

Christina P. hatte indes urplötzlich jede Menge Probleme am Hals. Für die Behörden gilt sie nun als Halterin – mit allen damit verbundenen Pflichten. Einschläfern lassen kann sie den Hund nicht. Das käme ohnehin nur als letztes Mittel in Betracht, wenn ein gefährlich hohes Aggressionspotenzial offiziell festgestellt wäre (was noch nicht passiert ist). Oder aber, wenn sich der Verdacht einer schweren Erkrankung des Tieres bewahrheiten sollte. Monique Rothenhöfer hat eine auffällige Stelle in Cäsars Bauchbereich bemerkt, die auf eine Geschwulst hindeuten könnte. 

Der Versuch, den Rüden zurück in die Obhut der Vorbesitzerin zu bekommen, erwies sich als Sackgasse. Deren Personaldaten und Adresse über die Hundesteuermarke bei der Stadt Delmenhorst in Erfahrung zu bringen, scheiterte am Datenschutz. Der nächste Strohhalm, an den sich die Halter und Rothenhöfer klammerten: Die Beißattacke wurde zur Anzeige gebracht, damit die Polizei aktiv werden und selbst die Vorbesitzerin ermitteln konnte. Das ist inzwischen geschehen. Obendrein haben sich zwei Beamte ein eigenes Bild von Cäsar gemacht. Laut Christina P. näherten sie sich dem Rüden mit einem Handschuh. Der Hund habe sie nicht gebissen. Die jungen Eltern haben zudem schriftlich ihren Verzicht auf etwaige Eigentumsansprüche an Cäsar erklärt.

„Bei mir hat er nie gebissen“

Als Reaktion auf die erstattete Anzeige meldete sich die Vorbesitzerin vor wenigen Tagen überraschend dann doch. Christina P. stellte sie am Telefon zur Rede: „Sie haben in Ihrem Inserat gelogen! Der Hund ist bissig.“ Die angebliche Erwiderung der Frau: „Bei mir hat er nie gebissen.“ Sie soll aber paradoxerweise auch gesagt haben: „Ich will nie wieder was mit dem Scheißköter zu tun haben.“ Der Aufforderung, den Hund abzuholen, habe sie mit Hinweis auf einen bereits vollzogenen Wohnortwechsel in ein anderes Bundesland nicht nachkommen wollen.

„Die junge Familie ist genötigt, vorerst weiter in Angst zu leben und sich von ihrem eigenen Baby zu trennen, damit sie wenigstens den kleinen Sohn in Sicherheit weiß. Das Kind wird von einer Hand zur anderen gereicht“, fasst Monique Rothenhöfer den ernüchternden Ist-Zustand zusammen – in der Hoffnung auf baldige Hilfe. In seinem neuen Zuhause fühlt sich offenbar auch der Hund nicht wohl. Er jault in einer Tour, wenn das junge Pärchen außer Sichtweite ist.

*) Aus Gründen, die nachvollziehbar erscheinen, hat die Redaktion bewusst die Namen der Halter und des Hundes geändert und obendrein auf die Veröffentlichung eines Fotos des Rüden sowie auf genauere Angaben zu dem Mischling verzichtet.

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