Festsaal-Sanierung in Horstedt mit Schützenbeteiligung

Für den Holzwurm sind die ruhigen Tage gezählt

Die Container stehen bereit – aber nicht zum Abriss des Saals, sondern für die Vorarbeiten zur umfassenden Sanierung. Am Samstag begannen die Schützen mit dem Arbeitseinsatz.
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Die Container stehen bereit – aber nicht zum Abriss des Saals, sondern für die Vorarbeiten zur umfassenden Sanierung. Am Samstag begannen die Schützen mit dem Arbeitseinsatz.

Horstedt – Noch immer imposant reckt er sich aus einer kleinen Senke den Autofahrern entgegen – mit seiner breiten Fachwerk-Stirnseite. Eine seiner Hausecken ragt fast in die Straße. Er prägt den Horstedter Ortskern seit mehr als 120 Jahren – und das soll noch möglichst lange so bleiben. Denn der Festsaal an der Dorfstraße, einst betrieben von der längst geschlossenen Gastwirtschaft gegenüber, bekommt seit voriger Woche wieder öfter Besuch. Von Handwerkern und freiwilligen Helfern, die dieses Stück Geschichte sanieren und am Leben erhalten wollen. Für den Holzwurm im Tanzboden vor der Bühne sind die ruhigen Tage gezählt.

Schon vor einigen Tagen hatten erste Aktive des Schützenvereins Schulenberg-Horstedt die Möbel aus dem Saal in die benachbarte Schützenhalle geräumt und ersten Sperrmüll in einer der drei Containermulden entsorgt, die zwischen Saal und Feuerwehrhaus stehen. Am Samstag stand der erste offizielle Arbeitseinsatz des Schützenvereins an. „Dafür, dass unsere Mitglieder erst so kurzfristig Post von uns bekommen haben, sind wir mit der Resonanz zufrieden“, schilderte Vorsitzender Stefan Baumgarten.

Da ist der Wurm drin: Die Tanzfläche ist befallen.

Wegen der Corona-Bestimmungen waren ohnehin nur zwei Kleingruppen erlaubt. Maximal je sechs Helfer vor- und nachmittags, höchstens „paarweise“ Arbeit an einer Stelle. Ausreichend Masken lagen bereit. Nach dem Selbsttest-Prozedere begannen die Außenarbeiten mit dem Umsetzen einiger erhaltenswerter Büsche und Sträucher – weg vom Toilettentrakt. „Der wird verschwinden“, verwies Baumgarten auf den ersten wesentlichen Teil der Eigenleistungen. Die antiquierten „Örtchen“ weichen dem geplanten Seiteneingang.

Der Saal soll künftig möglichst nicht nur für Schützen- und Erntefeste, sondern auch gelegentlich für andere Feiern im Dorf genutzt werden.“

Stefan Baumgarten

Die Haupttür auf der Stirnseite bleibt allerdings erhalten – oder besser: Sie kommt irgendwann dort wieder hin. Denn „der komplette Giebel wird verschwinden und wie gehabt in Fachwerkbauweise erneuert“, erklärte Baumgarten. Die Gebäudeseite zur Straße mit teils schon gefährlich wirkender Neigung der Wand scheint hingegen nach ersten Einschätzungen von Fachleuten noch zu retten: „Das Fachwerk kann gerichtet werden“, erläuterte der Schützenvereins-Chef. Eine Sanierung der Fundamente und der Sockelmauer scheinen ebenfalls nötig.

Überraschend positiv sah es hingegen unter dem Dachstuhl aus. „Das scheint noch gut in Schuss zu sein“, fasste Baumgarten das Urteil der Zimmerer zusammen. Trotzdem wird das Satteldach komplett abgedeckt, ehe die Ende Mai anrückenden Dachdecker die Lattung ausbessern und verstärken. „Bei dieser Firma hat sich ein Auftrag verschoben, sodass sie jetzt die Lücke nutzt und früher am Saal anfängt“, erklärte Baumgarten den plötzlich aufgekommenen Zeitdruck und den kurzfristigen Aufruf zum Arbeitseinsatz.

Auch der Dachboden muss geräumt werden: Schützenvereins-Vorsitzender Stefan Baumgarten (l.) und Andreas Bruns unter der Luke zum „Obergeschoss“.

Zu den weiteren Gewerken, die sich bereits auf die entsprechenden Ausschreibungen gemeldet haben, gehört auch die Elektroinstallation. Die Horstedter ahnen, dass auch hier einiges zu tun ist. „Aber der Saal soll künftig möglichst nicht nur für Schützen- und Erntefeste, sondern gelegentlich auch für runde Geburtstage, hölzerne Hochzeiten und andere Feiern im Dorf genutzt werden“, berichtet der Schützen-Chef: „Zuletzt haben wir den Saal nicht mehr vermietet – auch aus Angst vor weiteren Schäden.“ Der Tanzboden zum Beispiel dürfte an einigen Stellen nachgeben.


Einst Scheune, später Soldatenquartier, bald wieder ein Ort zum Feiern

Der im Jahr 1900 errichtete Saal im Herzen Horstedts hat zweifellos schon einiges erlebt und überlebt: In seinen ersten Sommern diente er als Getreidescheune, im April 1945 als Quartier einmarschierter britischer Soldaten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Dazwischen und danach feierte das Dorf hier unzählige Schützenfeste, Hochzeiten und runde Geburtstage. Legendär aus jüngster Vergangenheit: die Motto-Partys der allherbstlichen Erntefeste des Schützenvereins Schulenberg-Horstedt mit entsprechend aufwendiger Deko der Fassaden und Innenräume – von karibischen Nächten über Grusel-Feten in „Horrorstedt“ bis hin zu Märchenabenden in entsprechender Verkleidung der Gäste. Alles ganz harmlos im Vergleich zum Thema „Vom Fischmarkt bis zur Reeperbahn“, das 2016 einige Dorfbewohner auf die Zinne trieb: Die der Kultkneipe „Ritze“ auf St. Pauli nachempfundenen gespreizten Frauenschenkel vor der Tür waren in manchen Augen zu viel des Guten. Immerhin blieben schwere Unfälle durch abgelenkte Verkehrsteilnehmer in dieser „scharfen“ Kurve aus. Da ging‘s vorigen Herbst erheblich ruhiger zu – wegen des Coronavirus. Doch wenn der alte Saal in neuem Glanz erstrahlt, will es der Festausschuss des Schützenvereins Schulenberg-Horstedt wieder krachen lassen – von der vordersten Theke bis zur nicht ganz ungefährlichen Sektbar mit ihren ganz speziellen Mischungen. . .

ck / Quellen: Bernhard Wöbse (†), Helmut Niehaus

Die Zeit geht eben auch an solchen „Legenden“ wie dem Saal nicht spurlos vorbei. Und längst nicht alle im Dorf hatten mehr an eine Rettung des Gebäudes geglaubt, manche rieten angesichts der baulichen und finanziellen Risiken gar zu einem Abriss. Doch nun stellte der Prinzhöfter Gemeinderat 250 000 Euro für die Runderneuerung bereit – Eigenleistungen wie die des Schützenvereins nicht inbegriffen.

So könnte bald hier wieder „der Bär steppen“ – ohne Holzwurm, versteht sich. Spätestens durch die ebenfalls geplante thermische Behandlung wollen die Horstedter den Schädling des Saals verweisen.

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