Paar aus Holzhausen erhofft sich „Schonfrist“

Mühevoll aufgepäppelte Rehkitze sollen zurück in die Freiheit

Auch jetzt noch bekommen Sissi und Fritzi Ziegenmilch, wenngleich weniger häufig als vor einigen Monaten.
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Auch jetzt noch bekommen Sissi und Fritzi Ziegenmilch, wenngleich weniger häufig als vor einigen Monaten.

Holzhausen – Die Familie Stark aus Holzhausen hat zwei Rehkitze in mühevoller Arbeit aufgepäppelt und aufgezogen. Inzwischen genießen die Tiere draußen ihre Freiheit, bleiben aber in Sichtweite und kehren wieder zum Haus zurück. Die Starks hoffen darauf, dass Jäger nicht auf die an grellen Halsbändern (mit Klettverschlüssen) zu erkennenden Tiere schießen.

Fritzi eilt forsch herbei, sobald sich Hera Stark mit Bio-Ziegenmilch nähert. Das Rickenkitz Sissi übt sich in mehr Zurückhaltung als das Bockkitz, lässt sich seine  Ration aus der Flasche aber gleichwohl nicht entgehen. Auf einem Resthof in Holzhausen in der Gemeinde Beckeln genießen die jungen Rehe ihre Kinderstube. Beiden ging es schlecht, als Hera und Hans-Jürgen Stark sie vor einem halben Jahr in ihre Obhut nahmen, um sie aufzupäppeln. Seither haben sie sich prächtig entwickelt.

Schon seit gut drei Monaten leben sie draußen auf dem Grundstück und nächtigen wahlweise unter Bäumen oder in einer Art Voliere. Noch erweisen sich Sissi und Fritzi als unzertrennlich. „Sie war von Anfang an scheuer als er. Sie ruft ihn – und folgt ihm“, beobachtet Hera Stark immer wieder. Ihr Mann Hans-Jürgen, aus gesundheitlichen Gründen frühverrentet, baut darauf, dass es die Rehe zu gegebener Zeit von ganz allein in die Freiheit ziehen wird. Ihre Instinkte und der Paarungswille werden sie nach seiner Überzeugung zurück in die Natur treiben. „Da gehören sie ja auch hin“, betont der passionierte Jäger.

 Der kleine Kopf lugte aus den Brombeeren und hielt Ausschau nach der Mutter. Das Kitz lief zunächst weg, kam aber nur etwa 50 Meter weit. Mein Sohn konnte es dann problemlos mit den Händen einfangen. Das Tier war wohl tagelang nicht mehr gesäugt worden und daher ganz schwach.“

Hans-Jürgen Stark

Schon jetzt entfernen sich Sissi und Fritzi täglich vom Resthof, um auf der angrenzenden Wiese nach Fressbarem zu suchen, bleiben aber in Sichtweite und kehren von sich aus zurück. Vieles könnte ihnen zum Verhängnis werden: Die stark befahrene Landesstraße nach Bassum ist nicht weit entfernt, die Maisernte im Gange und der Wolf offenbar zurück. Letzteren hat Hans-Jürgen Stark vor längerer Zeit selbst schon zu Gesicht bekommen, sagt er.

Wie die Jungfrau zum Kind

Die Kitze tragen Halsbänder mit Klettverschlüssen, die sich schnell lösen, wenn sich Gestrüpp darin verheddern sollte. Ihre „Zieheltern“ wünschen sich, dass diese weithin gut sichtbare „Kennung“ die Jungtiere davor bewahrt, von Waidmännern oder dem Förster erlegt zu werden. Widerführe ihnen dieses Schicksal später, wenn sie zurück in der „Wildnis“ seien, könnte Hans-Jürgen Stark damit leben, zumal Rehwild nun einmal Schadwild sei. Aber jetzt, nach all dem Aufwand beim Aufpäppeln, wünscht er sich eine Schonfrist für die Kitze.

Bis Instinkte und Paarungsbereitschaft die Kitze zurück in die „Wildnis“ getrieben haben, sollen sie die Halsbänder davor bewahren, „zur Strecke gebracht“ zu werden. Das Ehepaar Stark hofft, mit diesem Anliegen auf Verständnis beim Förster und bei Jägern zu stoßen.

Zu Fritzi und Sissi war das Ehepaar Stark gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Um den 10. April herum rief eine Nachbarin an und erzählte von einer überfahrenen Ricke, die im Graben liege. Bei der Begutachtung des verendeten Tieres erkannte Hans-Jürgen Stark am Gesäuge, dass es Nachwuchs geben musste. Zusammen mit seinem Sohn Leon suchte er das Kitz. Sein Rehwildlocker erwies sich als hilfreich: Auf den eine Ricke imitierenden Fiepton dieses sogenannten Blatters reagierte das wenige Tage alte Kitz. Es kauerte nur ein paar Häuser weiter in einem kleinen Waldstück. „Der kleine Kopf lugte aus den Brombeeren und hielt Ausschau nach der Mutter. Das Kitz lief zunächst weg, kam aber nur etwa 50 Meter weit. Mein Sohn konnte es dann problemlos mit den Händen einfangen. Das Tier war wohl tagelang nicht mehr gesäugt worden und daher ganz schwach“, erinnert sich Hans-Jürgen Stark.

Eigelb wirkt Wunder beim Aufpäppeln

Seine Frau baute eine Schlafhöhle (mit Vorhang) für das Kitz, die Platz im Zimmer des Sohnes fand. „Alle zwei Stunden hat Fritzi Bio-Ziegenmilch aus der Flasche bekommen. Leon, coronabedingt im Homeschooling, half mir. Er stimulierte mit einem Tuch den Hintern, damit das Kitz gleich sein großes Geschäft verrichtete“, schildert Hera Stark.

Der Milch ein halbes Eigelb beizumengen, habe beim Aufpäppeln Wunder gewirkt, ergänzt ihr Mann. Das Kitz sei schnell zu Kräften gekommen: „Schon bald ist es hier herumgelaufen, und wir konnten es rauslassen.“

Geübt im Aufziehen von Jungtieren: Hera und Hans-Jürgen Stark aus Holzhausen.

Die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. Fritzi war gerade mal gut zwei Wochen alt, als wiederum eine Anfrage aus der Nachbarschaft kam: Diesmal ging es um ein Rickenkitz, dessen sich niemand annehmen wollte – niemand bis auf das Ehepaar Stark. Freunde der Nachbarin sollen das Tier der Natur entnommen haben, weil sie es für hilflos hielten. Das sei grundverkehrt, spricht der Jäger aus Hans-Jürgen Stark: „Liegen lassen und nicht anfassen!“, mahnt er. Nur weil die Ricke außer Sichtweite sei, heiße das nicht, dass sie ihr Junges im Stich gelassen habe.

Dem „mitgenommenen“ Rickenkitz ging es gleichwohl schlecht, als es auf den Resthof kam. Kaum hatte sich Fritzi erholt, bangte Hera Stark drei Tage und drei Nächte lang, ob „Neuzugang“ Sissi überleben würde. „Sie war anfangs extrem schwach, hatte Durchfall und wollte nichts trinken. Ich habe sie festgehalten, ihr die Schnauze geöffnet und zumindest ein paar Tropfen Milch hineingeträufelt, um zu erreichen, dass der Appetit zurückkommt. Anders als auf diese Weise wäre sie nicht durchgekommen“, ahnt die 58-Jährige.

Bio-Ziegenmilch geht ins Geld

Bock- und Rickenkitz teilten sich eine Zeit lang die „Schlafhöhle“, ehe es an der Zeit war, sie ins Freie zu lassen.

Etwa zwei Monate lang währte das Säugen mit der Flasche im Zwei-Stunden-Takt. Danach vergrößerten sich die Abstände auf drei Stunden. Mittlerweile bekommen die Jungtiere jeden Morgen und jeden Abend Ziegenmilch; ansonsten steht feste Nahrung auf ihrem Speiseplan. Knabberten sie zunächst zaghaft frische Pflanzentriebe an, fielen sie später auf dem Resthof-Grundstück über Jasmin, Wein und Rosen her. Die Starks nahmen das gelassen hin.

 Die Gänseküken sind damals sogar bei uns an der Heizung geschlüpft.“

Hans-Jürgen Stark

Die Jungtiere fräßen aber lange nicht alles, sondern seien wählerisch. Holunderbeeren oder auch Zwetschenblätter wüssten sie besonders zu schätzen. Noch heute fährt Hans-Jürgen Stark „dreimal täglich los, um Äste mit Grün zu holen“, erzählt der Frührentner. In der kalten Jahreszeit werde es zunehmend schwerer, fündig zu werden. Die Bio-Ziegenmilch koste stolze 2,50 Euro pro Liter. Das Aufpäppeln sei daher schon auch ins Geld gegangen. Selbst „in guten Zeiten“ bewege sich der Tagesbedarf noch bei rund drei Litern für beide Tiere.

Die Kitze sind beileibe nicht die ersten Tiere, die das Ehepaar aus Holzhausen aufzieht. „Sie glauben ja gar nicht, was die Leute alles anschleppen“, erzählt Hans-Jürgen Stark schmunzelnd. Noch sehr gut erinnern kann er sich an Graugansküken, deren Elterntiere überfahren worden waren: „Die sind damals sogar bei uns an der Heizung geschlüpft.“

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