Interview mit Elfriede Hornecker

Hinweise auf Infrastruktur in der Bronzezeit

+
Elfriede Schreiber liest gerne Krimis, löst gerne Rätsel und fand Gefallen daran, nach Spuren für die historische Existenz des Folcwechs zu suchen.

Harpstedt/Hoya - „Unterwegs auf alten Spuren. Der Folcwech zwischen Weser und Hunte“ – so heißt ein soeben im Kieler Solivagus-Verlag erschienenes Buch, das Elfriede Hornecker am Sonnabend, 25. Januar, 14 Uhr, im Harpstedter Hotel „Zur Wasserburg“ vorstellt. Damit hat die frühere Leiterin des Heimatmuseums Hoya ein Lebenswerk des Hoyaers Willi Schreiber vollendet. Im Gespräch mit unserer Zeitung unterstrich die 72-Jährige die Bedeutung des Folcwechs – einer vermutlich uralten Verkehrsader in Ost-West-Richtung (gen Holland), die im Süden auch an Spradau und Kieselhorst gegrenzt haben soll.

Frau Hornecker, das Buch ist eine Koproduktion zwischen Ihnen und Willi Schreiber aus Hoya. Wie sah die Arbeitsteilung aus? Aber zuallererst: Wer ist Willi Schreiber?

Ein Mensch, der schon als Kind, motiviert durch seinen Heimatkundelehrer Fritz Helfers, ein großes Interesse an Heimatgeschichte entwickelte. Seine Affinität zu Handel und Verkehr erklärt sich auch aus seiner früheren Berufstätigkeit als Handelsvertreter. Wir kennen uns aus einem gemeinsam an der Uni Vechta bei Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker besuchten Seminar. Willi Schreiber hat mehr als 20 Jahre lang Material über den Folcwech gesammelt, wollte ein Buch darüber schreiben, hat das aus Altersgründen aber nicht mehr geschafft. Als er ins Altersheim musste, gab er mir sein Material, das ich daraufhin sichtete, ordnete und um eigene Recherchen ergänzte. Der Text des Buches stammt also von mir – und das Material von ihm.

Das Thema haben sie somit vorgegeben bekommen?

Ja. Ich hatte mich zuvor vor allem mit der Historie der Grafen von Hoya befasst. Handels- und Verkehrsgeschichte war eigentlich nicht mein Thema. Als ich mich in das Material einlas, merkte ich, wie interessant das war.

Liefert Ihr Buch den Beweis für die Existenz des Folcwechs?

Nein, sondern eher den Beweis dafür, dass ein solcher Beweis nicht zu erbringen ist. Volkwege sind eigentlich ein Sammelbegriff für sehr alte, teils aus der Bronze- oder sogar aus der Steinzeit stammende Heer- und Handelswege. In unserem Bereich zwischen Hunte und Weser ist damit eine ganz bestimmte Verbindung gemeint.

Wo fing die an? Und wo endete sie?

Zwei Fixpunkte sind urkundlich benannt: eine Furt über die Weser bei Sebbenhausen nördlich von Nienburg und die Buribruc über die Hunte.

Bruc klingt nach Brücke.

Es ist mit Sicherheit auch eine gewesen. Im 19. Jahrhundert fand der Urkundensammler Hodenberg eine Urkunde von 788, in der die beiden Fixpunkte benannt sind. Das Schriftstück ist zwar als eine Fälschung aus dem elften Jahrhundert entlarvt worden, deutet aber darauf hin, dass man den Folcwech zu jener Zeit kannte. Also muss es ihn gegeben haben. Der gefälschten Urkunde zufolge soll er die von Karl dem Großen festgelegte Grenze zwischen den Bistümern Bremen und Minden markiert haben. Die Buribruc hatte Hodenberg in Bühren verortet. Daran gibt es erhebliche Zweifel. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Hucker muss es sich bei der Buribruc, dem Hauptübergang des Folcwechs über die Hunte, um die goldene Brücke bei Goldenstedt gehandelt haben. Allerdings hat man auch bei Bühren einen Damm durch die Hunte gefunden, wenngleich keine Brücke. Daher lautet meine Theorie: Es gab offenbar mehrere Übergänge, die unterschiedliche Zwecke erfüllten. Der Damm in Bühren könnte für die Viehtrift genutzt worden sein. Darauf deutet ein größerer Fund von Hufschalen aus dem Jahr 1955 hin. Die goldene Brücke dürfte indes eher der Heerweg gewesen sein. Dazu würden Funde römischer Münzen passen.

Wohl auch deshalb werden die Ursprünge des Folcwechs in der Bronzezeit vermutet.

Wenn Forscher nichts weiter haben als zwei Punkte, zwei Flussübergänge, müssen sie nach Indizien suchen. Das ist die Aufgabe, die ich mir für das Buch gestellt habe. Tatsächlich existieren bronzezeitliche Funde, die beweisen, dass ein lebhafter Ost-West-Handel stattgefunden haben muss. Der kann sich in unserem Bereich nach logischen Überlegungen nur auf der Wasserscheide zwischen Unter- und Mittelweser vollzogen haben, die dafür die natürliche Voraussetzung bot. Das spricht dafür, dass der Folcwech dort verlief, und wenn das zutrifft, dann hätten kluge Menschen, auch bronzezeitliche Händler, ihn sicher genutzt und sich nicht stattdessen durch Sumpf und bewaldetes Gebiet gequält. Ein weiteres Indiz für seine Existenz sind die Megalithgräber in Huntenähe – etwa die Reckumer und die Kleinenkneter Steine.

Das würde dann sogar auf die Jungsteinzeit hindeuten. Aber irgendwie müssen die schweren Findlinge ja zu den Grabstellen gelangt sein.

Die Menschen mussten mit ihren Kräften haushalten. Sicher konnten sie mit den riesigen Steinen nicht durch den Sumpf ziehen. Wenn es schon zu jener Zeit eine kleine, streckenweise etwas eingeebnete Trasse gab, ist es denkbar, dass diese später Teil einer Durchgangsstraße wurde. So könnte sich Teil an Teil zusammengefügt haben. Wobei die Trasse sicher nicht statisch war. Ließ sich ein Abschnitt witterungsbedingt nicht passieren, sind die Menschen gewiss auf einen anderen ausgewichen. Den Folcwech muss man sich also ein ganzes Bündel von Wegen und Trampelpfaden vorstellen, die sich immer dort vereinigten, wo es Engpässe gab.

Was ist denn wohl alles über diese frühe Verkehrsader gerollt? Schon römische Streitwagen?

Die mit ziemlicher Sicherheit auch.

Wie muss ich mir die Beschaffenheit einer bronzezeitlichen Straße vorstellen?

Jedenfalls nicht befestigt im Sinne gepflasterter Römerstraßen. Nasse Stellen wurden beispielsweise mit Reisigbündeln ausgefüllt – oder mit Steinen, die damals aber hierzulande nicht in hinreichender Menge verfügbar waren. Solche Befestigungen können sich eigentlich nur in der Nähe von Siedlungen vollzogen haben, die nicht nur aus ein paar Horden bestanden. Und es muss eine herrschaftliche Instanz gegeben haben, die anordnete, wer auf welchem Streckenabschnitt zu welchen Diensten verpflichtet war. Menschen lebten seit der Jungsteinzeit in organisierten Gemeinschaften und waren, wie ihre Grabanlagen beweisen, zu erstaunlichen Leistungen imstande.

Sie beleuchten in Ihrem Buch die Entwicklung des Folcwechs bis ins Hochmittelalter.

Ja, in dieser Epoche verlieren sich seine Spuren.

Ist dieses Wegebündel eher für den Handel oder militärisch genutzt worden?

Für beides. Aber wohl mehr für den Handel. Die Trasse war zunächst als Trampelpfad vorhanden. Viele Händler begingen sie zu Fuß; viele befuhren sie mit Karren und später mit vierrädrigen Wagen. Bis zum Orkan 1972 gab es in einem Waldstück in Wesernähe ganz viele Wagenspuren – genau in Richtung Weser, wo der Folkwech verlaufen sein soll.

Warum hat diese Verkehrsader ihre Bedeutung verloren?

Teile davon sind immer in Funktion gewesen, aber eben nicht mehr in einem großen Zusammenhang. Teile sind bis in die Gegenwart hinein als Grenzmarkierung wirksam geblieben – beispielsweise als Trennungslinie zwischen dem früheren Altkreis Grafschaft Hoya und dem Kreis Nienburg. Noch heute verläuft übrigens die Grenze zwischen den Diözesen Bremen und Minden da, wo der Folcwech beschrieben worden ist. Seine Bedeutung als Handelsstraße hat dieses Trassenbündel wohl nicht zuletzt verloren, weil der Nord-Süd-Handel zugenommen hat und sich Handelsschwerpunkte in den Süden verlagerten. Einiges spricht für einen ersten Einschnitt schon am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit. Zur Herstellung von Bronze bedurfte es Zinn und Kupfer aus England oder auch Erze aus dem Harz. England–Harz, das ist eine Ost-West-Achse. In der Eisenzeit verlor dieser Handelszweig an Bedeutung. Damit einher ging ein folgenschwerer Klimawandel – hin zu einer kalten, sehr nassen Periode. Flüsse traten über die Ufer und zerstörten teilweise angrenzende Siedlungen. Die Klimaveränderung machte auch die von Mooren durchzogene Landschaft deutlich unwegsamer.

Wo lag für Sie der Reiz in der Beschäftigung mit dem Folcwech?

Ich lese gerne Krimis und löse gerne Rätsel. Für mich war diese Suche nach Spuren sehr spannend – die Suche nach Indizien. Zwar lässt sich der Trassenverlauf nicht wirklich nachweisen. Aber das Buch liefert viele Anhaltspunkte, an die man im Rahmen eines denkbaren Forschungsprojektes anknüpfen könnte – etwa mit Bodenradaruntersuchungen, die tiefe Schichten durchdringen.

• IM BLICKPUNKT: Von der Bronze- bis in die Neuzeit – Vier Vorträge zu Altstraßen im Harpstedter Raum

Gleich vier interessante Vorträge, zu denen die Samtgemeinde Harpstedt und der Beirat des Forschungsprojektes „Bäuerliche Siedlungs- und Geschlechterhistorie im Alten Amt Harpstedt“ unter Leitung von Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker (Uni Vechta) für den 25. Januar, 14 Uhr, ins Hotel „Zur Wasserburg“ einladen, beleuchten Straßen im Alten Amt Harpstedt. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich von der Bronze- bis in die Neuzeit. Den Anfang macht Elfriede Hornecker mit dem Thema „Der Folcwech, eine bronzezeitliche Handelsstraße an der Grenze des Alten Amtes Harpstedt“. Danach widmet sich Verleger Dr. Stefan Eick (Solivagus-Verlag) Zusammenhängen „von Landesherrschaften und der Streckenführung von Fernverkehrsstraßen im norddeutschen Raum“. Nach einer Kaffeepause (16 Uhr bis 16.30) geht der Historiker Dr. Herbert Bock (Diepholz) auf „das Straßensystem im Alten Amt Harpstedt im 17. und 18. Jahrhundert“ ein. Den Schlussvortrag hält der Harpstedter Steffen Akkermann. Er beleuchtet die „Verkehrsstruktur des Fleckens Harpstedt im 19. und 20. Jahrhundert“. Gegen 18 Uhr soll die öffentliche Veranstaltung enden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

EU startet vor Libyen-Gipfel Diskussion über Militäreinsatz

EU startet vor Libyen-Gipfel Diskussion über Militäreinsatz

Bundestag debattiert über Sicherheit für Radler

Bundestag debattiert über Sicherheit für Radler

Neue Maßnahmen gegen "Sauf-Tourismus" auf Mallorca und Ibiza

Neue Maßnahmen gegen "Sauf-Tourismus" auf Mallorca und Ibiza

Trecker-Demo in Bremen: Schlepper aus dem Kreis Verden und Heidekreis dabei

Trecker-Demo in Bremen: Schlepper aus dem Kreis Verden und Heidekreis dabei

Meistgelesene Artikel

Wer übernimmt einen Hund aus dem Versuchslabor?

Wer übernimmt einen Hund aus dem Versuchslabor?

Erfolgreicher Einbrecher in Wildeshausen

Erfolgreicher Einbrecher in Wildeshausen

Nötigung im Straßenverkehr mit saftiger Geldstrafe geahndet

Nötigung im Straßenverkehr mit saftiger Geldstrafe geahndet

Viel Verständnis für Lärm durch die Bundeswehr

Viel Verständnis für Lärm durch die Bundeswehr

Kommentare