Der Müll, das Moor – und Mansie

Hermann Bokelmann: 42 Jahre lang vom Thema „Müll“ verfolgt

+
Wie intensiv das Thema Müll Hermann Bokelmann beschäftigt hat, zeigt dieser Aktenberg.

Harpstedt/Prinzhöfte - Seit Juni 2005 landet der Restmüll aus dem Landkreis Oldenburg auf der Deponie in Mansie/Ammerland. Der Vertrag ist unlängst bis 2030 verlängert worden. Noch in den 1990er-Jahren war das Thema Abfall ein heiß diskutiertes. „Kommt der Müll, stirbt das Moor“, skandierte die IG Moor.

Doch letztlich verhinderten nicht die Aktivisten dieser Interessengemeinschaft, sondern neue gesetzliche Bestimmungen die damals drohende Deponie „Wunderburg-Ost“. Die Verbraucher mussten ihre häuslichen Abfälle plötzlich trennen. Als Folge von Recycling, Kompostierung sowie der Verbrennung thermisch verwertbarer „Fraktionen“ bedurfte es weniger Deponiefläche. „Wunderburg-Ost“ erübrigte sich. Ehe der Restmüll aus dem Landkreis nach Mansie befördert wurde, landete er für einige Jahre auf der Deponie der Stadt Oldenburg – bis die verfüllt war.

„Samt- und Sackgemeinde“ Harpstedt

Hermann Bokelmann hat 42 Jahre lang in der Kommunalpolitik gewirkt. So lange „verfolgte“ ihn das Thema Müll auch – zunächst, ab 1964, als Bürgermeister des Fleckens Harpstedt, später dann als stellvertretender Landrat und schließlich als Landrat. „Eher schlecht als recht“ habe früher die Entsorgung der Hausabfälle in Eigenregie der Gemeinden funktioniert, sagt er. Die Bürger hätten eine bestimmte Anzahl von Papiersäcken zugeteilt bekommen. 

In Harpstedt habe die Kommune die Abfuhr mit Unimog und Anhänger bewerkstelligt. Die Flächen, auf die der Müll gekippt wurde, entsprachen bei Weitem nicht heutigen Deponiestandards. In Harpstedt machte der Begriff „Samt- und Sackgemeinde“ die Runde. Im Laufe der 1970er-Jahre übertrug das Land den Landkreisen die Entsorgung.

Mülllaster über die Autobahn

Beschloss Bokelmann vor der Kreisreform die Deponie in Bassum-Wedehorn mit, so ging es danach – ab 1977 – „im Oldenburgischen“ gleich weiter mit dem Thema Müll. Seinerzeit deponierten die Kreis-Oldenburger und die Delmenhorster ihre Hausabfälle in Bargloy. Letztere beschwerten sich über die durch die Innenstadt fahrenden Mülllaster. 

Die Lösung dieses Problems mutet aus heutiger Sicht skurril an: Zumal es die Nordumgehung der B 213 noch nicht gab, habe der Kreistag beschlossen, „dass die Müllfahrzeuge über die Autobahn von Westen nach Bargloy fahren mussten“, weiß Bokelmann. Anfang der 1980er-Jahre zeichnete sich die Verfüllung der dortigen Deponie ab. 1984 folgte der Beschluss auf eine Erweiterung um elf Hektar. Die Bezirksregierung meldete aber Bedenken wegen der Durchlässigkeit des Sandbodens in Bargloy an. 

Favorit „Iserloy-Süd“ zu klein

Eine neue Deponie sollte her. 62 mögliche Standorte flossen 1986 in eine Potenzialflächenbetrachtung und -bewertung ein. Rhade-Brockshus und Hude-Altmoorhausen kristallisierten sich als besonders geeignet heraus. Im Umfeld beider Flächen regte sich aber heftiger Widerstand. Eine neuerliche Betrachtung ging 1989 mit einer faustdicken Überraschung einher: Plötzlich war „Iserloy-Süd“, im ersten Verfahren noch gar nicht berücksichtigt, der „Favorit“ – vor „Wunderburg-Ost“. Der vormalige Spitzenreiter „Rhade-Brockshus“ fand sich nur noch auf Platz sechs wieder. Die Kreisverwaltung geriet in Erklärungsnot: Wie konnten zwei Standortuntersuchungen trotz analoger Beurteilungskriterien zu solch unterschiedlichen Ergebnissen kommen? 

Im zweiten Anlauf habe man Fehler der ersten Bewertung „korrigiert“ und „Unvollständiges komplettiert“, lautete die Antwort. Der Landkreis, so Bokelmann, habe seine Planungen auf den Hausmüll des eigenen Gebiets abgestellt. Delmenhorst habe indes auf eine weiterhin gemeinsame Deponie gedrängt. Diesem Ansinnen folgte die Bezirksregierung: Im Juli 1991 legte sie einen Abfallentsorgungsplan für den Kreis Oldenburg und die Stadt Delmenhorst vor. Daraus erklärt sich für Bokelmann, warum letztlich „Wunderburg-Ost“ als Deponiestandort festgelegt wurde: „Iserloy-Süd“ sei mit 20 Hektar zu klein gewesen.

Bokelmann: Bürger bezahlen Verlust über Müllgebühr

Den Flächenerwerb für die Deponie hat Bokelmann als ganz eigenes Kapitel im Gedächtnis behalten. In den Reihen der IG Moor machte er „auch Grundstückseigentümer“ aus, von denen alsbald „im nichtöffentlichen Kreisausschuss die Verkaufsangebote auf dem Tisch lagen und beschlossen wurden“. In den Haushaltsplänen habe das seinen Niederschlag gefunden: Das dort vermerkte Grundvermögen sei schnell auf 37 und weiter bis auf 61 Hektar angewachsen. Etliche Landwirte hätten „einen guten Schnitt“ gemacht. Ebenso Makler. „Ich bekam immer Vorwürfe, durfte aber öffentlich ja nichts sagen“, seufzt Bokelmann. 

Als sich das Projekt „Wunderburg-Ost“ aus den schon erwähnten Gründen erübrigt hatte, boten der Landkreis und die Stadt Delmenhorst der EWE die nicht mehr benötigten Flächen an. „Als Deponiegelände!“, betont Bokelmann. Dagegen habe er sich gewehrt – und erreicht, dass der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) Areale erwarb, um sie bei Bedarf gegen andere Flächen in Wassereinzugsgebieten tauschen zu können. Der OOWV habe zwar einen guten Preis, aber nicht „den Einkaufspreis“ bezahlt. „Den Verlust haben letztlich die Bürger über die Müllgebühr bezahlt.“

boh

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Weniger Senioren und mehr Suiten: Flusskreuzfahrten-Trends

Weniger Senioren und mehr Suiten: Flusskreuzfahrten-Trends

Klappe zu, Hardtop tot: Cabrios setzen wieder aufs Stoffdach

Klappe zu, Hardtop tot: Cabrios setzen wieder aufs Stoffdach

Blubbernd und alkoholfrei: Kombucha selber machen

Blubbernd und alkoholfrei: Kombucha selber machen

Das sind die Luxus-Karren der Stars

Das sind die Luxus-Karren der Stars

Meistgelesene Artikel

„The Bland“ rockt sich in Ekstase

„The Bland“ rockt sich in Ekstase

Besuch im Waldorfkindergarten „Zwergenland“

Besuch im Waldorfkindergarten „Zwergenland“

„Zufriedenstellende Lösung“ für Ganderkeseer Altlast

„Zufriedenstellende Lösung“ für Ganderkeseer Altlast

Schwerer Unfall in Wardenburg: Motorradfahrer kollidiert mit Auto

Schwerer Unfall in Wardenburg: Motorradfahrer kollidiert mit Auto

Kommentare