Vorschläge von Hermann Bokelmann für den Rat

Wie die Erinnerung an die Shoa wachhalten?

Der jüdische Kaufmann Iwan Goldschmidt, verstorben am 4. April 1914, stand bis zu seinem Tod als Oberst an der Spitze des Offizierskorps der Bürgerschützen. Ein gutes Beispiel für jüdisches Leben in Harpstedt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Fotos Bokelmann
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Der jüdische Kaufmann Iwan Goldschmidt, verstorben am 4. April 1914, stand bis zu seinem Tod als Oberst an der Spitze des Offizierskorps der Bürgerschützen. Ein gutes Beispiel für jüdisches Leben in Harpstedt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Harpstedt – Zwei Gedenktafeln, eine Broschüre, ein jährlich wiederkehrendes Ritual: Hermann Bokelmann aus Harpstedt hat sich wirklich Gedanken gemacht über Wege, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten. Nun ist es an der Politik, über seine Vorschläge zu diskutieren und zu befinden.

Zehn Jahre lang, von 1904 bis zu seinem Tod (1914), stand mit Iwan Goldschmidt ein jüdischer Kaufmann als Oberst an der Spitze der Harpstedter Bürgerschützen. Seine Tochter Ida und ihren Mann Willi Löwenstein ermordeten Jahrzehnte später die Nationalsozialisten in Konzentrationslagern. Ein Beispiel für einst auch in Harpstedt fest verwurzeltes und dann jäh im Rassenwahn beendetes jüdisches Leben. Zugleich eine Mahnung an die nachfolgenden Generationen.

Die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wachzuhalten, fordert der frühere Fleckenbürgermeister Hermann Bokelmann ein. Mit über 90 zählt er zu den wenigen lebenden Zeitzeugen mit wacher Erinnerung an den NS-Terror. Aufgewachsen in Dünsen, bekam er selbst mit, wie die Nazis nach der Machtergreifung von 1933 in Harpstedt gegen Juden hetzten, sie schikanierten und ihre Rechte immer weiter beschnitten. Dass auch sie der Shoa, der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten, zum Opfer fielen, halten heute die Inschriften zweier Gedenktafeln auf Judenfriedhof und Amtshofgelände für die Nachwelt fest.

Für „Stolpersteine“ gab‘s keine Mehrheit

Aber reicht dieses Gedenken aus? Müsste Harpstedt nicht mehr tun? Gerade jetzt, da in Deutschland radikales Gedankengut abermals salonfähig zu werden droht, wieder Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verübt werden und Menschen jüdischen Glaubens es sogar aus Angst vor Übergriffen häufig meiden, ihre Religion auch in der Öffentlichkeit zu leben?

Bemühungen in diese Richtung blieben bekanntlich vor gut einem Jahr ergebnislos: Die von den Harpstedter Grünen beantragte Verlegung sogenannter „Stolpersteine“ scheiterte an einem Stimmenpatt im Fleckenrat. Das frühere Ratsmitglied Hermann Bokelmann machte keinen Hehl daraus, dass er dieser durchaus kontrovers diskutierten Form des Opfergedenkens nichts abgewinnen konnte, sah und sieht aber gleichwohl das Erfordernis, mehr als bislang für eine lebendige Erinnerungskultur zu tun.

Seit der „Stolperstein“-Debatte sind ihm keine neuen Vorschläge seitens der Kommunalpolitik zu Ohren gekommen. Daher hat er sich nun mit eigenen Anregungen an Fleckenbürgermeister Stefan Wachholder und Gemeindedirektor Ingo Fichter gewandt – verbunden mit der Bitte, darüber im Fleckenrat beraten zu lassen.

Abraham Neublum, Harpstedter mit jüdischem Glauben, verlor 1870 sein Leben als preußischer Soldat im Einsatz für sein Vaterland. 1942 und 1945 wurden aus der Harpstedter Familie Neublum Opfer des Holocaust der nationalsozialistischen Judenverfolgung: Jenny de Vries, geb. Neublum, Johanne de Vries, Erich de Vries, Helene de Vries, geb. van der Zyl, und Marga de Vries.“

Hermann Bokelmann

Was viele Harpstedter vermutlich überrascht: Bokelmanns erstes Augenmerk gilt dem Germania-Denkmal auf dem Kirchhof der Christuskirche, das in einer heute sicherlich nicht mehr zeitgemäßen, ausgesprochen heroisierenden Weise an die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 erinnert. Dort stieß der Altbürgermeister auf Abraham Neublum – einen Namen, der ihn aufhorchen ließ und sein Interesse weckte, zumal sich ein Zusammenhang mit der späteren Shoa offenbarte. Bokelmann schwebt die Anbringung einer Hinweistafel am Germania-Denkmal vor, die eben diesen Bezug verdeutlicht. Sein Textvorschlag lautet: „Abraham Neublum, Harpstedter mit jüdischem Glauben, verlor 1870 sein Leben als preußischer Soldat im Einsatz für sein Vaterland. 1942 und 1945 wurden aus der Harpstedter Familie Neublum Opfer des Holocaust der nationalsozialistischen Judenverfolgung: Jenny de Vries, geb. Neublum, Johanne de Vries, Erich de Vries, Helene de Vries, geb. van der Zyl, und Marga de Vries.“

Iwan Goldschmidt wurde 1886 Offizier der Harpstedter Bürgerschützen und war deren Oberst von 1904 bis zu seinem Tode 1914. Seine 1876 geborene Tochter Ida wurde von den Nazis im KZ Auschwitz umgebracht, ihr 1872 geborener Mann Willi Löwenstein (Mitglied des Kriegervereins) 1943 im KZ Theresienstadt.“

Hermann Bokelmann

Eine weitere Gedenktafel gehörte nach Ansicht Bokelmanns auf dem jüdischen Friedhof an den Grabstein des bereits erwähnten früheren Obersts der Bürgerschützen, Iwan Goldschmidt. Auch hierfür hat sich der Altbürgermeister bereits eine mögliche Inschrift überlegt: „Iwan Goldschmidt wurde 1886 Offizier der Harpstedter Bürgerschützen und war deren Oberst von 1904 bis zu seinem Tode 1914. Seine 1876 geborene Tochter Ida wurde von den Nazis im KZ Auschwitz umgebracht, ihr 1872 geborener Mann Willi Löwenstein (Mitglied des Kriegervereins) 1943 im KZ Theresienstadt.“

Gedenktafeln, Broschüre, jährlich wiederkehrendes Ritual: Hermann Bokelmann hat sich eigene Gedanken über eine lebendige Erinnerungskultur gemacht.

Bokelmann schlägt ferner vor, der Rat möge die Samtgemeindearchivmitarbeiter Günter Kastendieck und Friedrich zur Hellen darum bitten, alle bisher im Archiv vorhandenen Aufzeichnungen über die Harpstedter Juden, auch solche aus der Chronik von Dirk Heile und dem Jürgen-Ellwanger-Buch „Zwölf Jahre – Harpstedt im Nationalsozialismus“, für eine Broschüre zusammenzufassen, die dann der Öffentlichkeit zur Verfügung stünde. Übernähme der Flecken die Druckkosten, könnte auch die Oberschule diese Publikation kostenlos erhalten – für den Unterricht. Das wäre, so Hermann Bokelmann, eine gute Möglichkeit, die Jugend nachhaltig an den Holocaust zu erinnern, damit sie sich „ein objektives Bild über die Nazizeit machen kann“. Ihm liegt besonders daran, die junge Generation in Zeiten des erstarkenden Extremismus und Antisemitismus zu erreichen.

Jährlich wiederkehrendes Ritual

Sein vierter und letzter Vorschlag weckt Assoziationen an die Schlussszene aus Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Bokelmann regt an, „dass Bürgermeister und Gemeindedirektor jährlich am 27. Januar an die Harpstedter Juden erinnern und an der Gedenktafel auf dem Amtshof kleine Steine niederlegen“. Eine „obere Klasse der Oberschule“ sollte nach seiner Ansicht an diesem Ritual im Interesse einer lebendigen Holocaust-Erinnerungskultur teilnehmen.

Seine Vorschläge untermauert der über 90-Jährige mit einem Appell des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1996 den 27. Januar zum zentralen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erklärte – damals mit den Worten: „Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

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