Früher trug er die Kriegsgefangenenpost aus

Hermann Bokelmann feiert 90. Geburtstag

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Im Krieg aufgewachsen: Hermann Bokelmann.

In dem Jahr, in dem Hermann Bokelmann seinen zehnten Geburtstag feierte, marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Sein ältester Bruder Willy hatte gerade seinen Pflichtwehrdienst beendet und zog mit an die Front. Bis 1945 diente der Erstgeborene als Soldat im Zweiten Weltkrieg, der auch das Leben des jüngeren Bruders stark geprägt hat. Als die Nazis kapitulierten, hatte der damals 15-jährige Hermann bereits seinen ersten Rentenversicherungsnachweis in der Tasche – ausgestellt vom Delmenhorster Rüstungsbetrieb der Gebrüder Wehrhahn.

Harpstedt - Zu seinem heutigen 90. Geburtstag will der gebürtige Dünsener einmal nicht über seine langjährige Arbeit für die Sozialdemokraten in der Kommunalpolitik als Fleckenbürgermeister, Fraktionsvorsitzender, Landrat sowie als Mitglied des Gemeinderats und des Kreistags sprechen. Wichtiger sind ihm die Erinnerungen an seine außergewöhnliche Jugend.

Zum Kriegsende hatte der 15-Jährige einen Notabschluss der Mittleren Handelsschule Delmenhorst in der Tasche. Sein zweitältester Bruder Fritz hatte ihn nach der achtjährigen Dorfschule dort angemeldet, denn im Rechnen hatte er sich als guter Schüler erwiesen. „Der wusste, dass man so eine Chance nutzen muss“, sagt Bokelmann. Zudem war der Besuch der Handelsschule für das vierte Kind einer Familie kostenlos. Mit der acht Jahre älteren Schwester Sophie hatte der Nachzügler noch ein Schuljahr lang die Dorfschule besucht – „dann bekam ich den guten Tornister“, erzählt Bokelmann.

Ostern 1943 begann seine Handelsschulzeit, in der der Krieg Harpstedt immer näher kam. Fliegeralarm verkürzte den Unterricht, in den Sommerferien mussten die Jugendlichen Nachtwache schieben, schließlich wurde die Schule zum Lazarett. So kam Bokelmann wenige Monate vor Kriegsende in die Rüstungsindustrie und ins Wehrertüchtigungslager, wo er den Umgang mit Karabiner und Panzerfaust lernte. „Erst nach dem Krieg merkten wir, wie wir von den Nazis verführt und manipuliert worden waren“, sagt der 90-Jährige. „Wenn ihr von einem Alten aus der bitteren Erfahrung seiner Jugend etwas annehmen wollt: Rennt niemals einem Trommler blindlings hinterdrein. Das gilt heute mehr denn je.“

Am 10. April erreichten die englischen Truppen Harpstedt. Für Bokelmann begann sein „Landjahr“: Er half den Bauersfrauen, Kartoffeln zu pflanzen, fuhr – ohne Führerschein – mit dem Trecker nach Bassum und Sulingen. „Was man uns 16-Jährigen zugetraut hat“, erzählt er. Im Februar 1946 nahm die Post die Zustellung in der Samtgemeinde wieder auf, die Nachbarin schlug ihm vor, sich als Bote zu bewerben. „Das einzige, was sie sagten, war: Oh, der ist ja noch keine 17.“ Sie nahmen ihn trotzdem. Die Folgen des Kriegs erlebte der gebürtige Dünsener als Postbote: Mütter erhalten die Karten, die ihre Söhne aus den Kriegsgefangenenlagern schickten. Manchen brachte er nie eine. Die Erinnerung schmerze ihn noch heute, sagt Bokelmann. Auch die Schlesier, die im Altersheim für Vertriebene leben, aber dort nicht sterben wollen, beschäftigen ihn.

Als Bokelmann 1950 mit 21 Jahren volljährig wurde, arbeitete er in der wieder eingerichteten Telefonvermittlungsstelle der Post in Harpstedt. Sein Erwachsenenleben prägten die Arbeit, die Familie und die politische Arbeit. 1993 ging er, inzwischen als Sachbearbeiter in der Amtsstellenleitung für gut 20 Poststellen verantwortlich, in den Ruhestand.  kab

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