Gästeführung im Trauzimmer

Herbstliches – mal tragisch, mal urkomisch

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Das Gästeführer-Team (hinten rechts) hieß die rund 20 Besucher im Trauzimmer des Amtshofes herzlich willkommen. Kleine Mitmachspiele lockerten den genussvollen „Abend im Herbst“ auf: Die Anzahl der Haselnüsse in einer bauchigen Flasche (Bild oben links) sollten die Gäste schätzen. Außerdem brüteten sie über Schnipsel mit Versen von Theodor Fontane, die „zusammengepuzzelt“ werden wollten (Foto unten rechts).

Harpstedt - Kerzen in Gläsern säumten stimmungsvoll den Treppenaufgang. Der Tisch des Standesbeamten im Trauzimmer war mit Zweigen und Teelichtern geschmückt. 828 Haselnüsse füllten eine bauchige Flasche. Anke Rüdebusch bat die rund 20 Zuhörer, die zum „Abend im Herbst“ in den Harpstedter Amtshof gekommen waren, die Anzahl zu schätzen. Das Publikum sollte sich keineswegs ausschließlich vom Gästeführer-Team berieseln lassen. Auch Angela Willms animierte zum aktiven Mitmachen. Sie verteilte Papierschnipsel mit Reimen aus Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“. Die Besucher steckten die Köpfe zusammen, um bei einem munteren Puzzeln die Verse in die richtige Reihenfolge zu bekommen.

Zuvor hatte Angela Willms sie über den sehr realen Hintergrund des 1889 verfassten Gedichts aufgeklärt. Der „Herr von Ribbeck“, ein Gutsherr, lebte von 1689 bis 1759. Er galt tatsächlich als großzügig und trug den Vornamen Hans-Georg. „Besonders gern mochte er Kinder, die er im Herbst mit den Birnen aus seinem Garten beschenkte. Sein Sohn soll, wie ja auch aus dem Gedicht herauszulesen ist, erheblich sparsamer gewesen sein“, erläuterte Angela Willms. Eine Nachfahrin namens Hertha von Witzleben habe 1875 ein Poem verfasst, das Fontane als Vorlage für seine Ballade diente. Den darin vorkommenden Birnbaum habe 1911 ein Sturm auf dem Familienfriedhof umstürzen lassen. Den Stumpf könne man noch heute in der Kirche des Dorfes Ribbeck bestaunen.

Nachdem Martina Möhlmann die Besucher begrüßt und das Gästeführer-Team vorgestellt hatte, läutete sie den Abend im Zeichen von „Geschichten, Laub und Lichterschein“ mit dem Erich-Kästner-Gedicht „Der September“ ein. Ums Laubharken ging es in einer humorvollen Geschichte, die Heinrich Sudmann sodann auswendig zum Besten gab. Weil’s besser klinge, erzähle er sie „op Platt“; für all diejenigen, die das nicht verstünden, könne er wahlweise auch die englischsprachige Version vortragen, sorgte der Gästeführer für Erheiterung. Außerdem versüßte Sudmann den Abend mit einem plattdeutschen Text aus der Feder der in Diepholz aufgewachsenen Lehrerin, Journalistin und Autorin Uschi Krämer, die lange Jahre Berufsschüler und Gymnasiasten in Zeven unterrichtete.

Eine längere Geschichte, die Heinfried Sander las, entstammt der Köhrener Dorfchronik und trug sich auf dem Hof Nienaber tatsächlich zu. Sie handelt von einem Jungen, der in einer Großstadt aufgewachsen ist und einen Sommer lang das Landleben kennenlernt – sowohl die schwere Arbeit auf dem Feld als auch die Reize der Kulturlandschaft und die traditionellen Festlichkeiten. Beim Tanzen knüpft er erste zarte Bande zum anderen Geschlecht. Umso schwerer fällt ihm der Abschied, als die Zeit in Groß Köhren vorüber ist. Seine Hoffnung auf eine Rückkehr und ein Wiedersehen erfüllt sich indes nicht. Am 13. Februar 1942 fällt der junge Mann namens Jobst Ritter, den alle nur „Jo“ nennen, im Russlandfeldzug.

Der Frage, „warum es keine Weihnachtslärche gibt“, einst von Josef Guggenmos in wörtlicher Rede von sprechenden Bäumen beantwortet, widmete sich Uli Sasse. Einen Volltreffer landete er allerdings mit einem anderen Beitrag – einem Gedicht über ein Bohnengericht, das seine „ausgasende“ Wirkung ausgerechnet in einer Vorabendmesse entfaltet. Über das Verhängnis, das in der Kirche seinen Lauf nimmt, lachten sich die Zuhörer kringelig. „Ich schaue mich um, so voller Entrüstung, da liegt der Organist schlapp über der Brüstung. Er ist am Würgen und scheint todkrank. Ich ahne, da oben ist der meiste Gestank“, heißt es im Text.

Werden die Tage kürzer und kälter, zieht es vermehrt Spinnen ins Warme; die achtbeinigen Krabbler entlocken manchem Zeitgenossen ein angeekeltes „Igitt“. Gästeführerin Anke Rüdebusch enthielt dem Publikum auf der Grundlage von Informationen des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) nicht vor, wie faszinierend diese Tiere sind. Die Kreuzspinne braucht nur 45 Minuten für den Bau ihres filigranen Radnetzes. Sie scheidet einen klebrigen (Fang-)Faden aus, den sie von außen zur Mitte hin spiralförmig spinnt; die Hilfsspirale frisst sie wieder auf, praktiziert also natürliches Recycling. Dieses Phänomen hat Anke Rüdebusch nach eigenem Bekunden verblüfft und zugleich fasziniert. Einen Tipp des Nabu enthielt sie den Zuhörern nicht vor: „Willst du im Leben glücklich sein, dann lass die Spinne gern herein!“

Fingerfood, Wein und nichtalkoholische Getränke rundeten den genussvollen Abend ab.

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