Helfer wissen: Viele scheinbar banale Dinge müssen Flüchtlinge erst lernen

Standardfrage an der Haustür lautet: „Ist Post gekommen?“

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Wohin mit Bioabfällen, Papier oder auch Restmüll? Welche Tonne muss wann an die Straße? Was sind Wertstoffe? Wo gibt es gelbe Säcke? Was Deutschen völlig banal erscheint, müssen Flüchtlinge, die noch nie Mülltrennung betrieben haben, erst einmal lernen.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Kontakt zu den Flüchtlingen pflegen nur wenige Bürger aus der Samtgemeinde Harpstedt. Viele wissen nicht, „was das für Menschen sind, die zu uns kommen“, sagt Winfried Schreppel, einer der ehrenamtlichen Integrationshelfer. Er weist auf eine Möglichkeit der Annäherung hin: Am 14. Februar werde es einen 11-Uhr-Baustellengottesdienst mit Asylsuchenden in der Harpstedter Christuskirche geben.

„Einen ökumenischen“, betont Pastor Gunnar Bösemann. „Das war uns wichtig. Wir werden dazu alle hier lebenden Flüchtlinge einladen. Es geht uns aber natürlich nicht darum, sie zu missionieren“, betont er. „Zu diesem Thema machen wir übrigens auch gerade Erfahrungen. Manche Gruppen kommen zu den Flüchtlingshäusern mit dem Ziel, Missionsarbeit zu betreiben.“ Exemplarisch nennt Bösemann die Zeugen Jehovas. Der Geistliche betont die Unabhängigkeit der Flüchtlingsinitiative von Kirchen, Parteien und Lobbyisten. Dass dahinter keine Interessengruppe steckt, lasse sich im Übrigen schon an der Heterogenität des Kreises aus ehrenamtlichen Helfern ablesen. „Wir verstehen uns als Initiative in der Gesellschaft zu einem Thema, das uns alle beschäftigt“, beschreibt Bösemann den eigenen Anspruch. „Wir fragen nicht: ,Wo kommst du her?‘ Und auch nicht: ,Was glaubst du?‘“, ergänzt Schreppel. Gleichwohl gibt es bei den Zielsetzungen Schnittmengen mit der Kirche. „Wir sind bestrebt, existenzielle Hilfe zu leisten. Und das ist, wenn man so will, ja auch ein Teil sozialdiakonischer Arbeit“, urteilt Bösemann.

Den Flüchtlingen würden die Unterschiede in der Religion schnell bewusst. Die meisten seien Muslime. Gleichwohl gebe es Christen unter ihnen – syrisch-orthodoxe etwa oder Jesiden. „Aber das ist natürlich schon etwas anderes als evangelisch-lutherisch“, weiß Bösemann. „Wir sollten uns darum bemühen, für die muslimischen Flüchtlinge Wege zu anderen Muslimen in Deutschland aufzutun“, findet der Geistliche. Winfried Schreppel weiß von einigen, die sich freitags zum Beten in der Moschee auf den Weg nach Delmenhorst machen.

Als ehrenamtlicher Helfer Zugang zu den Asylsuchenden zu finden, braucht seine Zeit. „Viele sind traumatisiert. Erst wenn sie sich selbst öffnen, macht es Sinn, Schritt für Schritt auf sie zuzugehen“, spricht Schreppel aus Erfahrung.

„Wie lang dauert‘s noch, bis ich einen Asylstatus bekomme?“ Mit solchen Fragen sehen sich die Ehrenamtlichen häufig konfrontiert. „Das ist aber nicht unser Thema“, findet Schreppel. „Solche Dinge geben wir generell an die Behörden weiter. Wir können gar nicht das Wissen haben, um hier weiterzuhelfen. Das machen wir auch nicht. Sonst begäben wir uns auf gefährliches Glatteis. Die Flüchtlinge kriegen behördliche Schriftstücke in Deutsch – in einer Sprache, die sogar wir selbst zum Teil nicht verstehen“, schildert Schreppel die Auswüchse deutscher Bürokratie. „Damit schicken wir sie zur Gemeinde, weil sich die Bediensteten damit einfach besser auskennen.“

Viele Dinge, die Deutschen selbstverständlich erscheinen, müssen die Flüchtlinge vermittelt bekommen – bis hin zu so banal anmutenden Aufgaben wie das regelmäßige Leeren des Briefkastens. „Ist Post gekommen?“ Das sei, so Schreppel, „eine Standardfrage, wenn wir in die Unterkünfte gehen“. Den Umgang mit Abfällen nennt Pastor Bösemann als weitereres Beispiel. „Man muss sich das vor Augen führen: Ein Mann aus dem Sudan, der hierher kommt, soll plötzlich seinen Müll trennen. Das kennt er aus seiner Heimat aber nicht. Das muss er erst lernen.“

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